Ein Tiroler kauft Europa

Der 34-jährige Innsbrucker René Benko und sein griechischer Partner George Economou stehen vor der Kaufhof-Übernahme: die Krönung einer beachtlichen Unternehmerkarriere.

Das Büro von Signa-Gründer René Benko spielt alle Stücke. Wie beim britischen Geheimagenten James Bond öffnet sich auf Knopfdruck eine Schiebetür aus schwarzem Saphirglas. Der Besprechungstisch glänzt und ist aus feinstem Marmor, und die Aussicht auf die Innsbrucker Berge ist, ohne Übertreibung gesagt, atemberaubend. Benko selbst passt in dieses edle Bild. Trotz harter Verhandlungstage schimmert sein Teint dezent sonnengebräunt, der feine Zwirn sitzt wie angegossen, und am Handgelenk sorgt eine edle Rolex in Roségold-Ausführung für exakte Zeitmessung. Pünktlichkeit ist wichtig für den 34-jährigen Innsbrucker – immerhin steht er kurz vor dem größten Deal seiner bisherigen Unternehmerkarriere: dem Einstieg bei der deutschen Warenhaus-Legende Kaufhof.

Milliarden aus Griechenland

Bei der Erfüllung dieses Traums will Benko keine Fehler machen. Deshalb wählt er im FORMAT-Interview seine Worte mit Bedacht, lässt immer eine Hintertür offen. Eine fein abgewogene Dosis Stolz auf seine steile Karriere schwingt mit. Es klingt durch: René Benko sieht sich als Europas Immobilien-Mann der Stunde. Und das ist gar nicht so weit hergeholt.
Finanzkräftige Unterstützung erhält der waschechte Tiroler aus Griechenland. Der griechische Milliardär George Economou besitzt fast die Hälfte an Benkos Signa Holding und will auch reichlich Eigenkapital zuschießen, um den Kaufhof-Deal in trockene Tücher zu bringen. Zwei vermögende Familien aus Österreich und Bayern würden sich ebenfalls beteiligen – so alles glattgeht.

Zuvor muss René Benko aber noch zwei nicht zu unterschätzende Gegner ausspielen: die große spanische Shopping-Retailkette El Corte Inglés und Nicolas Berggruen, den Eigentümer von Karstadt. Letzterer träumt davon, eine Art k. u. k. Allianz zu schmieden und die beiden Einkaufszentrums-riesen zur Deutschen Warenhaus AG zusammenzuführen. In­sider geben seinen Ambitionen allerdings keine allzu große Chancen und sehen in Benko den großen Favoriten.Denn der hat den vielleicht entscheidenden Trumpf im Ärmel: Der ehemalige Porsche-Chef Wendelin Wiedeking hat sich an Benkos Signa Holding mit ein paar Prozent beteiligt und verhandelt mit dem ­machtbewussten und vor Selbstsicherheit strotzenden Kaufhof-Eigentümervertreter, dem früheren Daimler­Chrys­ler-Chef Egon Cordes, auf Augenhöhe. Ebenfalls im Verhandlungsteam ist der österreichische Ex-Bundeskanzler Alfred Gusenbauer, der sich gegenüber FORMAT höchst zuversichtlich zeigt: „Kaufhof wäre ein Meilenstein für die Zukunft der Signa. Ich räume dem Gelingen sehr gute Chancen ein.“ Solcherart gerüstet, tönt Benko bereits jetzt vollmundig: „Wenn alles klappt, können wir noch heuer den Kaufvertrag unterschreiben.“

Die Verhandlungen halten das ehrgeizige Signa-Team nahezu rund um die Uhr auf Trab. Ein Manager aus dem innersten Kreis berichtet, dass seit Anfang Oktober rund vierzig Leute mit dem Deal intensiv beschäftigt sind. Diese würden so viel telefonieren, dass täglich zwei bis drei Akkus für jedes Handy gebraucht werden. In den vergangenen Tagen absolvierte die Benko-Mannschaft Termine in sechs Städten, dar­unter in Athen und in der Finanzmetropole Frankfurt. „Es ist alles sehr spannend. Keiner von uns weiß derzeit, wo er morgen schlafen wird, vielleicht in Griechenland, vielleicht in Deutschland“, berichtet ein Beteiligter. Benko überlässt nichts dem Zufall und fliegt sogar Experten ein, die ihm bei der Transaktion helfen sollen.

