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Wegen der fehlenden Kapazitäten dürfte es in rund einer Woche für Fracht von Asien in die USA und vor allem nach Europa zu einem Rückstau kommen. Dann gebe es nicht mehr genügend Maschinen, um die anfallende Ware an den Bestimmungsort zu bringen. Üblicherweise werden Waren aus Asien im Bauch von Passagiermaschinen, aber auch mit reinen Frachtmaschinen transportiert. Die meisten Passagiermaschinen stammen von Gesellschaften aus dem Nahen Osten wie Emirates oder Etihad, aber viele Frachtmaschinen landen in den Emiraten, von wo aus die Fracht dann weiter nach Europa geht. Diese fliegen jetzt nicht.
Um den Kunden zu helfen, sei Kühne+Nagel jetzt dabei, Frachtmaschinen zu chartern. Der Konzern habe am Sonntag angefangen, das weltweite Charter-Krisenmanagement zu aktivieren, erklärte Paul. "In einer Woche wissen wir relativ gut, wie viel zusätzliche Kapazitäten wir brauchen." Er deutete an, dass das Unternehmen die Luftfrachtkapazitäten beschaffe, indem das Unternehmen mehr zahle als auf den ursprünglichen Routen.
Die Seefracht sei von dem Konflikt weniger betroffen als die Luftfracht. Für die Seefracht sei der Nahe Osten viel weniger wichtig als Asien, Europa oder die USA. Der Suezkanal sei bis vor wenigen Wochen faktisch geschlossen gewesen. Die ersten Reeder hätten Transporte auf dieser Route zwar vorübergehend aufgenommen, am Freitagabend aber wieder gestoppt. Inzwischen gehe der gesamte Verkehr zwischen Asien und Europa wieder um die Südspitze Afrikas. "Was in der Seefracht jetzt passiert: Es gibt Security-Zuschläge." Für Schiffe in der Region des Persischen Golfes seien die Versicherungsprämien um rund 50 Prozent hochgeschossen.
Die Auswirkungen des Konflikts auf die Wirtschaft seien nicht so groß wie bei der Corona-Pandemie. "Aber es gibt ein ganz großes Aber", erklärte Paul. "Die Energiepreise werden sich ja deutlich nach oben entwickeln." Die Treibstoffzuschläge dürften die Inflation ankurbeln. ZKB-Analyst Gian Marco Werro erklärte, Faktoren wie eine schwächere Konsumnachfrage als Folge der höheren Energiepreise oder eine investitionshemmende Unsicherheit in der Industrie könnten das Geschäft von Kühne+Nagel indirekt zwar belasten, auf der anderen Seite gewännen Dienstleistungen des Konzerns wie das kurzfristige Beschaffen von Luftfrachtkapazitäten an Wert. Kühne+Nagel rechnet für das laufende Jahr mit einem bereinigten Betriebsergebnis von 1,2 Mrd. bis 1,4 Mrd. Franken (1,32 Mrd. bis 1,54 Mrd. Euro), nach 1,38 Mrd. im vergangenen Jahr.
Um das Sparziel von mindestens 200 Mio. Franken zu erreichen, schraubte der Konzern die Vorgabe für den Stellenabbau von bisher 1.000 bis 1.500 auf über 2.000 hinauf. Laut Marco Estermann, Analyst der Luzerner Kantonalbank, kann K+N die makroökonomischen Probleme nur bewältigen, indem das Unternehmen neben den technologiegetriebenen Produktivitätssteigerungen Marktanteile gewinnt, etwa in Zusammenhang mit dem Zusammenschluss von DSV und DB Schenker. Zudem müsse das Unternehmen strategische Übernahmen ins Auge fassen.