Warum Unternehmen in der Krise auf Frauen setzen

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Die neue Präsidentin der WKO: Martha Schultz

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Krisen bieten Frauen enorme Karrierechancen: Evelyn Palla will die marode Deutsche Bahn wieder pünktlich auf die Schiene bringen. In Österreich soll Martha Schultz die Wirtschaſtskammer aus einer historischen Krise führen. Zwei Macherinnen von vielen, die die Wirtschaft nach Ausnahmesituationen in der ersten Reihe mitgestalten.

In ihrer größten Krise setzt die Deutsche Bahn auf eine Frau. Evelyn Palla, 53, langjährige Bahnmanagerin und seit Oktober 2025 erste weibliche CEO des angeschlagenen Staatsunternehmens – und in dieser Rolle die erste mit Lokführerschein. Nutzte Palla die Zeit nach ihrem Jobantritt, um sich ein Bild vom Ausmaß der Misere zu machen, ist mittlerweile klar: Die geborene Südtirolerin plant den umfassendsten Umbau des Staatsunternehmens seit der Bahnreform 1994. In der Konzernleitung will sie massiv Stellen abbauen und mit dem „Dschungel an Kennzahlen“ aufräumen. Künftig soll es vor allem zwei Ziffern geben: Pünktlichkeit und operatives Ergebnis.

Mit 28.000 Baustellen, die es heuer in ganz Deutschland geben wird, müssen sich die Fahrgäste allerdings auf weitere Verzögerungen einstellen. Das kommuniziert Palla nüchtern wie eine Controllerin, die sie mal war. Dabei kennt sie es auch anders. Vor ihrem Wechsel nach Deutschland war sie viele Jahre für die zwar kleineren, aber pünktlicher verkehrenden ÖBB tätig, zuletzt als Vorständin für den Personenverkehr. 2019 wechselte sie zur Deutschen Bahn. Auf LinkedIn formuliert sie ihren Anspruch als neue Chefin programmatisch: „Mit Klarheit, Teamgeist und Konsequenz können wir die Deutsche Bahn wieder zu dem machen, was sie sein soll – das Rückgrat nachhaltiger Mobilität in Deutschland.“

Als oberste Krisenmanagerin ist Palla keine Ausnahme. International gibt es viele Frauen, die genau dann die Führung eines Unternehmens, einer Institution, ja sogar ­einer Regierung übernommen haben, wenn die Krisenlast und das Risiko des Scheiterns am höchsten waren: Marissa Mayer, die 2012 zur CEO von Yahoo berufen wurde, als das Unternehmen massiv Marktanteile gegenüber Konkurrenten wie Google verloren und bereits seit Jahren an Relevanz eingebüßt hatte. Theresa May, die rund um das Brexit-Referendum als Premierministerin des Vereinigten Königreichs übernahm. Und im von der Ibiza-Affäre erschütterten Österreich führte Verfassungsrichterin Brigitte Bierlein 2019 als erste Bundeskanzlerin souverän eine Übergangsregierung. ­

Dass in Krisensituationen gerne Frauen geholt werden, lehrt uns die Geschichte. Die Hoffnung ist, dass Frauen die Wellen wieder glätten.

Martha Schultz

Krisen als Karriere-Katapult

Die aufgezählten Frauen stehen für ein Phänomen, das in der Forschung Glass Cliff Effect heißt – in Analogie zur Glass Ceiling – und 2005 erstmals beschrieben wurde. Zwei deutsche Forscher haben das Thema vor zwei Jahren erneut untersucht. Sie errechneten, dass die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau ins Topmanagement berufen wird, in Unternehmen in einer Krisensituation um ­2,6 Prozentpunkte höher liegt als in Unternehmen ohne Krisen-Label. Umgerechnet auf die geringe Grundwahrscheinlichkeit für die Berufung von Frauen von nur fünf Prozent, bedeutet das eine Steigerung um 50 Prozent. Krisen sind somit häufig eine Art Katapult für Frauenkarrieren.