Aufstieg in die Euro-Liga

Mit einem Schlag wäre der Selfmade-Millionär, der einst die Schule abbrach, ein Fixstern am deutschen Immobilien- und Warenhaushimmel. Mehr noch: Der Signa-Konzern würde sich mit Kaufhof ein komplett neues Geschäftsfeld eröffnen. Denn die Warenhauskette, für die Benko mindestens 2,4 Milliarden Euro auf den Tisch legen müsste, betreibt ein traditionelles Einzelhandels­geschäft: viele Eigenmarken, wenig eingemietete Markenartikler oder Shop-in-Shop-Konzepte wie in Benkos Kaufhaus Tyrol, das für ihn eher ein Immobilien-Business ist. Doch Signa will trotzdem die Handelsaktivitäten übernehmen und selbst weiterbetreiben. Benko vertraut diesbezüglich voll auf das aktuelle Management und schmiedet sogar bereits eifrig Expansionspläne.
Bislang ist die in Köln firmierende Kaufhof-Kette mit 109 Filialen in Deutschland vertreten und betreibt 15 weitere Warenhäuser unter dem Namen Inno in Belgien und Luxemburg. Weiters im Portfolio: eine Restaurantkette und der Freizeitausstatter Sportarena. Benkos Weg zum europäischen Player wird auch über Österreich führen. Wien sieht er als Standort für ein großes Premium-Kaufhaus geradezu prädestiniert. Innenstadtlagen in den heimischen Landeshauptstädten will er genau darauf hinanalysieren, ob sie sich für einen Kaufhof eignen. „Da kennt sich keiner so gut aus wie Benko. Von der Planung über die Baudurchführung bis zur Mieterauswahl: René ist der Beste“, streut ihm Signa-Aufsichtsrat Karl Samstag, einst Bank-Austria-Chef, Rosen. Einen hohen zweistelligen Millionenbetrag werden die neuen Kaufhaus-Eigentümer außerdem in die bestehenden deutschen Standorte investieren müssen.

Finanzierung eine Herausforderung, aber kein Problem

Die Finanzierung des Deals hat der Jungstar bereits in der Tasche. Benko: „Die Finanzierung ist zwar grundsätzlich eine Herausforderung, aber für die ­Signa mit ihren potenten Partnern sicherlich kein Problem. Unsere Stärke ist das Vertrauen der Gruppe und der handelnden Persönlichkeiten bei deutschen, Schweizer und österreichischen Banken. Das ist auch die Meinung der Metro.“ In der Branche machen zwar immer wieder Gerüchte die Runde, dass sich Benko finanziell überheben könnte. Er arbeite mit viel Risiko und Fremdmitteln. Karl Samstag widerspricht: „Benko bietet reichlich Sicherheiten, auf diese Gerüchte würde ich nicht zu viel geben.“ Benko selbst versichert, dass die ­Signa über eine – für ein Immobilienunternehmen hohe – Eigenkapitalquote von 50 Prozent verfügt. Auch Vermutungen dementiert er, außer seinem Partner Economou könnten auch reiche Russen und Milliardäre aus dem arabischen Raum Geld bei ihm geparkt haben.

Immobileien im Wert von 4,4 Mrd. Euro

Das Immobilien-Portfolio der Signa ist derzeit ­beachtliche 4,4 Milliarden Euro wert, 1,5 Milliarden davon entfallen auf Wien. Doch auch die Auslandsaktivitäten der Signa Holding entwickeln sich vielversprechend. Benko investiert zum Beispiel viel Geld in Italien und Luxemburg. Eines der aufsehenerregendsten Projekte: Die Signa Development nennt eine zehn Hektar große Liegenschaft in Gardone am Gardasee ihr Eigen. Dort entsteht eine mondäne Wohnanlage mit Clubhaus, Villen und Penthäusern. Die Investitionssumme beträgt 65 Millionen Euro.
In Sirmione, ebenfalls am Gardasee, besitzt Benko auch eine luxuriöse Privatvilla, in die er oft Geschäftspartner lädt.

