Uniqa-Chef Brandstetter: „Langeweile ist das neue Sexy“

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 © Wolfgang Wolak
EXPANSION. CEO Andreas Brandstetter möchte die Uniqa zu einem „allumfassenden Lebensbegleiter" machen. Dafür will er auch in einigen Bereichen expandieren.©Wolfgang Wolak
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Uniqa-Chef Andreas Brandstetter über den Boom der Versicherungsbranche, warum eine Pensionsreform dringlicher als eine Gesundheitsreform ist und wie er damit lebt, die Nummer zwei am Markt zu sein.

trend: Sie stehen seit 15 Jahren an der Spitze des zweitgrößten Versicherungskonzerns Österreichs. Ging es der Uniqa in den 15 Jahren jemals so gut wie jetzt?

Andreas Brandstetter: Nein. Wir haben 18 Millionen Kunden in 14 Ländern Europas. In Zeiten, in denen wir sehr viele Unsicherheiten und Instabilitäten erleben, ist eine Sehnsucht nach starken Marken da, und wir sind privilegiert, so eine starke Marke zu haben. Der demografische Wandel, den wir gerade erleben, führt außerdem dazu, dass unsere Produkte stark gefragt sind, von Ansparprodukten über Risikovorsorgeprodukte bis zu Gesundheitsprodukten. Allen Unkenrufen zum Trotz gab es selten in der Geschichte der Versicherungen so viele Wachstumsmöglichkeiten wie jetzt. Das führt dazu, dass es der gesamten Branche gut geht.

trend: Tatsächlich gingen letztes Jahr die Prämien bei heimischen Versicherungen rauf, die Leistungen deutlich runter. Ist das Versicherungsgeschäft in diesen unsicheren Zeiten nicht ein Selbstläufer?

In Zeiten der großen Euphorie an den Aktienmärkten gab es bei Versicherungen nie so große Zuwächse, wir sind aber auch bei Rückgängen nie ganz vorne dabei. Eine gewisse Langeweile ist das neue Sexy. Unsere Branche strahlt eben eine gewisse Zuverlässigkeit aus. Das brauchen die Menschen derzeit.

trend: Trotz all der Zuwächse, stört es Sie, dass die Uniqa-Gruppe nicht die Nummer eins am Markt ist?

Unser Ziel ist, in den Leben möglichst vieler Menschen Relevanz zu haben. In digitalen Zeiten verschwinden die Grenzen zwischen Industrien. Deswegen expandieren wir gerade so stark in den Gesundheitsbereich. Ob wir dabei Nummer eins, drei oder fünf sind, ist zweitrangig, solange der Trend aufwärtsgeht.

trend: Auch der Aktienkurs der Uniqa konnte auf Jahres- oder Fünfjahresbasis nicht mit der VIG mithalten. Worauf führen Sie das zurück?

Ich will den Mitbewerb nicht kommentieren, aber wir hatten letztes Jahr an der Börse ein Plus von 97,4 Prozent und haben damit alle Vergleichsindizes geschlagen. Und in den letzten 52 Wochen stehen wir bei einem Plus von 46 Prozent. Damit sind wir sehr zufrieden und freuen uns, wenn es mehrere gute Finanzinstitute in Österreich gibt.

trend: Es gibt in Österreich fast 40 Versicherungen. Ist das für einen kleinen Markt wie Österreich nicht zu viel?

Als wir vor rund 20 Jahren in die Ukraine eingetreten sind, gab es dort rund 400 Versicherungen. Ich erwarte – auch aufgrund der KI – in der gesamten Region, in der wir tätig sind, eine Konsolidierung.

trend: Die Geldschatulle der Uniqa ist gut gefüllt. Sehen Sie in nächster Zeit Chancen, zuzukaufen, oder sind die Preise für Versicherungen zu teuer?

Man braucht Geduld. Wir werden in Mittel- und Osteuropa Transaktionen erleben, und vielleicht ergibt sich auch für uns eine Chance. In digitalen Zeiten ist unser Geschäftsmodell auch über Osteuropa hinaus skalierbar. Und wir tätigen im Gesundheitsbereich – Stichwort Mavie – immer wieder Zukäufe. Was ich ausschließe, ist Expansion am deutschen Markt.

trend: Sie hätten die Nürnberger Versicherung also nicht gekauft?

Nein.

trend: Welche neuen Märkte interessieren Sie?

