WKO und ORF: Führungsversagen

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Leitartikel. Die Köpfe an der Spitze sind weg, die alten Zöpfe aber noch da. Wenn aus den Krisen falsche Schlüsse gezogen werden, wird es brandgefährlich fürs Land, schreibt trend-Chefredakteur Bernhard Ecker.

Hintergrundgespräche werden oft dazu missbraucht, Medienvertretern Exklusivität vorzugaukeln und doch nur vordergründige Botschaften zu platzieren. Insofern war es eine Wohltat, als vor einigen Monaten ein Hochrangiger aus dem Politbetrieb des Landes in kleiner Runde wirklich „off“ redete.

Er sprach unter dem Eindruck bis dahin vorliegender Resultate aus Arbeitsgruppen zur Gesundheitsreform und zur Industriepolitik von einem „Institutionenversagen“ der Republik, das von den Sozialpartnern über die Parteien bis zum Föderalismus reiche. Die Ursachen sah dieser Mann, der jahrzehntelangen Einblick ins Innerste der Republik hat, in Führungsversagen: fehlendes handwerkliches Wissen, mangelndes Vertrauen, nicht vorhandene Führungskompetenz. „Das jetzige Personal hätte für Zeiten getaugt, in denen wir drei bis vier Prozent Wachstum hatten. Aber es taugt nicht für Krisenzeiten“, lauteten die düsteren Worte.

Wenige Wochen nach diesem Kassandraruf trat Wirtschaftskammer-Präsident Harald Mahrer zurück, vier Monate später ORF-Generaldirektor Roland Weißmann. So unvergleichbar die Anlässe waren – völlig missglückte Pläne zur Erhöhung von Funktionärsbezügen hier, Vorwürfe der sexuellen Belästigung da –, so auffällig sind die Parallelen. In der Krise wurde an der Spitze – in den Gremien, in der Kommunikation – so reagiert, dass der Schaden vermutlich sogar vergrößert wurde, obwohl vielfach PR-Fachleute am Werk waren. Das Desaster hat System.

Der öffentlich-rechtliche ORF darf ebenso wie die WKO zu den tragenden Säulen der Republik gezählt werden. Beide sind durch verpflichtende Beitragszahlungen ihrer Kunden bzw. Mitglieder finanziell privilegiert, und beide sind föderal strukturiert: neun WKO-Länderkammern, neun ORF-Landesstudios.

In beiden Häusern hat zudem Parteipolitik bestimmenden Einfluss in den Gremien, wobei es in der WKO mit dem beherrschenden ÖVP-Wirtschaftsbund klare Machtverhältnisse gibt, während im 35-köpfigen (!) ORF-Stiftungsrat das fein austarierte Machtgefüge des Staats abgebildet werden muss: Parteien, Bundesregierung, Bundesländer. Das eklatante Krisenmanagement-Versagen wurde von zu viel Politeinfluss eher begünstigt als vereitelt.

Deshalb wäre fatal, wenn es nur beim Austausch der in die Schusslinie geratenen Köpfe bliebe. Der Erneuerung am Haupt muss eine Erneuerung an den Gliedern folgen. Die Strukturen in WKO und ORF sind vielfach in die Jahre gekommen, sie bilden eine alte Unternehmens- und Medienwelt ab. Beim Personal stehen Altverträge und „wohlerworbene Rechte“ einer zügigen Transformation im Weg. Eine Reform der Entscheidungsgremien – beim ORF wären etwa die Verkleinerung und die Professionalisierung des Stiftungsrats nach dem Vorbild von AG-Aufsichtsräten überfällig – ist ein erster Schritt. Natürlich braucht es auch eine neue Führungskultur, wie sie ORF-Stiftungsratschef Heinz Lederer nun per Taskforce installieren will. Es wäre allerdings ein Hohn, wenn ein neuer Stil von den derzeitigen Kontrolleuren definiert wird, die sich gerade selbst eine neue Geschäftsordnung verpassen mussten, um allzu viel Zank bei den eigenen Sitzungen kleinzuhalten.

Dass wie in der Kammer nun auch am Küniglberg zumindest interimistisch eine Frau – die bisherige Radiodirektorin Ingrid Thurnher – die Wogen glätten soll, ist in jeder Hinsicht eine Chance. Unabhängig von der Person Thurnher wird die ORF-Generaldirektorenwahl im August mit Sicherheit zu einem Wettbewerb der wolkigen Zukunftsversprechen, die dann aber erst einmal eingelöst werden müssen.

Ratsam für den oder die Neue ist ein Blick in die Wiedner Hauptstraße, den Sitz der Bundeswirtschaftskammer: Ob Martha Schultz, Nachfolgerin von Mahrer, eine tiefgreifende Reform ihrer Organisation gelingt, wird sich schon bald zeigen. Die bisherigen Querschüsse hat sie gut gemeistert.

Alternativen zum Gelingen gibt es nicht. Andernfalls bleiben identitätsstiftende Instanzen der Zweiten Republik auf längere Zeit beschädigt, und die mit Abstand größte Partei, die FPÖ, braucht – obwohl selbst Teil des Systems – nur darauf zu warten, bis die Früchte vom Baum fallen. Von der Errichtung der Dritten Republik träumen die Freiheitlichen ja schon länger. Diesbezügliche Kassandrarufe gibt es zu Genüge, nicht nur im „Off “.

Der Leitartikel ist in der trend.EDITION vom 20. März 2026 erschienen.

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