Vom Tabu zum Innovationsmotor

In kooperation mit FFG
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 © APA-Images/Action Press/Sipa/Alain Robert

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Mit dem Ukrainekrieg, geopolitischen Spannungen und dem Ruf nach mehr strategischer Autonomie entdeckt Europa das Potenzial von Dual-Use-Technologien neu. Unterstützt von der Forschungsförderungsgesellschaft FFG sind österreichische Unternehmen und Forschungseinrichtungen dabei überraschend gut positioniert – von Drohnensystemen bis zu intelligenten Textilien.

Lange galt mit Steuergeld geförderte Forschung für militärische Zwecke in Europa als Tabu. Doch mit den geopolitischen Umwälzungen und der verstärkten Forderung eines unabhängigeren, starken Europas gibt es auch in der Förderlandschaft ein neues Bekenntnis zu Forschung mit Dual-Use-Perspektive.

Gemeint sind damit Produkte und Technologien, die sowohl zivilen als auch militärischen Zwecken dienen können. Prominentestes Beispiel ist das US-amerikanische Raumfahrts- und Telekommunikationsunternehmen SpaceX des Milliardärs Elon Musk. Dessen Sate­llitennetzwerk Starlink, das seit 2023 weltweit Internetzugang bietet, ist im Ukrainekrieg eine Schlüsseltechnologie geworden. Es ermöglicht schnelle Datenübertragung, Livevideobilder und die präzise Steuerung von Drohnen. Umgekehrt sind Technologien wie GPS und das Internet ursprünglich aus militärischen Forschungsprojekten entstanden.

„Sicherheit und Verteidigung sind zu einer europäischen Priorität geworden, und Dual-Use bekommt erstmals eine strategische Rolle in der europäischen Forschungsförderung“, betont auch Henrietta Egerth, Geschäftsführerin der Forschungsförderungsgesellschaft FFG. Bisher förderte vor allem der European Defence Fund (EDF) Forschung und Technologien für Verteidigungszwecke, eine Ausweitung auf andere Programme wie den Wettbewerbsfonds ist angedacht.

Klar ist aber auch: „Als technologieneutrale Förderagentur liegt der Fokus der FFG klar auf zivilen Anwendungen“, sagt FFG-Geschäftsführerin Karin Tausz, „wir reden hier also nicht von Waffen, sondern von einer sehr breiten Palette an Forschungsfeldern. Das reicht von neuen Textilien über sichere Bankkonten bis hin zu Digitalisierungstechnologien“

Thema früh erkannt.

Österreich ist bei diesem Thema im europäischen Konzert zwar kein zentraler Player, aber durchaus ein Vorreiter. Die nationalen von der FFG abgewickelten Programme „KIRAS/K-PASS“ zur Sicherheitsforschung und „FORTE“ zur Verteidigungsforschung fördern schon seit einigen Jahren entsprechende Projekte – als Erste ihrer Art in Europa. „Wir haben nationale Programme früh gestartet, also zu einer Zeit, als das Thema noch weniger im Fokus stand“, betont Egerth, „deshalb sind österreichische Unternehmen und Forschungseinrichtungen heute in europäischen Konsortien gut integriert.“

Eines dieser Projekte ist „HyDroMon“. Hier werden Drohnen mit Wasserstoffantrieb eingesetzt, die mit Radarsystemen und anderen Sensoren kooperieren – unter Einsatz von KI natürlich. Projektpartner sind neben dem Joanneum Research das Disaster Competence Network Austria (DCNA) und die twins GmbH. Die „kooperative Luft- und Bodenrobotik“ des Tiroler Unternehmens unterstützt Einsatzkräfte in Krisensituationen, beispielsweise durch optimierte, echtzeitnahe Lagebilder. Die Überwachung von Grenzgebieten hat sich als eine zentrale Aufgabenstellung herausgestellt, um gezielte Maßnahmen gegen Schlepperei und Terrorismus zu unterstützen.

