Kooperation ist Schlüsselwort der Zukunft

INNOVATIONSLAND. Von der verlängerten Werkbank zum Hightech-Standort: Der Wirtschaftsstandort Kärnten hat sich in den vergangenen Jahrzehnten äußerst dynamisch entwickelt. Wie das gelungen ist.

Thema: Standort Kärnten: Erfolgsgeschichten
Gute Verbindung: Lakeside Park, Universität und Wörthersee – Kärnten punktet mit der Verknüpfung von Wissenschaft, Unternehmen und hoher Lebensqualität.

Gute Verbindung: Lakeside Park, Universität und Wörthersee – Kärnten punktet mit der Verknüpfung von Wissenschaft, Unternehmen und hoher Lebensqualität.

Kleine Wafer, große Wirkung: Die Eröffnung der neuen vollautomatisierten Chipfabrik von Infineon in Villach, eine Megainvestition von 1,6 Milliarden Euro, hat Kärnten weltweit in die Wirtschaftsteile der Medien gebracht. Statt vom Urlaubsland im Süden Österreichs war auf einmal vom Hightech-Standort im südlichen Alpenraum die Rede. Um diesen Imagewandel und darum, was dahinter steckt, ging es auch bei einem Round Table im Konzerthaus Klagenfurt, coronabedingt leider ohne Publikum. Was macht einen Wirtschaftsstandort attraktiv? Wo steht Kärnten? Ist das südliche Bundesland mehr als Wörthersee plus ein bisschen Infineon zum Drüberstreuen?

Markus Bliem, Leiter strategische Landesentwicklung

Markus Bliem, Leiter strategische Landesentwicklung




„Der Ausbau der Südbahn ist ein echter Gamechanger und wird dem gesamten Wirtschaftsraum neue Impulse geben.“

Mit der Milliardeninvestition am Standort Villach hat Infineon jedenfalls ein deutliches Zeichen gesetzt. Dabei hätte es für den international agierenden Mikroelektronikkonzern durchaus Alternativen gegeben, unter anderem gibt es in Malaysia und Kalifornien Produktionsstandorte. „Villach ist Kompetenzzentrum und Herz unserer Halbleiter-Sparte, wo immer wieder Innovationen entwickelt und auf den globalen Markt gebracht wurden, so jetzt auch die 300-Millimeter-Wafer, die vor rund zehn Jahren in Villach entwickelt wurden“, so Oliver Heinrich, Finanzvorstand von Infineon Austria, bei der Diskussion. Aber das war nicht allein für die Standortentscheidung ausschlaggebend: „Neben der vorhandenen Infrastruktur und dem Know-how unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren die attraktive Förderlandschaft und die in Kärnten vorhanden Netzwerke für Forschung und Entwicklung entscheidende Kriterien“, so Heinrich.

Wissenschaft plus Wirtschaft

Der Infineon-Manager nannte damit zwei entscheidende Stichworte, die in jeder Standortdiskussion eine Rolle spielen: Netzwerke sowie Forschung und Entwicklung, kurz F&E. Gerade in diesen Bereichen, also der erfolgreichen Vernetzung von Bildung, Forschung und Unternehmen, hat Kärnten in den vergangenen Jahren Akzente gesetzt. „Kooperation ist das Schlüsselwort der Zukunft“, ist auch Christina Hirschl überzeugt. Als Leiterin von Silicon Austria Labs in Villach ist sie selbst ein wichtiger Player in diesem Netzwerk. Das Forschungszentrum, unter anderem auf Mikroelektronik und Sensortechnik spezialisiert, ist ein One-Stop-Shop für Unternehmen, die zu diesen Themen forschen. „Wir bemühen uns, Grundlagenforschung und angewandte Forschung miteinander zu verbinden, und haben so eine Drehscheiben-Funktion für Innovationen“, so Hirschl, „das Besondere: Wir kombinieren den wissenschaftlichen Ansatz mit der wirtschaftlichen Perspektive.“

Erfolgreiche Netzwerke

Genau das ist einer der Erfolgsfaktoren von Kärnten, betont auch Markus Bliem, bei der Landesregierung Leiter der strategischen Landesentwicklung sowie des Standortmarketings. „Kärnten war früher die verlängerte Werkbank der deutschen Autoindustrie und hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur für die Elektronik- und Mikroelektronikindustrie zu einem Hightech-Standort entwickelt. Gelungen ist das vor allem durch Verknüpfung von Bildung, Forschung und Unternehmen – ein überaus erfolgreiches Wirkmuster.“ Dass das keine Marketingprosa ist, sondern gelebte Realität, zeigen konkrete Beispiele. Dazu zählt der Lakeside Park in unmittelbarer Nähe zur Universität Klagenfurt, der Sitz zahlreicher innovativer Start-ups und Unternehmen und die Etablierung eines Studiengangs „Leistungselektronik“ an der FH Kärnten. Silicon Austria Labs in Villach hat die Zahl seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter innerhalb von nur zwei Jahren von 50 auf 120 mehr als verdoppelt. „Diese dynamische Entwicklung wollen wir fortsetzen“, so Chefin Christina Hirschl. Stratege Bliem sieht das als ein ganz wesentliches Aufgabenfeld der Zukunft: „Es wird wichtig sein, die Grundlagenforschung aus den Universitäten ‚herauszuholen‘ und den Betrieben zugänglich zu machen. Da sind uns die USA um einiges voraus.“

