Hubert Klumpner – Der Slum-Architekt

Hubert Klumpner – Der Slum-Architekt

Goethe sagte: Architektur ist gefrorene Musik. "Wir sagen: Architektur ist gefrorene Politik.“ Der österreichische Architekt Hubert Klumpner sieht sich als Stimmungsmacher für politische Veränderung und Demokratisierung.

Gemeinsam mit seinem Partner Alfredo Brillembourg hat er den Lehrstuhl für Architektur und Städtebau an der ETH Zürich inne. Und er baut hauptsächlich in den Favelas, den Armenvierteln Lateinamerikas. Reizvoll ist das für ihn deswegen, weil Slums die am stärksten wachsende urbane Form sind. "Eine Milliarde Menschen leben in Armenvierteln, Tendenz: stark steigend! Ein Phänomen, das über die ganze Welt verbreitet ist und mit den Megacities mitwächst. In Wahrheit machen wir Armutsbekämpfung.“ In Venezuela realisierte Klumpner gemeinsam mit der Vorarlberger Seilbahnfirma Doppelmayr eine Verbindung zwischen Slums und dem Stadtzentrum, den Metro Cable Liner San Agustín.

Klumpner schloss sein Studium an der Universität für angewandte Kunst in Wien bei Professor Hans Hollein ab. Dann bekam er ein Stipendium von der US-Botschaft und studierte Städtebau in New York an der Columbia University. Dort lernte er auch Alfredo Brillembourg kennen, der aus Lateinamerika stammt. Nach dem Masterstudium gründeten sie zusammen in Caracas den Urban Think Tank, zunächst als NGO, "wir haben ihn dann aber in eine Firma umgewandelt, weil wir als NGO keine Aufträge bekommen hätten“. Zur Zeit entsteht ein zweites Architekturbüro im brasilianischen Sao Paulo.

Als erstes Projekt entwickelte Klumpner eine Toilette, die kein Abwasser braucht. Denn die Abwasserentsorgung funktioniert in den Slums nicht, was ein lebensgefährliches Problem darstellt. In Lateinamerika sind die meisten Städte an Hügeln oder Bergen errichtet. Durch die fehlenden Kanalanlagen rinnt das Abwasser über Treppen und Gänge und durch die Häuser oder Hütten durch. Gemeinsam mit einer slowenischen Künstlerin und einer israelischen Architektin entwickelte Klumpner daher im Jahr 2000 eine Trockentoilette. Später wurde das Gimnasio Vertical in den Slums von Santa Cruz gebaut (siehe Foto links unten). Es ist der Prototyp einer Schule, die auch in den beengten Verhältnissen eines Armenviertels Platz findet.

Musik der Armen

Das Unternehmen des Architektenduos Klumpner-Brillembourg versucht, das Leben in Elendsvierteln annehmbarer zu machen. Für Venezuelas Kinder- und Jugendorchester, das vor 30 Jahren in den Slums entstand, wurde ein Konservatorium gebaut. Involviert war auch Gustavo Adolfo Dudamel. Die musikalische Ausbildung des Stardirigenten und Geigenvirtuosen begann im Rahmen des "Sistema Nacional de Orquestas Juveniles e Infantiles de Venezuela“, einem Programm zur Förderung der musikalischen Ausbildung von Heranwachsenden in den Slums - mit gespendeten Instrumenten, von denen viele auch aus Wien kommen. Im Alter von 18 Jahren wurde Dudamel zum Chefdirigenten der "Sinfónica de la Juventud Venezolana Simón Bolívar“ ernannt. Auch berühmte Dirigentenkollegen wie Sir Simon Rattle, Claudio Abbado oder Daniel Barenboim ließen sich vom Talent Dudamels beeindrucken und dazu bewegen, mit dem Orchester zu arbeiten.

Klumpner baute eine große Konzerthalle mit drei Sälen für 2000 Besucher, in denen es keine Grenze mehr zwischen Zuhörern und Performern gibt. "Auf dem Dach des Gebäudes ist das Konservatorium untergebracht, und es gibt eine ständige Bewegung zwischen allen Räumen“. Für seine Architektur heimste Klumpner seit 2010 vier renommierte Preise ein.

Mittlerweile ist sein Urban Think Tank eine Art Ideenbank für Prozesse. "Wir machen urbane Prototypen, also wiederholbare Gebäude“, erklärt Klumpner. Die Gebäude sind genau auf die speziellen Verhältnisse in Elendsvierteln zugeschnitten. Nach einer Konferenz in Wien zum Thema "Urban Prototyping“ wurden die Architekten auch an die Columbia University eingeladen und gründeten dort das S.L.U.M. Lab, das für "Sustainable Living Urban Model Laboratory“ steht. Mit ihren baulichen Prototypen waren sie auch im New Yorker Museum of Modern Art mit der Ausstellung "Small Scale, big Change“.

Jetzt glauben die beiden, einen Wendepunkt erreicht zu haben: "Wir arbeiteten bisher bottom up, denn unsere Bauherren hatten weder Land noch Geld.“ Langsam kann der Urban Think Tank nun aber in die Top-down-Perspektive übergehen, denn mittlerweile ist die rapid wachsende Urbanisierung und die Erfordernis einer nachhaltigen Stadtentwicklung für Megacities Thema Nummer eins - auch beim World Economic Forum, zu dem Klumpner heuer eingeladen war. Mittlerweise arbeitet der Urban Think Tank mit der Interamerikanischen Entwicklungsbank IDB sowie mit zahlreichen Universitäten, Bau- und Infrastrukturunternehmen zusammen. "Man spricht immer von Best Practice, aber es zählt der Best Process“, sagt Klumpner, "denn im Experimentierstadium lernt man die Prozesse verstehen, so wie wir beispielsweise beim Doppelmayr-Seilbahnprojekt in Caracas enorm an Know-how gewonnen haben. Wir alle können von den Slums lernen.“

Um die Entstehung und Organisation eines Slums zu verstehen, studierten Klumpner und Brillembourg über ein Jahr den Torre David und schrieben darüber ein Buch. Der Torre David ist ein 45-stöckiger Wolkenkratzer in Caracas, der aufgrund der Wirtschaftskrise 1994 in Venezuela nie fertig gebaut wurde. Heute ist er das improvisierte Zuhause von mehr als 750 Familien mit 3000 Mitgliedern, die ohne offizielle Unterstützung in diesem besetzten Turm leben, der oft als vertikaler Slum bezeichnet wird.

Problemlöser

Ausgangsbasis für alle Projekte Klumpners ist aber immer die ETH Zürich, die ihm mit dem Lehrauftrag auch eine intensive weltweite Forschung ermöglicht. "Auch die Wirtschaft hat uns immer wieder geholfen, Projekte zu finanzieren, wobei der ETH-Effekt unverzichtbar war.“ Inzwischen findet die Umsetzung von Projekten des Urban Think Tank eine breite Unterstützung. In Zusammenarbeit mit Banken, Regierungen und Universitäten wird als nächstes in Port of Spain (Tobago) eine Ölstadt entwickelt. "Wir müssen die Menschen im globalen Interesse vernetzen, um gesellschaftliche Probleme zu lösen“, ist Klumpner überzeugt und sieht hierin auch eine tragende Aufgabe für die Hochschulen. "Die Universitäten dürfen sich nicht in Elfenbeintürmen verbarrikadieren, denn sie müssen jene Leute hervorbringen, die die Herausforderungen der Welt meistern können.“ Mit den Prototyp-Bauten für die ärmeren Gegenden der Welt gehört er zu diesen.

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