Wie Marie Boltenstern Schmuck neu denkt

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Marie Boltenstern
 © APA-Images / Karl Schöndorfer

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Die Ohrringe der Wienerin Marie Boltenstern werden von Frauen in Politik, Wirtschaft und Unterhaltung getragen. Wie es die Architektin schaffte, aus dem väterlichen Traditionsbetrieb ein höchst innovatives Unternehmen zu formen.

Besser hätte es keine Marketingagentur der Welt planen können. Von Politikerinnen über Unternehmerinnen und Moderatorinnen bis zu Schauspielerinnen – viele von ihnen tragen die federleichten, bunten Ohrringe von ­Marie Bolten­stern. Auch in den sozialen Medien und in Fotodatenbanken fallen immer öfter Frauen auf, die Ohrringe der Wiener Jungunternehmerin tragen. Von Boltenstern als Werbegeschenk zugeschickt wurde der Schmuck jedoch nie, die Trägerinnen sind allesamt ihre Kundinnen. „Es ist durch Zufall entstanden, dass so viele inspirierende Frauen unsere Ohrringe tragen. Das ist wunderschön“, zeigt sich Boltenstern stolz.

Außenministerin Beate Meinl-Reisinger, ein Boltenstern-Schmuck-Fan der ersten Stunde, verschenkt etwa die Ohrringe gerne bei Amtsbesuchen. So auch an die slowenische Außenministerin Tanja Fajon. Diese kauft seit ihrem Wien-Besuch ebenfalls bei Boltenstern ein. Eine Trägerin ­inspiriert die nächste. „Viele erzählen mir, dass die Ohrringe bei Veranstaltungen ­sofort eine Verbindung schaffen“, erzählt Boltenstern.

Design trifft Technik

Begonnen hat die Erfolgsgeschichte in einem tradi­tionellen Wiener Familienunternehmen. Mit 25 Jahren übernahm Marie ­Boltenstern die Goldschmiede ihres Vaters Sven Boltenstern, Enkel des Wiener Ringturm-Architekten Erich Bolten­stern. Heute führt die 37-Jährige das ­Unternehmen gemeinsam mit ihrem Mann Raoul.

Sieben Mitarbeiter:innen arbeiten für die beiden Marken Boltenstern und ­Fabnora. Entworfen und fertiggestellt werden die Schmuckstücke im traditionsreichen Atelier in Wien-Hietzing.

Das Besondere ihres Schmucks passiert jedoch nicht hierzulande, sondern im Vereinigten Königreich und in Deutschland. Während ihres Architekturstudiums in Wien, Berlin und London hat die Desi­gnerin ihre Faszination für den 3D-Druck entdeckt. Als sie von einem neuartigen 3D-Drucker in England erfuhr, der auch Gold drucken kann, war sie sofort begeistert – und erkannte, dass sie damit traditionelle Goldschmiedekunst mit ihrer neuen Leidenschaft verbinden könne. „Ich wollte aus der Familientradition ­etwas Neues und Skalierbares machen.“

Mit dem Gold-3D-Druck betrat Bolten­stern Neuland. Monatelang tüftelte die Architektin an den ersten Entwürfen. „Wir drucken Teile aus vielen kleinen Elementen, die beweglich zusammenhängen. So etwas gibt es in der herkömmlichen Goldschmiede nicht“, erzählt die Architektin. Die ersten Prototypen hätten allerdings wenig mit Fine Jewelry zu tun gehabt, lacht Boltenstern heute über die Anfänge. Eingesetzt wird die Technologie dort, wo die klassische Goldschmiedekunst an ihre Grenzen kommt. „Der Druck soll Dinge ermöglichen, die man von Hand nicht fertigen könnte.“

Die ersten 3D-Kollektionen – hochpreisiger Gold- und Silberschmuck – wurden unter der Marke Boltenstern ­verkauft. Gedruckt wird im Vereinigten Königreich, die Fertigstellung erfolgt dann in Wien.

Erfolgreiches Experiment

Da der Druck mit Gold kostenintensiv ist, hatte die Designerin die Idee, ihre Prototypen aus buntem Polyamid zu fertigen – mit unerwarteten Folgen: „Ich habe mir den ersten Entwurf ans Ohr gehalten und war sofort begeistert.“ Sie erkannte, dass es nicht immer teures Gold sein muss und ihre Kreationen auch auf Kunststoffbasis überzeugen. So ist die Marke Fabnora entstanden. 35.000 Ohrringe konnte Boltenstern unter dieser Marke im vergangenen Jahr verkaufen. Die Schmuckstücke kosten je nach Modell rund 120 Euro und sind jene, die bei Politikerinnen, Managerinnen und Moderatorinnen besonders gut anzukommen scheinen.

Alle Designs werden von der Archi­tektin selbst entworfen. Inspiration holt sie sich in der Natur. „Jede Pflanze und jede natürliche Struktur basiert auf einer ­mathematischen Basis. Das fasziniert mich.“ Die gelernte Architektin übersetzt die geometrische Formel dann in Schmuckstücke.

