Kyivstar-Manager: „Wir müssen jeden Kampf gewinnen"

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WOLODYMYR LUTSCHENKO
 © Rene Hundertpfund

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Der größte Mobilfunkanbieter der Ukraine, Kyivstar, muss das Netz gegen russische Cyber- und Luftangriffe funktionsfähig halten. COO Wolodymyr Lutschenko über wirtschaftlichen Erfolg in Kriegszeiten und die Abhängigkeit von Elon Musks Satellitendienst.

trend: Russland greift die ukrainische Infrastruktur massiv an. Was stellt derzeit die größte Bedrohung für Kyivstar dar: Angriffe auf die Energieversorgung, die direkte Zerstörung von Mobilfunkinfrastruktur oder Cyberattacken?

Wolodymyr Lutschenko: Die größte Gefahr besteht darin, dass all diese Bedrohungen gleichzeitig auftreten. Das ist die außergewöhnliche Situation, mit der wir in der Ukraine konfrontiert sind. Andere Unternehmen analysieren einzelne Risiken und überlegen, wie sie diese reduzieren können und welche Kosten damit verbunden sind. Wir hingegen müssen mit mehreren schwerwiegenden, durch den Krieg verursachten Bedrohungen zur selben Zeit umgehen: Stromausfällen, Cyberangriffen, einem Mangel an qualifizierten Arbeitskräften und wirtschaftlicher Unsicherheit. Alles gleichzeitig.

trend: 2023 wurde Kyivstar Opfer eines der schwersten Cyberangriffe auf einen europäischen Telekommunikationsanbieter.

Das war der schwärzeste Tag meiner gesamten beruflichen Laufbahn. Und danach folgten die längsten elf Tage meines Lebens. Nach dem Cyberangriff standen mein Team und ich unter unglaublichem Druck. Wir sind der größte Mobilfunkanbieter des Landes. Wir wussten, wir dürfen nicht scheitern.

trend: Gab es einen Moment, in dem Sie befürchteten, dass große Teile des Mobilfunknetzes ausfallen könnten?

Nein. Der Angriff begann am frühen Morgen des 12. Dezember. Am Nachmittag hatten wir eine Vorstandssitzung, bei der ich gefragt wurde, wie unser Plan aussehe. Meine Antwort war: „Wir werden das Netz wiederherstellen.“ Dann kam die Frage, ob wir auch einen Plan B hätten. Ich sagte: „Nein, wir haben keinen Plan B. Wir haben nur diesen einen Plan, und den werden wir umsetzen.“ Wir erhielten enorme Unterstützung von unseren Technologiepartnern, beispielsweise Ericsson, Microsoft, Cisco und anderen. Fachleute aus der ganzen Welt haben daran gearbeitet, nicht nur aus der Ukraine. Dafür bin ich unserem Team bis heute unglaublich dankbar. Die Sprachdienste waren nach 35 Stunden vollständig wiederhergestellt, nach 58 Stunden konnte die Datenübertragung wieder beginnen. Die Festnetzinternetdienste waren bereits nach acht Stunden wiederhergestellt.

trend: Welche Konsequenzen haben Sie aus diesem Angriff gezogen?

Wir arbeiten noch immer an einem großen Projekt, mit dem wir die Lehren aus diesem Angriff umsetzen. Vor allem hat sich unsere Denkweise grundlegend verändert. Früher haben wir sehr stark darauf gesetzt, Angreifer bereits an der äußeren Sicherheitsgrenze abzuwehren. Wir haben viel in diesen Schutz investiert. Heute gehen wir davon aus, dass die entscheidenden Fragen darin bestehen, wie schnell wir einen solchen Angriff erkennen, wie wir reagieren und wie wir den Schaden begrenzen können. Cybersicherheit ist nichts, das man einmal erledigt und dann abhaken kann.

trend: Wie weit gehen Sie dabei?

