
Drogeriegeschäft Normal
©NormalOb als Palmers-Retter, Start-up-Investoren oder mit trendigen Geschäftsideen - dänische Unternehmen expandieren immer stärker nach Österreich. Was hinter dem nordischen Erfolgsrezept steckt.
Aus den Lautsprechern dröhnen Hits der 2000er-Jahre, auf den noch leeren Regalen sind Energydrinks und kiloweise Süßigkeiten verteilt. Wenige Tage vor der Eröffnung herrscht in der neuen Filiale der dänischen Drogeriekette Normal im Wiener Donauzentrum weder Stress noch Hektik, sondern viel mehr ausgelassene Partystimmung. Verantwortlich dafür sind zwölf gut gelaunte junge Dän:innen.
Die Maturant:innen und Studierenden werden von der Konzernzentrale entsendet und ziehen quer durch ganz Europa von einer neuen Normal-Filiale zur anderen. Sie bleiben jeweils eine Woche, schlichten das Sortiment ein und schulen das Personal vor Ort. Für die jungen Dän:innen ist es ein lukrativer Nebenjob, für das österreichische Personal eine hilfreiche Unterstützung. „So sind wir bei Normal: unkompliziert, familiär und humorvoll“, gibt sich Markus Hörhager, Country Manager von Normal Österreich, zufrieden mit seinem dänischen Besuch, der ihn auf den letzten Metern vor der Eröffnung unterstützt.
Die Drogeriekette Normal ist eine von vielen dänischen Unternehmen, die es in jüngster Zeit nach Österreich gezogen hat. In absoluten Zahlen ist das dänische Engagement zwar noch nicht signifikant. Doch die Geschwindigkeit, mit der Kapital und Unternehmen nach Österreich drängen, ist auffällig – und deutet weniger auf Einzelfälle als auf eine Strategie hin.
Der Bestand dänischer Direktinvestitionen in Österreich hat sich von 2024 auf 2025 fast verdoppelt und betrug im Vorjahr 1,3 Milliarden Euro. Seit 2017 hat sich der Wert sogar versiebenfacht. Zum Vergleich: Die schwedischen Investitionen haben sich im selben Zeitraum verdreifacht, die norwegischen sind hingegen nur um ein Drittel gewachsen. Auch ein Blick ins Firmenbuch zeigt: Die Anzahl von Firmen mit dänischen Gesellschaftern nimmt kontinuierlich zu.
Boom im Einzelhandel
Auffällig ist dabei die Branchenverteilung. „Vor allem im Einzelhandel sehen wir ein sehr starkes Interesse dänischer Unternehmen“, so René Tritscher, Geschäftsführer der Austrian Business Agency (ABA). Neben dem Möbelhändler Jysk, der entgegen dem Branchentrend wächst, expandieren Dekorations-Ketten wie Søstrene Grene und Flying Tiger. Im Schmuckhandel hat das dänische Unternehmen Pandora Swarovski deutlich überholt.
„Es überrascht mich nicht, dass dänische Unternehmen in Österreich so erfolgreich sind. Sie schaffen eine weltweite Vermarktung ihrer Unternehmen und Marken“, meint Halbdäne und Headhunter-Legende Hans Jorda. Nachsatz: „Wir Österreicher schaffen das nicht. Das ärgert mich.“ Schließlich hätten die beiden Länder ähnliche historische und demografische Voraussetzungen, so Jorda.
Kopenhagen und Wien duellieren sich um den Titel lebenswerteste Stadt der Welt. Dänemark profitiert jedoch von einem klaren und modernen Image: Design, Stil, urbane Lebensqualität. Und der Einzelhandel kann dieses Lebensgefühl erfolgreich exportieren. Dafür wird sogar stundenlanges Warten in Kauf genommen. Vor dem ersten Normal-Geschäft auf der Wiener Mariahilfer Straße bildeten sich wochenlang Warteschlangen.
„Es ist für uns riesig, dass Kopenhagen so schnell zur Metropole für Essen und Geschmack geworden ist. Wir werden damit assoziiert. Das ist sehr wertvoll für uns als Unternehmen“, erklärt Fredrik Nilsson, CEO von Lakrids by Bülow. Das Unternehmen verkauft von Schokolade umhüllte Lakritze und wächst kontinuierlich. Weitere Stores sind geplant.