Im Gesundheitsbereich sind es jene Märkte, wo wir ohnehin schon sind. Aber digital haben wir die Möglichkeit, auch in komplett neue Versicherungsmärkte zu gehen.

trend: Vier Ihrer zehn Kapitalvertreter im Aufsichtsrat sind Raiffeisenleute. Kann diese Abhängigkeit an der Börse hinderlich sein?

Als ich in den Vorstand kam, hatte Raiffeisen noch eine deutlich stärkere Position bei Uniqa. In den letzten Jahren hat sich Raiffeisen etwas zurückgezogen. Wir haben unser Verhältnis auf eine komplett saubere Basis gestellt und haben eine gute Vertriebskooperation miteinander. Die Zahl der Kapitalvertreter geht noch auf einen uralten Syndikatsvertrag zurück. Wir werden auf Roadshows aber auch nie darauf angesprochen.

trend: In Ihrem Vorstand ist von sieben Vorständen nur eine Frau. Wieso ist die Quote so niedrig?

Es ist sicher ein Versäumnis von mir, dass ich dachte, das wird sich mit der Zeit automatisch regeln. Das war aber nicht so. Wir haben aber dem Thema Diversität vor ein paar Jahren viel mehr Aufmerksamkeit gewidmet, und es würde mich nicht wundern, wenn wir in der nächsten Vorstandsperiode mehr Frauen im Vorstand sehen würden.

trend: Ihr größter Aktionär ist die Uniqa Privatstiftung. Über diesen Aktionär ist so gut wie nichts bekannt, z.B. was die Stiftung mit all dem Geld macht. Wäre hier nicht mehr Transparenz wichtig?

Ich weiß, dass sich die Uniqa Privatstiftung intensiv mit dem Thema auseinandersetzt. Ich gehe davon aus, dass viele der Projekte, die von der Stiftung etwa im Gesundheitsbereich gefördert werden, transparenter gemacht werden. Die Kritik ist jedenfalls gehört.

Zur Person

trend: Die Uniqa hat sich von Strabag-Aktienpaketen getrennt. Wollen Sie weiter verkaufen, obwohl die Strabag gut performt?

Wir haben zwei Mal Anteile im Ausmaß zwischen ein und zwei Prozent verkauft. Im Zuge der tourlichen Portfoliopflege haben wir uns entschieden, Anteile zu verkaufen. Wir werden aber weiter Kernaktionär der Strabag und auch Syndikatspartner bleiben und sehen die Entwicklung der Strabag mit großer Freude.

trend: Die Uniqa hat letztes Jahr auch einige Immobilien verkauft. Soll das so weitergehen?

Wir haben ein relativ großes Immobilienportfolio, wovon wieder sehr viel in Wien liegt. Darunter ein historisch großer Bestand an Zinshäusern, also ein Kumulrisiko. Die Diskussionen um Mietpreisdeckel und ESG-Auflagen ­haben unseren Entschluss, zu desinvestieren, beschleunigt. Aber wir reinvestieren das Geld auch wieder in ­Immobilien, etwa in Polen oder ­Rumänien. Diese Strategie werden wir beibehalten.

trend: Mit einem Aktienbestand von 150.000 Uniqa-Aktien zählen Sie zu den aktivsten CEOs an der Wiener Börse. Würden Sie sich wünschen, dass sich mehr CEOs auf diese Weise zu ihren Unternehmen bekennen?

Es gibt zwei Denkschulen: die eine, die sagt, man will auf keinen Fall mit irgendwelchen Sperrfristen in Konflikt geraten, und die andere, der ich angehöre, die bewusst Aktien des eigenen Unternehmens kauft, um zu zeigen, dass man zum Unternehmen steht und sich verantwortlich fühlt. Das ist Teil meines Lebens. Ich würde mir das auch von anderen CEOs stärker wünschen.

trend: Was halten Sie für dringlicher: eine Gesundheits- oder eine Pensionsreform?

Das ist eine böse Frage, aber für mich ist die Pensionsreform dringlicher, weil die Fakten erdrückend sind, auch wenn mir eine Gesundheitsreform lieb und wichtig wäre. Ich kann es nicht verstehen, warum längeres Arbeiten automatisch als Bestrafung gesehen wird. Ich habe aber Verständnis dafür, wenn gefordert wird, dass auch Unternehmen dazu beitragen sollen, das faktische Pensionsalter zu erhöhen.

trend: Wie soll das passieren?