Die WU-Professorin Isabella Grabner, die Geschlechterungleichheiten im Talent-Management erforscht, benennt die Motive: „In Krisensituationen braucht es Empathie, Durchhaltevermögen und Kommunikationsgeschick. Das wird Frauen häufiger zugerechnet“, sagt Grabner. „Sobald die Krise vorbei ist, also in Ruhe- oder Standardphasen, wird dann wieder tendenziell den Männern der Vorzug gegeben.“

Heute, inmitten der sich nur langsam aufhellenden Wirtschaftskrise, rückt das Glass-Cliff-Phänomen erneut in den Fokus. In Deutschland mit Evelyn Palla und Marie Jaroni bei thyssenkrupp Steel Europe, die ebenfalls als CEO eine harte Sanierung orchestrieren muss. In Österreich mit Ingrid Thurnher als Interims-Chefin beim in Turbulenzen steckenden ORF und insbesondere mit Martha Schultz als neuer Präsidentin der Wirtschaftskammer Österreich. Die große Tiroler Tourismusunternehmerin gehört seit Jahren zu den 100 wichtigsten Business-Frauen des Landes, die trend auch heuer wieder gekürt und um die Newcomerinnen und Auslandsösterreicherinnen ergänzt hat.

Die neue Präsidentin: Martha Schultz

Seit weni­gen Wochen steht Martha Schultz als erste Frau überhaupt an der Spitze der größten Unternehmervertretung des Landes. Historisch ist nicht nur ihre Ernennung, historisch ist auch die Krise, in der sich die Wirtschaftskammer befindet. Ausgelöst wurde sie im Herbst durch umstrittene Gehaltserhöhungen für Funktionär:innen zur Unzeit und schlechtes Krisenmanagement ihres Vorgängers Harald Mahrer, das zu seinem Rücktritt führte. Schultz übernahm eine verunsicherte, unter Rechtfertigungsdruck stehende Organisation, die sich erneuern muss.

Die Erwartungen der zahlenden Mitglieder sind hoch: Schultz muss eine grundlegende Reform über die Rampe bringen, um die Glaubwürdigkeit der Interessenvertretung wiederherzustellen. Und sie muss dabei viele Millionen einsparen. Als vormalige Vizepräsidentin kennt sie die Baustellen von innen – nun hat sie die Macht, sie auf ihre eigene Art anzugehen.

Noch sind die Pläne dafür in Ausarbeitung. Wie Schultz diese Challenge strategisch angeht, macht sie klar: „Mein Blick ist der einer Unternehmerin, und mit diesem unternehmerischen Zugang löse ich auch Probleme“, sagt sie. „Dazu gehört auch, dass ich externe Prüfer ins Haus hole, die eine unbelastete Außensicht einbringen.“ Vor dem Sommer will sie konkrete Ansagen machen.

Wie dringlich die Reformen erwartet werden, spürt sie schon jetzt. Mit dem Schritt in die erste Reihe hat sich allein atmosphärisch viel verändert: „Alles, was ich sage, wird noch genauer hinterfragt. Meine Verantwortung ist viel sichtbarer. Die Aufmerksamkeit hat sich extrem verändert“, sagt die Tirolerin. Das ist dem krisenhaften Zustand der Kammer geschuldet, aber auch ihrem Geschlecht: „Dass in Krisensituationen gerne Frauen geholt werden, lehrt uns die Geschichte“, sagt Schultz. „Die Hoffnung ist, dass Frauen die Wellen wieder glätten. Oft sind es Frauen, die notwendige Reformen dann auch wirklich durchziehen und einleiten.“ Führung in der Krise bedeutet für Schultz, „Orientierung und Sicherheit zu geben, auch wenn die Nebel noch nicht abgezogen sind“. Trotz der angespannten Lage spürt sie „viel konstruktive Unterstützung für diesen Umbau im Haus“. ­