Allein in den vergangenen zwei Jahren haben wir mehr als 40 sogenannte Penetrationstests durchführen lassen, bei denen unabhängige Unternehmen versuchen, Schwachstellen in unseren Systemen zu finden. Die Ergebnisse waren nicht schlecht. Aber das bedeutet nicht, dass wir uns darauf ausruhen können. Wir müssen jeden einzelnen Kampf gewinnen. Unserem Feind reicht es, einen einzigen zu gewinnen.

trend: Kann man sich gegen solch staatlich unterstützte Hacker überhaupt ausreichend schützen?

Man muss realistisch sein. Wir haben es mit Angreifern zu tun, die über praktisch unbegrenzte finanzielle Mittel, Wissen und Ressourcen verfügen. Die Angriffe werden ­immer komplexer, während sich die Zeit für ihre Vorbereitung und Durchführung deutlich verkürzt. Wenn Sie zum Ziel eines Angriffs werden, werden die Angreifer früher oder später die Sicherheitsbarriere überwinden. Deshalb müssen Sie sich darauf vorbereiten, was danach passiert. Das ist auch einer der Gründe, weshalb mich das Thema Cybersecurity nachts nicht besonders gut schlafen lässt.

trend: Trotz des Kriegs entwickelt sich Kyivstar wirtschaftlich gut. Wie lange können Sie diesen Kurs fortsetzen?

Ich möchte keine Prognosen abgeben. Aber was uns von vielen anderen Unternehmen in der Ukraine unterscheidet, ist, dass wir weiter investieren. Wir tun das, weil wir an die Zukunft der Ukraine glauben. Nicht nur an die Zukunft unseres Unternehmens, sondern an die Zukunft des gesamten Landes. Würden wir aufhören, zu investieren, wäre es, als würden wir aufgeben. Unser Netz ist in den vergangenen vier Jahren um 45 Prozent gewachsen. Wir haben in diesem Zeitraum mehr als eine Milliarde US-Dollar in die ukrainische Wirtschaft investiert. Und das alles, weil wir überzeugt sind, dass die Ukraine überleben wird.

trend: Kyivstar setzt auf Satellitenkommunikation und nutzt Elon Musks Starlink. Ersetzen Sie damit nicht eine Verwundbarkeit durch eine neue Abhängigkeit?

(Überlegt.) Ich möchte die Persönlichkeiten von Donald Trump und Elon Musk nicht kommentieren. Aber man muss bei jeder Entscheidung zwischen möglichen Risiken und dem potenziellen Nutzen abwägen. Und wenn es darum geht, Menschenleben zu retten, hat das für uns immer Vorrang. Die Direct-to-Cell-Technologie ist für uns eine zusätzliche Sicherheitsebene. Wenn auch nur eine einzige SMS, die über Starlink verschickt wird, ein Menschenleben rettet, dann haben wir unsere Mission erfüllt. Die Zusammenarbeit mit Starlink läuft sehr gut und der Dienst funktioniert zuverlässig. Mehr als 30 Prozent aller Nutzer von Starlink Direct-to-Cell weltweit befinden sich in der Ukraine.

trend: Kyivstar hat Erfahrungen gesammelt, die andere europäische Mobilfunkanbieter hoffentlich niemals machen müssen. Was sollten diese Unternehmen von Ihnen lernen?

Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen uns und vielen Unternehmen in Westeuropa: Wir mussten uns anpassen, weil wir keine andere Wahl hatten. Wir mussten zu einem Unternehmen werden, das auf neue Situationen extrem schnell reagieren kann. Und gerade weil wir dazu gezwungen waren, sind wir heute in einer sehr starken Position.

trend: Wie gut sind Europas Mobilfunknetze auf vergleichbare Angriffe vorbereitet?

Wir sind bereit, unsere Erfahrungen mit allen zu teilen, die daran interessiert sind. ­

trend: Wird dieses Angebot angenommen?

Sie müssen nur fragen.

Zur Person

Das Interview ist im trend.PREMIUM vom 23. Oktober 2026 erschienen.

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