Siemens Healthineers-Vorständin: „Wir glauben an den Standort Deutschland“

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Elisabeth Staudinger, Mitglied des Vorstands von Siemens Healthineers

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Elisabeth Staudinger, gebürtige Grazerin und Mitglied des Vorstands von Siemens Healthineers, über Diversität als gelebte Normalität, millionenschwere Belastungen aus den US-Zöllen und echte Gamechanger in der Medizintechnik.

trend: Sie arbeiten für ein Ausnahmeunternehmen: 50 Prozent Frauen im Vorstand sind eine Rarität im DAX. Was bedeutet Ihnen das?

Elisabeth Staudinger: Bei Siemens Healthineers haben wir die glückliche Situation, dass unser vierköpfiger Vorstand paritätisch besetzt ist. Das ist tatsächlich noch die Ausnahme im DAX. Zugleich ist es aber auch so, dass man sich relativ schnell daran gewöhnt. Ich denke heute nicht mehr groß darüber nach.

Sie und Ihre Kollegin Darleen Caron sind seit 2021 im Vorstand vertreten. Was hat sich dadurch im Konzern verändert?

In meiner eigenen Karriere hatte ich nie das Gefühl, durch strukturelle Barrieren eingeschränkt zu sein. Daher war Diversität lange Zeit kein zentrales Thema für mich. Das hat sich erst geändert, als mir vor etlichen Jahren ein Frauen-Ranking für börsennotierte Unternehmen in Deutschland in die Hände fiel: Siemens Healthineers belegte hier Platz 82 von 100. Dieser Befund hat mich wachgerüttelt. Mir wurde klar, dass individueller Erfolg nicht ausreicht, wenn er nicht mit Verantwortung einhergeht. Mit meiner Bestellung und dem fast zeitgleich von Siemens Healthineers gefassten Beschluss, das Thema Diversität mit mehr Konsequenz zu verfolgen, hat dann eine gezielte Veränderung begonnen: Heute liegt der Frauenanteil bei Führungspositionen konzernweit bei rund 30 Prozent – und damit in etwa doppelt so hoch wie vor fünf Jahren.

Sie sind früh in Ihrer Karriere nach China gegangen, haben später viele Jahre in der Region verbracht. Welche Rolle spielte diese Zeit für Ihren Aufstieg?

Die Erfahrung war für mich in vielerlei Hinsicht essenziell. Wenn man sein gewohntes Umfeld verlässt, erweitert das den eigenen Horizont erheblich. Man entdeckt Fähigkeiten, von denen man zuvor nichts ahnte. Ich habe persönlich enorm profitiert – und beruflich, indem ich diese Erfahrungen aktiv in meine Rolle einbringen kann.

Heute sind Sie im Vorstand zuständig für China. Wie stellt sich derzeit die Lage vor Ort dar?

Nach Covid gab es die Erwartung, dass relativ schnell wieder starkes Wachstum in den Markt kommt. Und das ist nicht eingetreten, sondern der Markt war relativ verhalten. Verantwortlich dafür waren mehrere Faktoren. Einerseits gab es Budgetprobleme verursacht durch Covid und parallel dazu eine verschärfte Antikorruptionskampagne mit dem Ziel, Unregelmäßigkeiten, vor allem auf der Seite der Krankenhäuser, in den Griff zu bekommen. Das führte dazu, dass sich der Markt flach bis rückläufig entwickelte und der Wettbewerbsdruck stieg. Dennoch bleibt China ein sehr wichtiger Markt für uns. Wir können hier nach wie vor die Marktführerschaft behaupten.

China entfaltet in vielen Branchen ein großes Innovationspotenzial. Droht die Medizintechnik ähnlich stark unter Druck zu geraten wie die deutsche Autoindustrie?

In unserer Branche gibt es keinen derart fundamentalen Technologiewechsel wie den vom Verbrennungsmotor zum Elektroantrieb, bei dem chinesische Hersteller einen Vorsprung aufbauen konnten. Das bringt uns schon in eine etwas bessere Position als die Automobilindustrie. Zwar erleben wir in der Bildgebung mit dem photonenzählenden Computertomografen ebenfalls einen technologischen Quantensprung. Allerdings sind wir hier bislang die Einzigen, die ein serienreifes Produkt erfolgreich am Markt anbieten.

Ein weiterer wichtiger Absatzmarkt sind die USA. Dort hat das Höchstgericht die von Präsident Donald Trump im Rahmen eines Notstandsgesetzes verhängten Zölle gekippt. Was bedeutet die neue Situation für Sie?

Wir gehen derzeit weiter von einer Nettozollbelastung von 400 Millionen Euro für dieses Geschäftsjahr aus. Wir haben gesagt, dass wir einen mittelfristigen Ausgleich, etwa durch abgestufte Preismaßnahmen und Kostenoptimierungen, erreichen können. Natürlich prüfen wir aktuelle Entwicklungen sorgfältig weiter.

