Warum Österreich auf Wasserstoff aus Nordafrika setzt

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Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer mit seinem tunesischen Amtskollegen Samir Abdelhafidh
 © BMWET, HAIDEN, HOLEY

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Eine Wirtschaftsmission lotete die Möglichkeiten für Wasserstofflieferungen aus Tunesien und Algerien aus - und die Chancen auf den Märkten der Region jenseits des Exportguts Milchkühe. Doch der Weg dorthin ist steinig.

Schneekugeln für Minister und Präsidenten, verbunden mit der Einladung zum Winterurlaub in Österreich, dazu Linzer Torten und Freundschaftsbekundungen: Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer machte seiner Rolle als „oberster Vertriebsmitarbeiter der Republik“ bei einer Wirtschaftsmission nach Tunesien und Algerien vor wenigen Tagen alle Ehre.

Im Mittelpunkt standen – angesichts der geopolitischen Verwerfungen – Energielieferungen aus Nordafrika. Im Speziellen der Südkorridor für Wasserstoff(chemische Formel: H2 ) von Algerien über Tunesien nach Italien, Österreich und Deutschland. In Begleitung Dutzender Unternehmer und Manager – von Voestalpine bis RHI – sollte parallel auch der laut dem ÖVP-Politiker „bislang viel zu wenig beachtete Absatzmarkt, den diese Region bietet“, ausgelotet werden.

Mit großen Worten wurde nicht gegeizt: Der SoutH2-Corridor sei ein Schlüssel, um die Industrie in Österreich zu halten, indem Gas durch Wasserstoff ersetzt wird. Nach der Unterschrift unter eine gemeinsame Interessenerklärung am 1. Oktober in Algier soll 2027 eine Machbarkeitsstudie für die Wasserstoffleitung folgen, wobei bestehende Gaspipelines eingebunden werden könnten. Knapp zehn Milliarden Euro würde die Sache kosten, rund zwei Milliarden entfielen auf Österreich.

Woher kommt der Strom?

Wolfgang Anzengruber, der Beiratsvorsitzende der Hydrogen Partnership Austria, schätzt, dass die Industrie hier ab 2035 eine bis 1,2 Millionen Tonnen Wasserstoff brauchen wird, „zwei Drittel davon werden wir importieren müssen“. Ob, wann und wie viel aus Nordafrika kommen wird, ist allerdings noch völlig offen. Denn die Leitung ist wohl das lösbarste Problem. Vor dem Transport muss H2 aber erst einmal produziert werden. Die dafür nötige Erzeugung von grünem Strom ist in Nordafrika so gut wie nicht vorhanden, von H2-Elektrolysen ganz zu schweigen.

Bisher sah das Projekt vor allem Tunesien als Produzenten vor. Der Verbund als einer der Partner kündigte an, bis zu 200 Millionen Euro in eine Anlage investieren zu wollen – wobei die Wasserentsalzung auch der Bevölkerung zugutekommen soll. „Wir würden in Vorlage gehen, befinden uns aber in einer sehr frühen Phase“, sagt der zuständige Verbund-Manager Franz Helm. Das Land ist aber reserviert. Etliche Österreicher bekamen bei öffentlichen Stellen zuletzt zunehmend den Eindruck, dass man an erneuerbarer Energie mehr für die eigene Versorgung mit Strom als für die Herstellung und den Export von Wasserstoff interessiert ist. „Das sagen sie recht deutlich“, berichtet ein Teilnehmer der Delegation.

Erst jetzt ist darum Algerien als Produzent ins Spiel gekommen. Obwohl das Ziel formuliert wurde, zehn Produzent des H2 für Europa zu liefern, ist aber auch dort unklar, woher der grüne Strom dafür käme. Martin Graf, Vorstand der Energie Steiermark, fürchtet, dass „die Europäer alles finanzieren sollen, und Algerien dann nur mitkassiert“. Andere hoffen, dass die Algerier gemeinsam mit europäischen Partnern wie dem Verbund auch selbst investieren. Wobei sie Erneuerbare wohl lieber so einsetzen würden, dass „ihnen mehr Öl und Gas für den Export übrig bleibt“, sieht der CEO der Salzburg AG, Michael Baminger, die Lage realistisch. Fazit eines Managers: „Ich glaube nicht, dass wir von dort vor 2040 Wasserstoff kriegen.“