So sinnvoll der Einsatz von Drohnen ist, so gefährlich können sie auch werden. Deren Abwehr, also Erfassung, Verfolgung und Bekämpfung, ist mindestens genauso wichtig als Aufgabe der öffentlichen Sicherheit, vor allem in urbanen Gebieten oder im flughafennahen Luftraum. Hohe Gebäude können die Sichtlinie zur Drohne behindern, bestehende Konzepte stoßen daher an die Grenzen ihrer Möglichkeiten. Unter der Mitwirkung von A1 Telekom Austria geht es in der Forschung darum, ein großräumig verteiltes multimodales Sensornetzwerk einzubinden.

Auch beim Projekt „USKIT“ steht der Schutz kritischer Infrastruktur im Vordergrund. Eingesetzt werden dabei selbstorganisierte Drohnenschwärme zur Luftraumüberwachung zusätzlich zur bestehenden verteilten und vernetzten Bodensensorik. „Die rasante Entwicklung von unbemannten Kleinst- und Kleinflugsystemen treibt das exponentielle Wachstum der kommerziellen Branche an, im nächsten Evolutionsschritt mit noch mehr Funktionalitäten und noch mehr Autonomie. Dies stellt eine Bedrohungslage dar“, erläutert Michael Hlava, Marketingleiter am Austrian In­stitute of Technology (AIT).

Unsere intelligenten Textilien helfen, Einsatzkräfte rechtzeitig aus potenziell gefährlichen Situationen zu nehmen und so vor Fehlern oder Unfällen zu schützen.

Susanne Braćun, QUS Tech
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Das Leiberl als Sensor.

Ein weiteres spannendes Themenfeld ist die Entwicklung von intelligenten Textilien, „Smart Textiles“. Federführend sind hier die österreichischen Unternehmen QUS Tech GmbH und strykerlabs GmbH. Sie haben sich im Rahmen des Projekts RT Vitalmonitor gemeinsam mit dem Österreichischen Bundesheer zusammengetan. Die Bekleidungsstücke sind mit einer Technologie ausgestattet, mit der der psychische und der physiologische Zustand von Personen gemessen und ausgewertet werden kann – und zwar auf Basis von zielgruppenorientierten Belastungsmodellen und in Echtzeit.

„Der Kern unserer Technologie wurde ursprünglich für den Profifußball entwickelt, um Trainingsbelastung, Ermüdung und Verletzungsrisiken besser zu verstehen. Aktuell arbeiten wir daran, diese Technologie auch außerhalb des Sports einzusetzen – insbesondere in Bereichen, in denen körperliche und mentale Belastung eine große Rolle spielt“, so Philip Klöckl, CEO von strykerlabs.

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Messhemd statt masshemd. Die in Österreich entwickelten Textilien messen die körperlich und mentale Belastung des Trägers und können ihn so vor Fehlern und Unfällen aufgrund von Überlastung schützen.

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„Gemessen wird über das Textil“, erklärt Susanne Braćun, Projektleiterin des Elf-Mitarbeiter-Betriebs QUS Tech im steirischen Lebring. Man will so frühzeitig Hinweise auf Übermüdung oder kritische Belastungszustände erhalten. Dies sei im sportlichen Training ebenso relevant wie für Personen im Einsatz, etwa für Rettungs- und Einsatzorganisationen oder Sicherheitsdienste. „So kann man sie rechtzeitig aus einer potenziell gefährlichen Situation nehmen und vor Fehlern, Unfällen oder gesundheitlichen Problemen infolge von Überlastung schützen. Daher ist ein weiteres Einsatzfeld auch die Arbeitssicherheit, speziell für Indus­triearbeitsplätze“, so die Expertin.

Der Kern unserer Technologie wurde ursprünglich für den Profifußball entwickelt, um Ermüdung und Ver­letzungsrisiken besser zu ver­stehen.

Philip Klöckl, strykerlabs
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Boomende Technologie.

Gearbeitet wird bereits seit rund fünf Jahren an dieser Technologie. Ähnliche Anwendungen sind für Klöckl auch bei Gesundheitsversicherungen denkbar, bei denen Verletzungsrisiken ein wirtschaftliches Thema sind. Allein im Bereich Wearable-Technologie für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz wird der weltweite Markt aktuell auf rund 60 bis 80 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt. Viele Staaten investieren im militärischen Bereich zudem stark in sogenannte „Human-Performance-Programme“, ein ebenfalls milliardenschwerer weltweiter Markt. Jedenfalls sei die Kombination aus Vital- und Geodaten einzigartig, so Braćun.