Christina Hirschl Leiterin Silicon Austria Labs Villach

Christina Hirschl Leiterin Silicon Austria Labs Villach




„Wir verbinden Grundlagenforschung und angewandte Forschung und wirken so als so Drehscheibe für Innovationen.“

„Haben uns getraut“

Die Entwicklung Kärntens illustriert auch die Erfolgsgeschichte der Firma Ortner – und die Bedeutung von Leitbetrieben für eine Region. Als kleiner Handwerksbetrieb gestartet, hat sich das Unternehmen zu einem Spezialisten für Reinraumtechnik und Apparatebau entwickelt, das weltweit exportiert. „Meine Frau und ich hatten nie die Absicht, ein Unternehmen zu gründen“, erzählt Josef Ortner. Das änderte sich mit einer Anfrage von Siemens, Vorläufer von Infineon in Kärnten, an den damaligen Klimatechnik-Betrieb, ob man auch einen Reinraum ausstatten können. „Und wir haben uns getraut, das zu machen“, so Ortner, „und dann mit der Industrie weiterentwickelt.“ Inzwischen ist der Villacher Familienbetrieb längst aus dem Windschatten von Infineon herausgetreten und entwickelt Spezialapparate für die Pharma- und Lebensmittelindustrie und arbeitet bei der Entwicklung mit Forschungszentren wie Silicon Austria Labs zusammen. Als er das erzählt, schüttelt Josef Ortner ein wenig ungläubig den Kopf. „Ich habe mir nie vorstellen können, als einfacher Handwerksbetrieb jemals mit Professoren zusammenzuarbeiten. Wie soll das funktionieren? Anfangs war das eine echte Überwindung, inzwischen tun wir es liebend gerne. Und anders geht es auch nicht, dafür ist die Forschung zu wichtig, nicht nur für einzelne Unternehmen, sondern für den gesamten Standort.“

Chipproduktion auf dem neuesten Stand: 1,6 Milliarden Euro hat Infineon in das neue Werk in Villach investiert.

Chipproduktion auf dem neuesten Stand: 1,6 Milliarden Euro hat Infineon in das neue Werk in Villach investiert.

Der Unternehmer sieht manche Entwicklung allerdings auch kritisch. „Das Einzugsgebiet von Kärnten, der Südalpenraum mit der Steiermark und Norditalien, hat aufgrund seiner verschiedenen Mentalitäten und Qualitäten ein enormes Potenzial an sehr guten Betrieben, etwas bei der Holztechnologie oder bei Verpackungstechnik für Lebensmittel. Auch das sind Stärkefelder, die neben dem ‚Leuchtturm‘ Mikroelektronik nicht übersehen werden sollten.“

Eine große Herausforderung – nicht nur für Kärnten – ist das Thema Fachkräftemangel. „Wir rekrutieren Mitarbeiter international“, berichtet Christina Hirschl, „und Kärnten ist für junge Menschen durchaus attraktiv. Sie kommen natürlich in erster Linie wegen der Forschungsmöglichkeiten her und der engen Zusammenarbeit mit der Industrie, aber sie bleiben nur, wenn auch das Umfeld passt. ­Mobilität, Weiterbildungsmöglichkeiten, Jobchancen für Partner, das ist alles mitentscheidend.“

Kärntner Spezialität: Die Verknüpfung von Grundlagenforschung und angewandter Forschung.

Kärntner Spezialität: Die Verknüpfung von Grundlagenforschung und angewandter Forschung.

Offen für Fachkräfte aus aller Welt

Oliver Heinrich bestätigt das: „Wir bieten in Villach Spitzentechnologie. Das ist attraktiv für viele Menschen. Zudem ist Kärnten bei der Work-Life-Balance auf einem sehr hohen ­Niveau. Ich selber lebe auch schon seit acht Jahren hier, und ich fühle mich sehr wohl. Klar ist aber auch: Mit Österreichern und Europäern alleine werden wir den zukünftigen Bedarf an Fachkräften nicht decken können. Es muss also auch für Menschen aus anderen Kulturkreisen attraktiv sein, nach Österreich zu kommen und sich hier wohlzufühlen, auch wenn sie die Sprache nicht sprechen. Das reicht von englischsprachigen Mitarbeitern bei Behörden bis zur Anerkennung von Ausbildungen und Berufen von Partnern. Die sind oft sehr gut ausgebildet, da lassen wir viele Chancen liegen. Es wäre gut, die vorhandene Willkommenskultur noch ­stärker zur Visitenkarte Kärntens zu machen.“

