Stadt-Oasen

Stadt-Oasen

Grünflächen sind im dicht bebauten Stadtgebiet eine Rarität. Auf Terrassen, Dächern und in Hinterhöfen lässt sich der Traum vom eigenen Garten dennoch verwirklichen.

Es duftet intensiv nach Bärlauch, einen Monat später kitzelt lieblicher Fliederduft die Nase, im Sommer biegt sich der Marillenbaum unter reifen Früchten, japanischer Ahorn sorgt für Farbe, und wild wuchernde Glyzinie und Clematis ranken sich die Backsteinmauer empor. Von irgendwoher hört man das rhythmische Hämmern eines Spechts, und mitunter zieht gar ein Turmfalke am Himmel seine Bahnen. Nein, die Rede ist nicht von einem Garten am Rand des Wienerwalds, sondern von einem Refugium über den Dächern der Stadt in Wien-Neubau. Kaum zu glauben, dass sich hier ursprünglich nur ein geteertes Flachdach befand. Als Peter Coeln das ehemalige Fabriksgebäude zur Fotogalerie Westlicht und zu einem Leica-Kamerashop umbaute und darüber ein Loft für sich selbst errichtete, erkannte er das Potenzial der ursprünglich recht trostlosen Dachlandschaft. Der Dachgarten ist windgeschützt, gleichzeitig aber sehr sonnig. Ideale Bedingungen also, um seine Vision vom wilden Garten zu verwirklichen. 15 Jahre später haben die üppig wuchernden Pflanzen Coelns Refugium tatsächlich in einen Großstadt-Dschungel verwandelt: "Man muss halt Glück im Leben haben, um so etwas zu finden, und es braucht Mut und Visionen, um auf einem schäbigen, alten Dach ein Paradies entstehen zu lassen.“

Herausforderung

Wer sich gerne mit Grün umgibt, der wird auch in der Stadt fündig. Freilich, weitläufige Gärten wird man meist vergeblich suchen, doch Dachterrassen und Innenhöfe holen ebenfalls die Natur nach Hause. Damit die Pläne vom Garten in der Stadt auch so realisiert werden können, wie man es sich bei der ersten Besichtigung einer Immobilie erträumt hat, sollte man allerdings von vornherein einige Faktoren mitbedenken. Denn wenn Statik oder Bauordnung einen Strich durch die Rechnung machen oder gar die lieben Nachbarn gegen die Pläne Einspruch erheben, bleibt einem nur, nach einem anderen Objekt zu suchen oder sich von den ursprünglichen Träumen zu verabschieden.

"Am sinnvollsten ist es, noch in der Bauphase Vorkehrungen für eine Dachbegrünung zu treffen und die Statik eines Hauses dahingehend zu verstärken“, erläutert Gerold Steinbauer, Obmann des Verbands für Bauwerksbegrünung und Sachverständiger für Grünflächen auf Gebäuden. "Denn 60 Zentimeter dickes, nasses Substrat, ein wenig Rasen und ein Baum bedeuten schnell eine Gewichtsbelastung von 1000 Kilogramm pro Quadratmeter, die bis in die Kellermauern reicht“ - zumindest bei einer intensiven Begrünung, bei der nicht einfach nur ein paar Blumentröge die Terrasse schmücken, sondern tatsächlich eine Gartenlandschaft mit Rasen, Büschen und Bäumen entstehen soll. Klappt das nicht, kann man sich auch für eine extensive Begrünung entscheiden, wie man sie auch von Flachdächern kennt. Sie erreicht mit 100 Kilogramm pro Quadratmeter eine weitaus geringere Belastung (siehe Fotobeispiel auf Seite 110). Wer sich an die Planung macht, kommt aber nicht umhin, einen Sachverständigen oder Statiker zu Rate zu ziehen.

Auch in die Bauordnung selbst sollte ein Blick geworfen werden. Denn wer vorhat, noch ein Stützmäuerchen zu errichten oder eine kleine Hütte für notwendiges Gartengerät unterzubringen, darf die Dachkante oder Firsthöhe nicht überschreiten. "Und selbst wenn sich das auf den ersten Blick auszugehen scheint, muss man noch die Substrathöhe dazurechnen“, weiß Markus Lederleitner vom gleichnamigen Gartenbauunternehmen.