Zu den erfassten Daten gehören beispielsweise Herzfrequenz, Spirometrie (Atemfrequenz), Bewegungs- und Aktivitätsdaten oder die Körperkerntemperatur. „Der Zugriff auf Daten ist streng geregelt, die Systeme orientieren sich an den Anforderungen der europäischen Datenschutz-Grundverordnung“, beruhigt Klöckl hinsichtlich Datenschutzbedenken.

KI rechnet mit.

Dargestellt wird die Belastung über ein Ampelsystem. Je nach Anwendungsfall entwickelt QUS Tech, das neben dem D-A-CH-Raum die Fühler bereits außerhalb Europas ausstreckt, einen eigenen Stress-Index. „Die künstliche Intelligenz hilft dabei, komplexe Muster in großen Datenmengen zu erkennen“, erklärt Philip Klöckl – wiewohl die KI nicht die Notwendigkeit ersetzt, die richtigen Fragen zu stellen und Hypothesen sauber zu formulieren. Personalisierte Warnungen und Empfehlungen gehen über einfache Grenzwerte hinaus – die Entwicklung solcher Systeme sei daher sehr aufwendig und erfordere interdisziplinäre Zusammenarbeit und große Mengen sauberer Daten. Langfristig können derartige Technologien auch helfen, Gesundheitskosten zu reduzieren.

Diese Beispiele zeigen: Das Interesse österreichischer Forscher:innen und Unternehmen an Dual-Use-Themen steigt. Seit dem Start des European Defence Fund 2012 hat sich die österreichische Beteiligung verdreifacht. Fazit von FFG-Geschäftsführerin Karin Tausz: „Wenn Europa diesen Weg konsequent geht, kann daraus eine neue wirtschaftliche Basis entstehen. Eine starke europäische Sicherheits- und Verteidigungsindustrie, kombiniert mit einer effizienten öffentlichen Beschaffung, würde unsere technologische Souveränität stärken und Abhängigkeiten von außereuropäischen Technologien reduzieren.“

„Dual-Use bekommt erstmals eine strategische Bedeutung“

Henrietta Egerth und Karin Tausz, Geschäftsführerinnen der Österreichischen Forschungsförderungsgesellschaft FFG, über geopolitische Umbrüche, neue Chancen für heimische Unternehmen und warum Sicherheits­forschung mehr ist als Waffenentwicklung.

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 © SARAH KATHARINA PHOTOGRAPHY

TREND: Krieg in der Ukraine und im Iran, dazu ein unberechenbarer US-Verbündeter. Was bedeutet diese Zeitenwende für Europas Forschung?

Henrietta Egerth: Die neue geopolitische Lage zwingt Europa zu einer strategischen Neuausrichtung. Die EU will bis 2030 rund 800 Milliarden Euro in Sicherheit und Verteidigung investieren. Dabei geht es nicht nur um militä­rische Fähigkeiten, sondern auch um technologische Innovation und wirtschaftliche Wertschöpfung. Denn in ­allen diesen Segmenten muss Europa unabhängiger werden.

Karin Tausz: Als technologieneutrale Förderagentur liegt der Fokus der FFG klar auf zivilen Anwendungen. Aber viele Innovationen haben Dual-Use-Potenzial, sind also sowohl für zivile als auch für militärische Anwendungen geeignet. Wir reden hier also nicht von Waffen, sondern von einer sehr breiten Palette an Forschungsfeldern. Das reicht von neuen Textilien über ­sichere Bankkonten bis hin zu Digitalisierungstechnologien.

Welche Technologien stehen aktuell besonders im Fokus?

Tausz: Besonders relevant sind Halbleiter und Mikroelektronik, neue Materialien und Antriebssysteme, künstliche Intelligenz, Cybersecurity, Robotik, Energie, Quantenkommunikation sowie Luft- und Raumfahrttechnologien. Investitionen in Dual-Use-Technologien sind Investitionen, von denen die gesamten Wirtschaft profitiert und die ­Resilienz unserer Gesellschaft gestärkt wird. Unsere Aufgabe als Förderagentur ist es, Unternehmen und Forschungseinrichtungen dabei zu unterstützen, dieses Potenzial zu heben.