Die geschlossenen Immobilienfonds, die von der Signa gemanagt werden, legen in Mailand, Prag, Brüssel und Frankfurt an. Mit dem Kauf der Bawag-Immobilien hält Benko Top-Lagen in der Wiener City. Das neue Park Hyatt in der ehemaligen Länderbank-Zentrale am Hof und die Shoppingmeile auf der Tuchlauben – Louis-Vuitton-Flagship-Store inklusive – runden das Portfolio hochkarätig ab. Sogar die Verlängerung der Fußgängerzone hat er erwirkt. „Das soll ihm erst einmal einer nachmachen“, macht Samstag für seinen Schützling Benko Stimmung.

Weitere Immo-Perlen: das Bank Austria Kunst­forum und das Meinl-Haus am Graben. Die Firmenzentrale der Signa liegt auf der Freyung in Wien, ein weiteres Headquarter befindet sich neben dem eigenen Kaufhaus Tyrol unweit des Goldenen Dachls in Innsbruck.
Doch auch Benko bleibt mancher Ärger nicht erspart. Neben Zoff mit in die Jahre gekommenen Mietern, die noble Liegenschaften trotz stattlicher Ablösen nicht verlassen wollen, ist auch das Verhältnis zu Investor Ronny Pecik getrübt. Grund dafür ist ein Global-Express-Privatjet. Pecik hat die Maschine Benko verkauft, sich allerdings das Recht behalten, diese zu mieten. Über die genauen Benutzungszeiten wird nun immer wieder heftig gestritten. Benko hat schon mehrmals gesagt, den Deal am liebsten rückabwickeln zu wollen. Doch davon will Pecik nichts wissen.
Hochkarätiges Netzwerk. Mehr Glück hat René Benko mit anderen Partnern wie Wüstenrot-Generaldirektorin Susanne Riess-Passer. Sie hat Benko auf einer privaten Feier in Innsbruck kennen gelernt, als der heutige Immobilienbaron gerade einmal 17 Jahre alt war. Von ihren weit verzweigten Kontakten profitiert Benko schon lange. So hat er auch mit Riess-Passers Ehemann Geschäfte gemacht. „Ich war immer schon sehr beeindruckt von René und seinem guten Gespür fürs Geschäft. Keiner, den ich kenne, hat so viel Ahnung vom Immobiliengeschäft wie er“, schwärmt die frühere Vizekanzlerin. Riess-Passer sitzt heute ebenfalls im Aufsichtsrat der Signa Holding.

Riess-Passer in Kaufhof-Verhandlungen nicht involviert

In die Kaufhof-Verhandlungen ist sie allerdings nicht involviert, das ließe der zeitaufwendige Job bei Wüstenrot nicht zu. Auch Samstag sagt, nicht direkt eingebunden zu sein. „Wenn es so weit ist, wird im Aufsichtsrat sicher alles genau besprochen werden.“
Benkos engmaschiges Netz aus Kapazundern aus Politik und Wirtschaft kann sich sehen lassen. Auch Casinos-General Karl Stoss lässt für den Tiroler seine Kontakte spielen. So unterschiedlich die vielen Consulter auch sein mögen: Wenn es um Benko geht, auf dessen Payroll sie stehen, sagen alle, dass der Tiroler ein unternehmerisches Naturtalent sei und erfreulicherweise nicht beratungsresistent. Peter Hasskamp, früher Chef der Bremer Landesbank, und Rainer de Backere, Ex-Vorstand der Westfälischen Versicherung, sitzen ebenfalls in Benkos Beirat.
Die Kaufhof-Verhandlungen dürften sich vor allem für Gusenbauer lohnen. Ihm soll eine Prämie in Millionenhöhe winken. Über das genaue Ausmaß herrscht Stillschweigen. Direkt beteiligt ist „Gusi“ allerdings nicht: „Darin sehe ich nicht meine Aufgabe, da halte ich mich an die Strabag-Regel.“ Im Klartext: Ein Berater ist Berater und kein Eigentümer.