Auch wer kahle Terrassenwände oder Schornsteine begrünen möchte, kann bei Bedarf schon beim Kauf vereinbaren, dass diese Teile des Hauses nicht zur allgemeinen Fläche gezählt, sondern der Wohnung zugeschlagen werden. "Erst dann hat man tatsächlich freie Hand bei der Begrünung“, erklärt der auf Immobilienrecht spezialisierte Wiener Rechtsanwalt Michael Gruner. "Der Nachteil ist, dass man die Kosten bei etwaigen Schäden selbst tragen muss. Dafür können die anderen Wohnungseigentümer nichts mehr gegen die Bepflanzung unternehmen.“ Wer hingegen seine Pflänzchen in Trögen ziehen will, ist in den meisten Fällen niemandem Rechenschaft schuldig. Sie gelten als Möblierung und sind damit Privatsache; auch herab-fallendes Laub muss toleriert werden. Einzig wenn dunkle Beeren auf den hellen Steinboden der darunterliegenden Terrasse klatschen, können die Nachbarn eine Entfernung durchsetzen.

Eine Dachbegrünung birgt aber noch weitere Herausforderungen. Denn wie bringt man das nötige Substrat und die Pflanzen überhaupt aufs Dach? Blumenerde aus dem Baumarkt eignet sich dafür nicht, denn Wind und Sonne entziehen ihr zu viel Wasser, das eigentlich im Boden gespeichert werden sollte. "Zunächst benötigt man eine wurzelfeste Folie, die verhindert, dass Pflanzen mit der Zeit das darunterliegende Dach zerstören. Seit zwei Jahren ist das auf allen Dächern mit flacher oder keiner Neigung Pflicht“, erklärt Daniel Zimmermann von "3zu0 Landschaftsarchitektur“ in Wien. Substrat, Vliese und eine Bewässerung sorgen dafür, dass die Grünlandschaft auch stets optimal mit Feuchtigkeit und Nährstoffen versorgt ist. Das Substrat selbst wird dann meist per Schlauchsystem von der Straße aus auf die Terrasse geblasen. "Sollen dann auch noch Bäume dazukommen, werden diese per Kran hinaufgehievt. Wer solche Begrünungsmaßnahmen gleich im Zuge der Ausbauarbeiten durchführt, kann sich die Kosten für den Kran sparen“, sagt Fritz Schlöglhofer von "Halbartschlager - Gärtner von Eden“ im oberösterreichischen Sierning. Doch Bäume am Dachgarten sind keine so triviale Angelegenheit, müssen sie doch noch gegen den starken Wind an den Wurzeln und zu Beginn auch am Stamm gesichert werden. Bei einer solch aufwändigen Begrünung muss mit Kosten ab 500 Euro pro Quadratmeter gerechnet werden.

Hinterhofoasen

Einfacher gestaltet sich da schon die Bepflanzung eines Innenhofs - zumindest wenn er zur Wohnung gehört und nicht von allen Wohnungseigentümern genutzt wird. Denn in so einem Fall bedürfen alle Änderungen der Zustimmung der gesamten Eigentümergemeinschaft. Ganz einfach wurde es Elisabeth von Samsonow dennoch nicht gemacht, als sie vor einigen Jahren ein desolates Hofhäuschen in Wien-Leopoldstadt erwarb. Die Nachbarn führten einen regelrechten Kleinkrieg gegen ihr Ansinnen, den grauen Hinterhof in ein blühendes Paradies zu verwandeln. Sie fürchteten die durch den Garten entstehende Feuchtigkeit. Von Samsonow ließ sich nicht entmutigen und erfreut sich heute an ihren Rosensträuchern, den Marillenbäumen und dem wilden Wein, der sich die Wände hochrankt. Bis es so weit ist, sind mitunter auch noch bauliche Maßnahmen notwendig, erklärt Landschaftsarchitektin Maria Auböck vom Büro Auböck & Kárász in Wien. "Die meisten Höfe sind betoniert. Ich empfehle, den Beton aufzustemmen und von Grund auf zu begrünen. Man kann aber auch wie auf einer Dachterrasse Substrat aufbringen.“ Bei der Gestaltung der meist schattigen Höfe sollte man bei der Pflanzenauswahl besonders sorgfältig vorgehen. Zwar darf man auf eigenem Grund und Boden einsetzen, was man möchte, doch nimmt die Bepflanzung den anderen Hausbewohnern zu viel Licht, muss der neugesetzte Baum wieder weichen. Und auch Bewässerung ist in Innenhöfen ein Thema, denn mitunter halten umliegende Gebäude den Regen ab, sodass trotz schattiger Lage noch für zusätzliche Bewässerung gesorgt werden muss. Dann aber wachsen selbst Pflanzen, die man in einem Hinterhof eher nicht erwarten würde - sogar Zitronenbäume, wie bei Elisabeth von Samsonow: "Es ist faszinierend, wie man sich mit ein wenig Fantasie selbst auf kleinstem Raum ein Paradies schaffen kann.“ l

Buchtipp: Verborgene Gärten in Wien. Einblicke in die geheime Gartenvielfalt einer Großstadt. Von Ruth Wegerer und Harald Eisenberger. Erschienen im Verlag Christian Brandstätter, 36 Euro

Von Ulrike Moser

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