Die Ukraine-Option

Nicht nur Wolfgang Anzengruber, der auch als Koordinator für den Ukraine-Wiederaufbau fungiert, hält deswegen den Ostkorridor aus der Ukraine für aussichtsreicher. „Die Strecke nach Österreich beträgt nur etwa ein Zehntel. Es gibt viel Wind und Sonne. Und die Ukrainer wollen wirklich. Sie würden das ganze Paket inklusive Leitungen bieten und haben großes eigenes Interesse. Aber: Es herrscht noch Krieg.“

Der nicht zuletzt von Ex-Kanzler Sebastian Kurz entfachte Wasserstoff-Hype ist auch bei den potenziellen Abnehmern deutlich abgeebbt. Für die Voestalpine erklärt der dort für Public Affairs zuständige Matthias Pastl: „Wir haben die Elektrifizierung so geplant, dass wir nicht vor Ende der 2030er-Jahre große Mengen H2 brauchen. Alles andere wäre Wunschdenken und unseriös. Trotzdem halten wir die Urgenz hoch, damit politisch die Weichen gestellt werden. Ziele sind nett, doch es zählt Action, um von der Powerpoint-Präsentation zur Pipeline zu kommen.“ Ähnlich ist die Stimmung bei anderen großen Konzernen wie dem Düngemittelerzeuger LAT Nitrogen (früher: Chemie Linz), der AMAG (Aluminium) oder der RHI (Feuerfesttechnologie), die durch hohen Gasverbrauch viel CO2 emittieren. Man habe den Bedarf, aber Wasserstoffmüsse stabil verfügbar und wettbewerbsfähig sein.

Preisfrage

Knackpunkt ist der Preis, der auch zu gewissen Friktionen mit den Energielieferanten führt. Industriellenpräsident Georg Knill rechnet vor, dass H2 derzeit vier Mal so teuer ist wie Gas. „Ziel muss ein Dollar pro Kilo sein, um konkurrenzfähig zu bleiben.“ Voest-Manager Pastl, der eine Art Koordinatorenrolle unter Abnehmern innehat, gibt sich großzügiger: „Alles, was nicht über zwei Euro pro Kilogramm liegt, ist akzeptabel.“

Martin Graf von der Energie Steiermark hält allerdings auch das für überzogen und appelliert an die Industrie, realistisch zu sein und nicht wie die Bauern ständig nach Förderungen zu schreien. „Wir brauchen Lösungen, die Industriebetriebe im Land halten, die aber Investitionen auch für Versorger vertretbar machen.“ Sein Salzburger Kollege Baminger erklärt, dass „durch bessere Elektrolysen, Skalierung und Produktionen etwa in Afrika das Preisniveau jedenfalls sinken kann. Viele Fragen sind aber noch offen.“

Mit CFDs (Contracts for Difference) will die Energiebranche allfällige Preisdifferenzen durch die EU oder auf nationaler Ebene abgesichert wissen. Und sie will langfristige Abnahmeverträge.

Fossile Interessen

Abseits vom Wasserstoff rückt Afrika auch als fossiler Energielieferant stärker in den Fokus. So ist der nigerianische Milliardär Aliko Dangote, der jüngst mit seiner Raffinerie den größten Börsengang des Kontinents über die Bühne brachte, wegen der Engpässe anderswo aktuell einer der größten Kerosin-Exporteure nach Europa. Auch der Maghreb-Raum gewinnt für die Diversifizierung der Energieversorgung an Bedeutung. Die OMV besorgt in Tunesien – vor 55 Jahren ihr erster Auslandsmarkt überhaupt – 35 Prozent der dortigen Gasproduktion und sagte für die nächsten Jahre dreistellige Millioneninvestitionen zu.

In Algerien unterzeichnete die OMV vergangene Woche im Beisein von Hattmannsdorfer ein Memorandum of Understanding mit der nationalen Ölgesellschaft Sonatrach über gemeinsame Explorationsprojekte. „Die Transformation geht langsamer voran als gedacht“, erklärt OMV-Vorstand Berislav Gazo vorsorglich zu möglicher Kritik: „Wir werden noch Gas als fossile Brückentechnologie brauchen.“ Ein heikler Punkt für die Algerier in den Verhandlungen: die Beteiligung von Abu Dhabi an der OMV, da sie mit den Emiraten im Clinch liegen.