Österreich als Tor zum Osten
Ökonomisch betrachtet unterscheiden sich Dänemark und Österreich deutlich. Bei zentralen Kennzahlen wie Inflation oder Arbeitslosigkeit liegt Österreich seit Langem deutlich hinter Dänemark. Für Investoren spielt das jedoch eine untergeordnete Rolle. „Was für sie zählt, ist die hohe Kaufkraft hierzulande“, erklärt Tritscher von der ABA. Hinzu kommen die günstigeren Gewerbeimmobilienpreise und die geografische Lage Österreichs. Traditionell konzentrieren sich dänische Unternehmen in ihren Expansionsbestrebungen auf den skandinavischen Raum. Die Expansion in den Süden Europas wird als Herausforderung gesehen. Österreich kann sich jedoch als strategischer Osteuropa-Hub positionieren. Durch die gut ausgebaute Infrastruktur und Standortqualität wird Österreich als sicherer Testmarkt für die wachstumsstarken Märkte in Mittel-und Osteuropa gesehen.
Zukunftschancen
Die Entwicklung dürfte sich fortsetzen. Neben Einzelhandel und Pharmaindustrie sehen Standortexpert:innen auch in Zukunftsfeldern Potenzial. „Im Quantenbereich sind beide Länder sehr stark. Da könnten sich Synergien ergeben“, ist Tritscher optimistisch. Ähnliches gilt für die heimische Startup-Szene, wo dänische Investoren aktiver werden.
Der Drogeriekonzern Normal denkt nach den ersten drei Eröffnungen jedenfalls bereits offensiv über weitere Stores in Österreich nach. Dann würden auch wieder die zwölf jungen Dän:innen anreisen und beim Einräumen helfen - inklusive ausgelassener Partystimmung.
Toolsense
Kürzlich erhielt Toolsense als erstes österreichisches Start-up eine Investition des Private-Equity-Fonds Gro mit Sitz in Kopenhagen und Fokus auf B2B-Softwareunternehmen. Das Investment soll im zweistelligen Millionenbereich liegen. Die digitale Plattform für Maschinen-, Robotik- und Fuhrparkmanagement will dank des dänischen Investments ihre internationale Expansion vorantreiben. Das österreichische Start-up betreut derzeit über 200 Kunden in mehr als 30 Ländern, darunter auch die dänischen Unternehmen ISS und Nilfisk.
Normal
Seit wenigen Wochen gibt es das bunte, überladene Produktlabyrinth des dänischen Drogeriegeschäfts Normal in Österreich. Die ersten Stores wurden in und um Wien eröffnet, im Frühsommer soll die erste Filiale in Graz folgen. Österreich dient als Testlabor für den deutschsprachigen Markt. Seit 2013 haben die Dänen über 1.000 Filialen in elf europäischen Ländern eröffnet. Beliefert werden sie vom Logistikzenrum in Dänemark aus. Jede Woche gibt es 100 neue Produkte im Geschäft zu entdecken. Definitiv unösterreichisch: Rabattaktionen gibt es bei Normal nie. Stattdessen verspricht man einen „Dauertiefpreis“.
Lakrids by Bülow
Seit knapp einem Jahr versucht Lakrids by Bülow, die Österreicher:innen auf den Geschmack der ikonischen, dänischen Süßigkeiten zu bringen. Mit Erfolg: Heuer will der Lakritz-Hersteller hierzulande um mehr als 50 Prozent wachsen. „Wir sind sehr zufrieden mit der Performance“, so CEO Fredrik Nilsson. In der Shopping City Süd und im Donau Zentrum in Wien ist Lakrids by Bülow mit Shops vertreten, auch bei Meinl am Graben finden sich die Produkte. Das dänische Unternehmen wurde 2025 vom chinesischen Venture-Capital-Investor IDG Capital übernommen. Produziert wird aber weiterhin in „einer kleinen Fabrik außerhalb von Kopenhagen“, so Nilsson. Der Skandi-Boom ist für den in Dänemark lebenden Schweden mehr als nur ein Trend: „In der aktuellen Weltlage ist das, was Skandinavien bietet, attraktiver denn je.“
Palmers
Change of Scandinavia, der skandinavische Marktführer bei Damenwäsche, hat im Vorjahr den in die Pleite geschlitterten Traditionswäschehersteller Palmers übernommen. Seit der Übernahme fungieren die Österreicher als „erweiterter Vertriebsarm“ der dänischen Holding, erklärt der ehemalige CEO und nunmehrige Chief Brand Officer Janis Jung. Durch die Dänen soll die Kostenstruktur bei Palmers derart verbessert werden, dass das heurige Jahr leicht positiv abgeschlossen werden kann, gibt sich Jung zuversichtlich.
Der Artikel ist in der trend.EDITION vom 24. April 2026 erschienen.