Die Krisen-Finanziererin: Petra Preining

Bei Petra Preining war die Sache etwas anders gelagert. „Ich durfte im ersten Halbjahr 2025 bei AT&S mehrere große Finanzierungen erfolgreich umsetzen. Mit einem solchen Volumen bleibt man in Österreich nicht unbemerkt – entsprechend bin ich ins Visier namhafter Headhunter geraten“, sagt die frühere Finanzvorständin des Leiterplattenherstellers. Was ihr dann angeboten wurde, war der wohl herausforderndste CFO-Job des Landes: im Vorstandsteam um CEO Gottfried Neumeister die Restrukturierung der 2024 in die Insolvenz geschlitterten Pierer Mobility und KTM federführend mitzugestalten – ein Himmelfahrtskommando mit offenem Ausgang.

Über Länge und Details des Auswahlverfahrens will sie sich nicht äußern. Der Prozess war vertraulich. Aber eine Art Sicherheitsnetz hat sie wohl abgewartet. „Als ich mich entschieden habe, den Job anzunehmen, war es später Sommer. Zu diesem Zeitpunkt war das Sanierungsverfahren abgeschlossen, die Quote hinterlegt und die Finanzierung durch Bajaj Auto gesichert“, sagt Preining, die seit Mitte September 2025 den Vorstand des in Bajaj Mobility umbenannten Unternehmens und der KTM als Finanzvorständin verstärkt.

Seitdem wird beim Motorradhersteller kräftig aufgeräumt: Die Sportwagensparte wurde verkauft und die defizitäre Fahrradsparte aufgegeben. Nun folgt ein weiterer Stellenabbau. Mit den Kündigungen von rund 500 Mitarbeitenden wurde Ende Februar begonnen. „In herausfordernden Situationen braucht es einen gewissen Schlag von Managern – und zwar solche, die hart arbeiten und authentisch agieren. Auf das Geschlecht kommt es da weniger an“, sagt Preining.

Und drückt damit auch ihre Zweifel am Glass-Cliff-Phänomen aus, die auch in der Executive Search geteilt werden. „Bei Besetzungen von Vorständen und Aufsichtsräten ist die Berücksichtigung von Frauen wichtiger als früher. Unabhängig davon geht es aber derzeit in vielen Fällen darum, dass österreichische Konzerne überleben“, sagt Julia Zdrahal-Urbanek, Managing Partner von AltoPartners. Bei der Auswahl geeigneter Kandidaten sollten daher vor allem Kompetenzen herausgefiltert werden, die im Unternehmen aus strategischer Sicht gebraucht werden.

Die Industriemanagerin: Carola Richter

In Krisen, sagt Carola Richter, „spielt Kommunikation eine Schlüsselrolle“. Die erste Frau im Vorstand der voestalpine hat im April 2024 beim Stahl- und Technologiekonzern begonnen, als die Zeichen auf Transformation standen – nicht nur in Richtung grüner Stahl, sondern auch im wichtigen Kundenbereich Automotive.

Seitdem gibt es für Richter als Zuständige für die Metal Forming Division jede Menge neu aufzustellen – und dazu gehört auch, Werke zu schließen oder zu verkleinern. Der Umsatz in ihrem Bereich ist in ihrem ersten Jahr um rund zehn Prozent auf 3,1 Milliarden Euro zurückgegangen, die Anzahl der Mitarbeitenden um mehr als fünf Prozent auf 10.900 Personen.

Ihr Credo: „Nur wer das Ziel kennt, kann den Weg dorthin mitgehen. Offenheit und Transparenz sind dabei für mich essenziell: Entscheidungen müssen nachvollziehbar sein. Empathie und Klarheit schließen sich nicht aus.“ Was sie an der Aufgabe reizt? „Die Chance, eine Organisation gestärkt aus einer Krise zu führen“, sagt die frühere BASF-Managerin.

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Der Artikel ist im trend.Premium vom 6. März 2026 erschienen und wurde aktualisiert.

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