Gedruckt werden die bunten Polyamid-Ohrringe in der Nähe von München, die Stecker, die man je nach Geschmack dazu kombinieren kann, in Italien und Spanien. Aufgrund der steigenden Menge an verkauften Ohrringen können diese nicht mehr im Wiener Atelier per Hand gefertigt werden.

Große Fußstapfen

Anfangs stießen vor allem die 3D-gedruckten Goldkreationen in der Branche auf Skepsis. Fine Jewelry aus dem Drucker passte nicht zum traditionellen Verständnis vieler Goldschmied:innen. Hinzu kam, dass Boltenstern als frische Uniabsolventin den Traditionsbetrieb ihres Vaters Sven übernahm: „Viele haben mich damals belächelt und meinten: ‚Die macht ein bisschen Schmuckdesign für den Papi‘“, erzählt Boltenstern rückblickend. Davon abbringen, ihre 3D-Vision umzusetzen, ließ sich die Wienerin jedoch nicht: „Das war eine sehr lehrreiche Zeit.“

Die ersten Jahre investierte Bolten­stern ausschließlich in die Entwicklung ihrer neuartigen Schmuckdesigns. Unterstützung bekam sie dabei von den Mitarbeitenden des Traditionsbetriebs, die die neuen Ideen der Jungunternehmerin mittrugen. „Gott sei Dank hat mich das Team unterstützt. Rückblickend war ich mit manchen Themen schon auch überfordert und habe es gebraucht, dass alle hinter mir gestanden sind“, reflektiert Boltenstern.

Auch heute ist das Unternehmen ein Familienbetrieb. Boltensterns Mann ­Raoul ist nach der Geburt ihrer ersten ­gemeinsamen Tochter ins Unternehmen eingestiegen. Er ist für die Finanzen und den Vertrieb verantwortlich. Der 36-Jährige war zuvor in der Industrie und der M&A-Beratung tätig. „Es ist natürlich etwas anderes. Man kommt aus einem Konzern mit 1,4 Milliarden Euro Jahresumsatz in ein kleines Unternehmen und muss mal ein paar Nullen wegstreichen. Jetzt hat aber jeder Euro ein Mascherl für mich. Ich weiß ganz genau, wie hart wir für jeden Euro gearbeitet haben.“

Das Ehepaar hat zwei Töchter im Alter von eineinhalb und drei Jahren. Die Care-Arbeit und die Unternehmensführung teilt es sich auf. Wenn sie an einer neuen Kollektion arbeitet, spielt sie ihr Mann frei. Und umgekehrt. „Ich dachte früher, dass ich beruflich kürzer treten muss, sobald ich Kinder habe. Aber das Gegenteil ist passiert.“ Und ihr Mann ­ergänzt: „Es ist etwas Besonderes, dass die Vision, die wir als Familie haben, sich auch mit der des Unternehmens deckt.“

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orangene Ohrringe

Für die UN-Kampagne gegen Gewalt an Frauen „Orange the World“ entwarf ­Marie Boltenstern Schmuck.

 © beigestellt

Ohrringe mit Botschaft

Zukunftsvisionen

Das Unternehmen befindet sich derzeit in einer starken Expansionsphase. Besonders der deutsche Markt entwickelt sich dynamisch. Für heuer rechnen die Boltensterns mit einem Wachstum beider Marken von 30 bis 50 Prozent.

Neben dem Onlinegeschäft setzen sie stark auf das B2B-Geschäft. Rund 300 Händler im D-A-CH-Raum führen die Schmuckmarken bereits. In den kommenden Jahren soll diese Zahl deutlich wachsen. Das Unternehmen befindet sich gerade an einem Wendepunkt, erzählt die Designerin: Immer öfter kommen Juweliere von sich aus auf Boltenstern zu.

Parallel arbeitet sie an ihrer Vision, ein 3D-Kompetenzzentrum in Wien zu er­öffnen. Abgesehen von den Kosten – ein Drucker kostet zwischen 200.000 und 300.000 Euro – seien die Fachkräfte, die Qualitätssicherung und die Abwicklungen Herausforderungen, die die Umsetzung erschweren, so Boltenstern: „Der Golddrucker muss andauernd mit zwei bis fünf Kilogramm Goldpulver gefüllt sein. Das Working Capital ist riesig, um die ­Produktion am Laufen zu halten.“

Noch Zukunftsmusik ist ein weiteres Projekt der Schmuckarchitektin: Sie arbeitet an einer noch geheim gehaltenen Kooperation mit einer bekannten Luxusmarke. Gemeinsam entsteht eine Schmuckkollektion aus 3D-gedrucktem Gold, die 2027 präsentiert werden soll.

Trotz des Erfolgskurses zählt für ­Boltenstern vor allem das Feedback ihrer Kundinnen. „Viele erzählen uns, dass sie sich größer und selbstbewusster fühlen, wenn sie unsere Ohrringe tragen. Das ist für mich der wichtigste Erfolg.“

Der Artikel ist im trend.female vom 29. Mai 2026 erschienen. Hier geht's zum E-Paper.

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