Sein Reichtum ist eine Sache, die René Benko nicht sonderlich offensiv kommuniziert. Aber rechnet man das Immobilienvermögen der Signa ohne die Fonds und abzüglich der Kredite, so bleiben rund 1,5 Milliarden übrig. Die Hälfte entfällt auf Benko. Insgesamt dürfte sein Vermögen also nicht sehr weit weg von einer Milliarde Euro liegen.
Noch mehr besitzt der griechische Reederei-Magnat George Economou. Der griechische Kompagnon kommt bei den Österreichern gut an. Alfred Gusenbauer spricht von einem lässigen Kerl, „der keine Krawatten trägt und gut drauf ist“.
Economou ist einer der bekanntesten Kunstsammler Europas. Er besitzt gut 2.000 wertvolle Werke und gilt als einer der größten Sammler Deutscher Meister. Auch René Benko nennt eine Reihe von Gemälden, darunter Original-Warhols, sein Eigen.

Ein Leben im Luxus

Einem Leben in Luxus können beide viel abgewinnen: Economou wird ebenso wie Benko ein Hang zu Yachten und schnellen Autos nachgesagt. Der Tiroler hat ein mehr als ansprechendes Luxusschiff an der Côte d’Azur ankern, das im Sommer im Zentrum seiner ausgeklügelten Networking-Aktivitäten steht. Seinen alten Ferrari hat Benko zwar verkauft und pilotiert nun lieber einen Mercedes S-Klasse. In der Garage warten dennoch ein paar neuere Sportflitzer. Den Privatjet leistet er sich fürs Business. Für seine Tochter Laura, die seiner ersten Ehe entsprungen ist, hat er eine Privatstiftung errichtet. Mit seiner zweiten Frau hat Benko einen Sohn.

Der Duft des Erfolgs

Die U-Bahn gehört nicht zu Benkos bevorzugten Fortbewegungsmitteln. Bei der Vereinbarung des Interviewtermins mit FORMAT erklärt er, gerade das erste Mal im Leben in Wien U-Bahn zu fahren. Ein Stau hat ihn zur Flucht aus der Luxus­limousine veranlasst: Er will die deutschen „Bild“-Chefredakteure nicht warten lassen, die angereist sind, um ihn zu Kaufhof zu befragen.

Über seinen Erfolg, den er vor allem von Visionen verursacht sieht, sagt Benko: „Was mich immer wieder begeistert und anspornt, ist das kontinuierliche Wachsen. Ich blicke mit einem gewissen Stolz und einem Sicherheitsgefühl auf das Geleistete zurück.“ Als Teil des Wirtschafts-Establishments fühlt er sich noch nicht. Aber: „Ich bin auf dem besten Weg dorthin. Ich will ein langfristig erfolgreiches Unternehmen schaffen und glaube, dass das gelingen wird.“ Als einen wichtigen Erfolgsfaktor nennt er, dass die Signa ein Privatunternehmen geblieben ist, wo nur wenige etwas entscheiden.Natürlich geht es auch darum, die Kontrolle nicht mit allzu vielen Menschen teilen zu müssen. Und Kontrolle liegt Benko sehr am Herzen. Selbst die ­Fotos beim FORMAT-Termin lässt er sich zeigen. Nicht dass darauf etwas zu sehen sein könnte, was den Kaufhof-Deal gefährdet.
Dann schließt sich die Schiebetür zu seinem Büro wieder, Benko eilt zum nächsten Verhandlungstermin – zurück bleibt ein Hauch von sündteurem Parfüm.

– Florian Horcicka, Silvia Jelincic

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