Hattmannsdorfer bleibt dennoch optimistisch: „Solche Kooperationen erwarte ich mir von den Öbag-Beteiligungen. Und das gute Image der OMV soll auch als Türöffner für andere Unternehmen dienen.“ Der nordafrikanische Markt stehe in der Potenzialanalyse der Regierung weit oben: „Wir brauchen neue Freunde in einer sich ändernden Welt.“ Zuweilen überspannt der Wirtschaftsminister den Bogen aber auch. Als er bei einer Rede „we share the same values“ formuliert, ziehen doch ein paar anwesende Manager die Augenbrauen hoch. Denn Algerien hat ein sozialistisch-autoritäres Regime mit dem Militär als Schattenregierung. Die stark staatlich gelenkte Wirtschaft, Importrestriktionen und mangelnde Rechtssicherheit erschweren Geschäfte. Bei einem einst erfolgreichen Mercedes-Joint-Venture haben die meisten deutschen Mitarbeiter das Land verlassen. Auch der tunesische Präsident wird von Leuten vor Ort als sehr dirigistisch beschrieben.

Wer gut im Geschäft ist

Luft nach oben gäbe es bei den österreichischen Exporten aber zweifellos. 2025 wurden in Tunesien Waren für lediglich 90 Millionen Euro verkauft. In Algerien waren es gut 200 Millionen – wobei Milchkühe, die dann in klimatisierten Ställen stehen und Futter von künstlich angelegten Wiesen in der Wüste bekommen, ein wichtiges Exportgut sind.

Unter den Unternehmen, die in Nordafrika trotz Hürden reüssieren, fällt die steirische Knill Gruppe auf, die mit dem tunesischen Autozulieferer Coficab einen ihrer größten Kunden hat: „180 Anlagen haben wir dorthin schon geliefert, 42 Millionen Kilometer Kabel für fast alle Automarken wurden damit produziert“, erzählt Georg Knill. Der Andritz-Konzern verzeichnete erst jüngst einen Erfolg: In Algerien wird er die größte Papiermaschine Afrikas errichten. „Aber Europa hat es bislang verabsäumt, den Maghreb-Raum an sich heranzuführen. Hier die Industrialisierung zu fördern, wäre im eigenen Interesse“, gibt Andritz-Topmanager Alexander Wassermann zu bedenken.

Rosenbauer hat bereits 240 Feuerwehrautos nach Algerien geliefert, Seit 2023 brachen die Bestellungen allerdings ein. „Dafür hoffen wir in den nächsten Jahren im Vorfeld der Fußball-WM 2030 auf gute Geschäfte in Marokko. Über eine eigene Niederlassung denken wir nach“, berichtet Manuel Osterkorn, bei Rosenbauer verantwortlich für Middle East und Afrika. Detail am Rande: Die Feindschaft zwischen Marokko und Algerien ist im Alltag für einige Unternehmen ein Problem.

Palfinger wiederum hat den ersten Vertrag mit einem Partner in Algerien unterschrieben, der die Kräne aus Österreich auf Lkw montiert und die Wartung besorgt. Mit den Exporten soll es dadurch bergauf gehen.

Technologien rund ums Wasser werden zunehmend gefragt sein. Der Familienbetrieb GIS Aqua aus Amstetten ist schon jetzt mit einer tunesischen Tochtergesellschaft in der Abwasseraufbereitung für Kommunen und Industrie tätig. Das Grazer Start-up Fluvicon hat begonnen die Saaten im meist trockenen Nordafrika zu bearbeiten. ­

Schwierige Märkte

Ähnliches gilt für die AMAG. „Wir machen die ersten Schritte, uns als Lieferant für Automotive und Aerospace zu positionieren. Und wir präsentieren uns als potenzieller Abnehmer von Wasserstofffür die grüne Alu-Produktion“, formuliert Erwin Stecher, der Bereichsleiter Beschaffung. Und Klaus Schiebel, dessen Bruder mit Drohnen erfolgreich ist, sondiert Absatzchancen für elektronische Stellmotoren für Pipelines und Förderrohre.

Dass es sich um schwierige Märkte handelt, räumt auch Jochen Danninger, Generalsekretär der Wirtschaftskammer, ein: „Schnell geht nichts. Auf Protokolle und Formalitäten wird großer Wert gelegt, persönliche Kontakt sind darum das Um und Auf. Die aufzubauen braucht Zeit und ein gutes Gespür.“

Das Talent des Wirtschaftsministers Wolfgang Hattmannsdorfer als Verkäufer sowohl politischer Botschaften als auch heimischer Unternehmen und Technologien ist unbestritten. Der Weg, bis Wasserstoff aus Tunesien und Algerien in Richtung Österreich gelangen wird und umgekehrt „Made in Austria“ im größeren Umfang in Nordafrika landet, ist trotzdem noch weit.

Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 9. Oktober 2026 erschienen.

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