Egerth: Start-ups und große Technologieunternehmen spielen dabei eine immer wichtigere Rolle und treiben Innovationen in der Luft- und Raumfahrt, bei KI, autonomen Systemen oder Quantentechnologien voran. Das verändert die Dynamik in diesem Bereich stark.

Was bedeutet das für die ­Forschungsförderung?

Egerth: Sicherheit und Verteidigung sind zu einer europäischen Priorität geworden, und Dual-Use bekommt erstmals eine strategische Rolle in der europäischen Forschungsförderung. Die Einrichtung des European Defense Funds (EDF) und eine Öffnung des Horizon-Programms für Dual-Use-Forschung sind ­deshalb sinnvoll und notwendig.

Welche Rolle kann Österreich dabei spielen?

Tausz: Das Interesse heimischer Unternehmen ist deutlich gestiegen. Als nationaler Kontaktpunkt für den EDF sehen wir, dass immer mehr Unternehmen und Forschungseinrichtungen den Zugang zu diesem wachsenden Markt suchen. Die Zahl erfolgreicher öster­reichischer Beteiligungen hat sich seit 2021, dem ersten Ausschreibungsjahr des EDF, bis 2024 verdreifacht. Auch Universitäten zeigen zunehmendes Interesse, wettbewerbsfähige Produkte und Leistungen zu entwickeln.

Egerth: Das Thema ist ja nicht ganz neu. Aber in Österreich haben historische Erfahrungen und eine bestimmte Weltanschauung lange dazu geführt, dass man über militärische oder verteidigungsbezogene Forschung weniger offen gesprochen hat. Getrieben durch die geopolitischen Entwicklungen erleben wir jetzt aber einen klaren Paradigmenwechsel.

Hat Österreich durch diesen Spätstart entscheidende Nachteile?

Egerth: Wir haben frühzeitig gehandelt und nationale Programme bereits zu einem Zeitpunkt gestartet, als das Thema noch weniger im Fokus stand. Deshalb sind österreichische Unternehmen und Forschungseinrichtungen heute in europäischen Konsortien gut integriert. Ohne diese Vorarbeit wären wir beim EDF nicht so stark vernetzt.

Bedeutet die stärkere Fokussierung auf Dual-Use auch mehr Fördergeld?

Tausz: Entscheidend ist, wie Förderungen wirksam eingesetzt werden. Die österreichische Industriestrategie setzt die Priorität klar auf die genannten Schlüsseltechnologien, das ist maßgeblich auch für die Fokussierung der Forschungsförderungen. Dual-Use ist ein Querschnittsthema. Daher erwarten wir kurzfristig keine massiven Verschiebungen der ­nationalen Fördermittel hin zu sicherheitsrelevanter Grundlagenforschung, sondern hin zur Berücksichtigung von Dual-Use in den relevanten Anwendungsfeldern.

Es gibt auch Kritik an einer „Militarisierung“ der Forschung. Zu Recht?

Egerth: Wichtig ist, dass Forschungsfreiheit und wissenschaftliche Autonomie gewahrt bleiben. Zu starre Vorgaben oder politische Einflussnahme dürfen nicht dazu führen, dass die Freiheit der Forschung eingeschränkt wird.

Was bedeutet der neue Kurs Europas langfristig wirtschaftlich?

Tausz: Wenn Europa diesen Weg konsequent geht, kann daraus eine neue wirtschaftliche Basis und ein Schub für die Innovationskraft Österreichs entstehen. Anders gesagt: Nicht zu handeln wäre das größte Risiko. Unternehmen, die in diesem Bereich erfolgreich Aufträge erhalten, erarbeiten sich damit Wettbewerbsvorteile in vielen Anwendungsfeldern. Daher ist es auch für österreichische Unternehmen wichtig, Dual-Use als Chance zu nutzen.

Egerth: Die Zeitenwende in der ­europäischen Verteidigung ist keine Bedrohung, sondern vor allem auch eine große Chance. Eine Chance für technologische Fortschritte, wirtschaftliches Wachstum und für Europas strategische Unabhängigkeit.

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