Überlebensstrategien für Unternehmen in der Corona-Krise

Rechtsanwalt Clemens Jaufer hat in der KSV1870-Webinar-Reihe jüngste insolvenzrechtliche Aspekte in der Corona-Krise erklärt. Und gibt Unternehmern Tipps, sich in der Corona-Krise zu behaupten. Mit einer Insolvenzwelle rechnet der Sanierungsexperte nicht.

Überlebensstrategien für Unternehmen in der Corona-Krise

Clemens Jaufer, Insolvenzrechts- und Sanierungssexperte, rechnet nicht mit einer "Flutwelle" bei Insolvenzen.

Ein Jahr nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie zieht Rechtsanwalt Clemens Jaufer KSV1870-Webina eine "Corona-Bilanz". In seinem Vortrag zeigt der Insolvenzrechts- und Sanierungsexperte die gesetzlichen Änderungen des vergangenen Jahres auf und gibt einen Überblick, wie sich Unternehmen allmählich von der anfangs vollständigen Unplanbarkeit neu aufgestellt haben.

Der Gesetzgeber hat von 2020 bis 2021 zur Abwehr von Insolvenzen eine Reihe von Maßnahmen gesetzt und Konnte damit bis dato auch eine Insolvenzwelle abwehren. Diese das Insolvenzrecht betreffenden Maßnahmen sind:

  1. Aussetzung der Insolvenzantragspflicht wegen Überschuldung (Überschuldungseintritt ab 01.03.2020)
  2. Verlängerung der „Sanierungsfrist“ vor Insolvenzantragstellung (120 Tage statt wie bisher 60 Tage-Frist zur Vorbereitung einer Sanierung)
  3. Erleichterung für Überbrückungsfinanzierungen durch Gesellschafter (120 statt 60 Tage)
  4. Anfechtungsschutz für Vorfinanzierung der Kurzarbeitsbeihilfe

Die Verunsicherung habe darin resultiert, dass Unternehmen sich über das eigene Geschäftsmodell schnell Gedanken machen mussten, betont Jaufer. Alleine aus "faktischen Gegebenheiten" wurde bei den Unternehmen ein Nachdenkprozess angestoßen, zum Teil aus einer reinen "Überlebensnotwendigkeit" heraus.

Rechtsanwalt Clemens Jaufer gibt zudem Unternehmen Tipps, wie sie sich in den kommenden Monaten mit dynamischen Überlebensstrategien auf die neuen Gegebenheiten einrichten können.

  • Laufende / kurzfristige Änderung des eigenen Geschäftsmodells
  • Entwicklung neuer Finanzierungsstrukturen
  • Beihilfen, staatliche Förderungen (Rpüfung auf Vielfalt, Tauglichkeit, Berücksichtigung und Auswirkung auf die Planung / Fortbestehensprognose
  • Beschleunigung von Nachfolgeprozessen
  • Verkauf von Betrieben oder Teile davon
  • Beteiligungsprozesse
  • Unternehmerische Hoffnung (etwa auf positive Marktveränderung, neuerliche Erstreckung / Verlängerung von Stundungen, Ratenzahlungsvereinbarungen mit Stundungsgläubigern etc.)

Die zuletzt immer wieder geäußerte Meinungg, es werde im Jahr 2021 zu einer Insolvenzwelle kommen, teilt Sanierungsexperte Jaufer nicht: "An eine Flutwelle von Insolvenzen glaube ich nicht." Es werde in bestimmten Branchen zu einem Anstieg an Insolvenzen kommen. Schwierig werde es für Unternehmen, die schon vor Ausbruch der "Corona-Krise" finanziell schwach ausgestattet waren.

Einschätzung der kommenden 12 Monate

Keine flächendeckende Insolvenzwelle
* „Umwälzungen“ in einzelnen Branchen
* Sonderfälle – Jungunternehmen, generell Substanz schwache Unternehmen

Statistischer Anstieg der Insolvenzzahlen
* Je nach Umgang mit dem Auslaufen der Stundungen und Finanzierungsmaßnahmen durch die öffentliche Hand
* Nach Auslaufen der Kurzarbeit

Anspannung am Arbeitsmarkt
* Nach Auslaufen der Kurzarbeit

Anstieg außergerichtlicher Restrukturierungen
* Anstieg der Transaktionslastigkeit von Restrukturierungen

Unentschieden

Das Ergebnis einer adhoc-Umfrage unter den Teilnehmern des KSV1870-Webinars zeigt auf, dass die Befragten bei der Einschätzung der Lage für die kommenden zwölf Monate uneins sind. Nach der sportlichen Terminologie würde man bei dem Umfrage-Ergebnis von einem Unentschieden sprechen.

"Mit dem Ergebnis habe ich durchaus gerechnet, weil jeder sein Umfeld betrachtet und so unterschiedliche Erfahrungen hat", sagt Jaufer. So wüssten etwa Hotelbetreiber heute nicht, ob sie über Ostern oder an den Feiertagen danach im Juni offen haben werden. Wegen der Unplanbarkeit und weil unter anderem auch mit dem Szenario eines weiteren Lockdowns gerechnet würde, sei die Stimmung im Tourismus pessimistischer als in anderen Branchen.

Anders sei die Perspektive hingegen in Branchen oder Unternehmen, die dank der Digitalisierung gut bis sehr gut durch die Corona-Pandemie gekommen sind und ihre Geschäftsmodelle angepasst haben oder mit weiteren Investitionen sich weitere Vorteile versprechen.


Web-Tipp

KSV1870-Mitglieder können die Webinar-Reihe hier online abrufen.

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