Sie haben die Zollstrategie Ihres Unternehmens maßgeblich mitentwickelt. Welche Eckpunkte können Sie hervorheben?

Wir haben auf der Basis von Berechnungen verschiedene Möglichkeiten gesucht und gefunden, um Zollbelastungen abmildern zu können. Denkbar sind auch Anpassungen bei unseren Fertigungsstandorten. Entsprechende Konzepte liegen bereit, so dass wir bei Bedarf schnell reagieren und konkrete Maßnahmen umsetzen können.

Halten Sie die bisherigen Antworten der EU auf die Trump-Zölle für angemessen?

Ich habe großen Respekt vor den sorgfältigen Abwägungen der EU und halte es für richtig, dass bislang keine Gegenzölle verhängt wurden. Dennoch begrüße ich, dass es eine Beschlusslage dazu gibt, die im Falle einer weiteren Eskalation aktiviert werden kann. Bei Grönland haben wir gesehen, dass es sehr plötzlich dazu kommen kann.

Siemens Healthineers investiert weiterhin viel Geld in Europa und speziell in Deutschland. Wie sehen Sie den Standort?

Wir fühlen uns wohl in Deutschland. Das spiegelt sich auch in unseren Investitionsentscheidungen wider – mit über 650 Millionen Euro in den letzten Jahren. Wir glauben an den Standort und an die Wettbewerbsfähigkeit dieser Medizintechnikindustrie in Europa und für Europa.

Und welche Bedeutung hat Österreich?

Österreich ist für uns traditionell das Tor nach Osten. Von Wien aus betreuen wir eine riesige Geografie mit mehr als 30 Ländern – von Tschechien bis Kasachstan, von Polen bis Israel.

Gibt es Überlegungen, Wien weiter aufzuwerten?

Wenn Sie nach Investitionen fragen, geht es nicht direkt um den Mitarbeiterstand. In unserer österreichischen Vertriebs- und Serviceorganisation arbeiten mehr als 500 Leute. Wir arbeiten in Österreich sehr eng mit den Universitäten zusammen und planen, mehr Geld in gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten zu investieren. Das ist ein ganz essenzieller Baustein für uns.

Im Vorstand sind Sie zuständig für Technologiethemen und als Mitglied des Lenkungskreises in der Bildgebung sehr intensiv mit künstlicher Intelligenz ­befasst. Wie viel KI steckt schon heute in Lösungen von Siemens ­Healthineers?

KI steckt schon viel länger in unseren Produkten, als alle das Wort buchstabieren können. Heute haben wir rund 100 als Medizinprodukte zugelassene KI-gestützte Software­lösungen. Damit sind wir die Nummer eins in der Welt der Medizintechnik. Unser Team in Princeton besteht aus 350 Leuten und dem Supercomputer Sherlock, der Zugriff auf 2,3 Milliarden Datenpunkte hat, die wir über die Jahre gesammelt haben. Damit werden jeden Tag über 1.800 Experimente durchgeführt. Das befeuert unsere KI-Agenda.

Viele Technologien, an denen Siemens Healthineers heute forscht, sind noch Zukunftsmusik. Welche davon könnten zu echten Gamechangern werden?

Wir denken hier in einem Dreieck: erstens „Patient Twinning“. Hier geht es darum, einen digitalen Zwilling des Menschen zu erstellen, um möglichst früh und genau Risiken zu erkennen und Diagnosen abzuleiten. Zweitens die Präzisionstherapie, die auf dieser Datengrundlage eine individuell abgestimmte Behandlung ermöglicht. Und drittens die Chancen, die Healthcare-AI eröffnet, indem sie Vorhersagen und Simulationen liefert, die helfen, die Therapie optimal auf die Person zuzuschneiden. ­

Siemens plant die Abspaltung der Medizintechnik-Tochter. Aus Ihrer Perspektive als Vorständin – was bedeutet das für Ihre Arbeit und Ihren Gestaltungsspielraum?

Die größte Veränderung wird sein, dass sich die Shareholder-Zusammensetzung ändert. Aber das hat eigentlich keine Auswirkungen auf unsere Strategie oder auf die Schwerpunkte, die wir im Vorstand setzen.

Und abseits des Jobs: Wie sorgen Sie für Ihre persönliche Resilienz?

Ich habe eine große Affinität zu den Bergen. Wenn es irgendwo flach ist, finde ich es langweilig. Im Winter fahre ich Ski oder gehe Skitouren, ich wandere gerne oder erklimme die Berge. Das ist für mich ein wichtiger Ausgleich zum beruflichen Alltag.

Zur Person

Das Interview ist erschienen im trend.Premium vom 6. März 2026.

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