Auch der Leiter der Strategischen Landesentwicklung ist sich der Bedeutung des Themas internationale Fachkräfte bewusst. „Kärnten ist schon jetzt internationaler, als man glaubt“, betont Markus Bliem, „hier leben 77.000 Menschen mit Migrationshintergrund, das entspricht der Einwohnerzahl von Villach und Spittal an der Drau, ist also schon eine relevante Größenordnung.“

Josef Ortner Ortner Reinraumtechnik

Josef Ortner Ortner Reinraumtechnik




„Der Südalpenraum mit der Steiermark und Norditalien hat aufgrund seiner verschiedenen Mentalitäten und Qualitäten enormes Potenzial.“

Game Changer Koralmtunnel

Die zukünftige Entwicklung des Bundeslandes sieht er positiv. „Der Ausbau der Südbahn durch den Koralmtunnel ist ein echter Gamechanger“, ist Bliem überzeugt, „in 45 Minuten von Graz nach Klagenfurt, das wird dem gesamten Wirtschaftsraum neue Impulse geben. Es gibt dort eine ganze Reihe exzellenter Leitbetriebe in Branchen wie Metallverarbeitung, Maschinenbau, Chemie und anderen, die exzellente Ausbildungs- und Arbeitsplätze bieten.“

Auch die Themen Klimawandel und Green Technology werden den Wirtschaftsstandort beflügeln, so Bliem. „Kärnten verfügt schon über zahlreiche Unternehmen, die sich auf Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Photovoltaik und Solarthermie spezialisiert haben und in ihrem Segment eine führende Rolle spielen.“ Schon jetzt wird der Eigenstrombedarf des Landes zu hundert Prozent aus erneuerbaren Energien gedeckt. Ideale Voraussetzungen für eine CO2-neutrale Produktion. Bliem: „Die Bio-Ökonomie bietet Kärntens Unternehmen und dem Bundesland hervorragende Entwicklungschancen.“

Doch es sind nicht nur harte und softe Standortfaktoren, die am Ende über den Erfolg eines Wirtschaftsstandortes entscheiden. „Vor allem braucht es Menschen mit Mut, die Projekte angehen und auch umsetzen“, so Infineon-Vorstand Oliver Heinrich.

Oliver Heinrich Finanzvorstand Infineon Austria

Oliver Heinrich Finanzvorstand Infineon Austria




„Die attraktive Förderlandschaft und die in Kärnten vorhanden Netzwerke für Forschung und Entwicklung waren für die Standortwahl mitentscheidend.“

Das Video von dieser Diskussion gibt es unter
www.trend.at/standort-kaernten

Mehr Interessantes zum Standort Kärnten finden Sie auf:
carinthia.com/de/erfolgsstories

Nahmen den Wirtschaftsstandort Kärnten unter die Lupe: Unternehmer Josef Ortner, Markus Bliem (Land Kärnten), Moderator Arne Johannsen (trend), Christina Hirschl (Silicon Austria Labs) und Oliver Heinrich (Infineon), von links.

Nahmen den Wirtschaftsstandort Kärnten unter die Lupe: Unternehmer Josef Ortner, Markus Bliem (Land Kärnten), Moderator Arne Johannsen (trend), Christina Hirschl (Silicon Austria Labs) und Oliver Heinrich (Infineon), von links.


4 Fragen an ...


Prof. Peter Granig, Rektor FH Kärnten

Prof. Peter Granig, Rektor FH Kärnten

Welche Bedeutung hat die Zusammenarbeit mit Unternehmen für die FH Kärnten?
Wir sehen uns als Wissenspartner für die Unternehmen der Region, vor allem im Bereich der angewandten Forschung. Hier gibt es eine Reihe von Kooperationen, was dazu geführt hat, das sich unser Forschungsvolumen dank ­gestiegener Drittmittel in den vergangenen Jahren verdoppeln konnten.

Welche Bedeutung hat das für den Wirtschaftsstandort Kärnten?
Dieser intensive Wissensaustausch zwischen Bildungsträgern und Unternehmen hat eine hohe Relevanz. Betriebe bleiben auf dem aktuellen Stand der Forschung, Studierenden bieten sich Praktikumsmöglichkeiten und Themen für Bachelorarbeiten, wodurch Betriebe wiederum Kontakt zu qualifizierten Fachkräften bekommen. Davon profitieren alle. Wir haben auch sehr viele berufsbegleitend Studierende, was bedeutet, das Unternehmen und Mitarbeitende die Möglichkeit der Weiterbildung und -qualifikation nutzen.

Ist Kärnten wieder für junge Menschen interessant?
Ja, absolut. Der Arbeitsmarkt bietet im Gegensatz zu früher eine Vielzahl wirklich interessanter Jobs und ist daher auch für „Heimkehrer“ attraktiv, die woanders studiert haben.

Und die Zukunft?
Das Wissen explodiert geradezu. Deshalb wird die Kooperation zwischen verschiedenen Bildungsträgern wichtiger, die dann gemeinsam eine „Wertschöpfungskette der Wissensgenerierung“ bilden können. Das ist die Zukunft.