Ich denke da an eine freiwillige Selbstverpflichtung von Unternehmen. Da wären wir sicher auch dabei. Dennoch braucht es auch eine schrittweise Anhebung des gesetzlichen Pensionsalters.

trend: Mit einer freiwilligen Selbstverpflichtung soll das funktionieren?

Da wäre ich verhandlungsbereit. Wenn ein Bonus-Malus-System hilft, wären wir auch dabei.

trend: Führt die Anhebung des gesetzlichen Pensionsalters aber nicht dazu, dass sich junge Leute noch schwerer tun, einen Arbeitsplatz zu finden?

Wir haben die letzten Jahre jährlich 2.000 neue Mitarbeiter eingestellt. Ich habe null Sorge, dass die KI in unserem Bereich die Jobs wegfrisst. Ich denke, es wird genug Arbeit für alle geben. Bedenken Sie allein den Mehrbedarf an Pflegern.

trend: In dem Zusammenhang haben Sie gesagt, Sie haben dazugelernt und setzen nun verstärkt auf ältere Arbeitskräfte. Wie viele beschäftigen Sie aktuell?

Ja, ich habe gelernt, dass viel Know-how verloren gehen kann. Derartige Mitarbeiterabbauprogramme haben wir nicht mehr. Ein Drittel unserer Belegschaft ist über 50 Jahre alt, und 2025 lag die Zahl der Neueintritte über 50 Jahre bei zehn Prozent.

trend: FPÖ-Chef Kickl hat kürzlich gemeint, die Lage der Pensionen wäre nicht so dramatisch. Da käme jetzt eine Delle, aber mit mehr Wirtschaftswachstum ließe sich das schon wieder einrenken. Richtig?

Nein, bleiben wir doch bei den Fakten: Die Ausgaben der Sozialleistungen allein sind von 2024 bis 2025 um fünf Milliarden Euro (plus sieben Prozent) gestiegen. In der gleichen Zeit ist die österreichische Wirtschaft um 0,3 Prozent gewachsen. 2025 sind um 12.000 Personen mehr gestorben, als Kinder geboren wurden. Die Fakten sind also erdrückend.

trend: Thema Pensionsvorsorge: Der Kanzler hat ein Zukunftsdepot vorgeschlagen, das gebührenfrei sein soll. Halten Sie das für eine gute Idee? Könnten Sie sich vorstellen, dass da auch die Uniqa Produkte anbietet?

Die ganze Branche findet diese Initiative sehr begrüßenswert. Aber was wir brauchen, ist eine Chancengleichheit, das heißt, wir wollen nicht, dass Versicherungen im Rahmen des gesamten Altersvorsorgepakets benachteiligt werden. Darüber sind wir auch in Gesprächen mit der Politik.

trend: Sie haben sich bereits kritisch zur Prikraf-Idee des Vizekanzlers geäußert. Was hieße das für Ihr Haus, wenn die 200 Millionen Euro den privaten Krankenanstalten wirklich entzogen werden?

Wir würden ganz normal weitermachen. Wir haben bewiesen, dass wir effizient und gewinnbringend managen können. Wir haben erst letztes Jahr ein kleines Spital in Tirol gekauft und investieren gerade 260 Millionen Euro in der Confraternität und der Döblinger Privatklinik in Wien. Der Bedarf ist da, denn wir haben allein letztes Jahr als Branche 86.000 Menschen als Kunden für die private Krankenversicherung gewonnen. Aber die Streichung der Mittel wäre dennoch ein Fehler, weil durch Privatkliniken der öffentliche Bereich massiv entlastet wird.

trend: Ihr Vertrag läuft noch bis Mitte 2028. Wollen Sie danach weitermachen?

Wenn meine Aufsichtsräte das auch wollen, sehr gerne.

trend: Welche Ziele schweben Ihnen in der Uniqa noch vor?

Die Versicherung wandelt sich immer mehr zur „Caring Industry“ und wird zu einem allumfassenden Lebensbegleiter. Ich möchte die Wertschöpfungskette unserer Dienstleistungen weiter verlängern. Was mich so antreibt, ist die Möglichkeit, auch in andere als in Versicherungsbereiche zu expandieren.

trend: Die Politik reizt Sie nicht noch einmal?

Das Kapitel ist für mich endgültig abgeschlossen.

Uniqa Versicherung: Zahlen, Daten, Fakten

Das Interview ist im trend.PREMIUM vom 25. September 2026 erschienen.

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