Automatisiertes Laden: Zukunft ohne Kabelsalat

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Hermann Stockinger, Gründer von Easelink in Graz.
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Die Zahl der Ladesäulen hat sich seit 2021 verfünffacht. Doch längst arbeiten Start-ups wie Easelink aus Graz an automatisierten Lösungen ohne Ladekabel. Wie das Tanken von morgen aussehen könnte.

In Zeiten knapper Kassen werden Förderungen für E-Autos gestrichen, aber für neue Kampagnen ist dann plötzlich doch noch Geld da. Anfang Juni trat Infrastrukturminister Peter Hanke (SPÖ) vor die Presse und präsentierte seine neuste Idee zur Förderung der E-Mobilität. Unter dem Slogan „Keine E-ngste mehr“ sollen schrullige Stoffpuppen in Spots für eine positivere Einstellung und in der Folge für den Kauf eines Stromers sorgen. Denn es geht um nichts weniger als um die magische Million. So viele E-Autos sollen in einigen Jahren auf österreichischen Straßen unterwegs sein.

„Ich halte das Ziel weiterhin für realistisch“, sagt Maximilian Scherr, Partner beim Strategieberater Arthur D. Little: „Noch 2021 haben wir einen Engpass in der Lade-Infrastruktur gesehen. Aber der Ausbau ging schneller voran als in Studien prognostiziert, jetzt liegen wir sogar ein bisschen vor der Zeit.“ Aktuell gibt es über 38.000 öffentliche Ladepunkte, das sind fast fünfmal so viele wie vor fünf Jahren.

Die Stromtankstellen, die hierzulande in Wohnhäusern, öffentlichen Parkplätzen und an Tankstellen zu finden sind, basieren auf der konduktiven Ladetechnologie. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass der Ladevorgang über ein sperriges Ladekabel und einen Stecker erfolgt. Doch ist das tatsächlich die komfortabelste Lösung?

Hermann Stockinger findet das nicht. Vor zehn Jahren – er beschäftigte sich damals als junger Ingenieur bei BMW mit Ladeinnovationen – begann er zu tüfteln, ob es nicht auch möglich wäre, ein Elektroauto ohne Kabel zu laden. Mit der Idee machte er sich dann 2016 selbstständig.

Seine Firma Easelink mit Sitz in Graz und einem Büro in China hat sich dem automatisierten konduktiven Laden verschrieben. Das System besteht aus zwei wichtigen Komponenten: einem Ladepad in der Größe einer Fußmatte, das bündig in der Fahrbahn verbaut wird, und einem so genannten Konnektor im Fahrzeugboden. Parkt das Auto über dem Ladepad, senkt sich der Konnektor – eine Art Faltenbalg – automatisch herab und stellt den direkten physischen Kontakt mit dem Ladepad her, über den der Strom übertragen wird. „Kern unserer Innovation ist die Schnittstelle zwischen Fahrzeug und Pad. Durch ein sich wiederholendes Kontaktmuster auf dem Pad gibt es nicht nur eine mögliche Ladeposition, sondern es besteht ein gewisser Spielraum“, sagt Stockinger.

Erster Geldgeber war der bekannte Tech-Investor Hermann Hauser. Später stiegen Fonds und Unternehmen über ihre Venture-Einheiten ein, darunter EnBW und Verbund. Zuletzt erhielt Easelink eine Millionen-Förderung vom Europäischen Innovationsrat.

Mit dem Geld soll unter anderem die globale Standardisierung der Matrix-Charging-Technologie forciert werden, also die Schnittstellendefinition für den herstellerübergreifenden Einsatz. Im Rahmen der zusammen mit den Partnern Audi, Nissan und der chinesischen Premium-Marke Voyah ins Leben gerufenen Industrieallianz wird das Thema derzeit intensiv vorangetrieben. „Wir gehen davon aus, dass unsere Technologie um das Jahr 2028 am Markt eingeführt sein wird. Die ersten Applikationen werden voraussichtlich in China zu sehen sein“, sagt Stockinger. Die Kosten seien vergleichbar mit einer hochwertigen Wallbox.

Neue Konzepte

Neben dem automatisierten konduktiven Laden aus Graz gibt es weitere vielversprechende Systeme, die sich in der Entwicklung oder im Aufbau befinden. Der Assistenzprofessor am Institut für Fahrzeugantriebe und Automobiltechnik an der TU Wien, Johannes Konrad, rechnet damit, dass es künftig ein Nebeneinander verschiedener Lade-Lösungen geben wird – abhängig von den Rahmenbedingungen und Anforderungen. „Matrix Charging von Easelink ist in erster Linie ein System, das bei Flotten und im Rahmen des autonomen Parkens sinnvoll ist“, sagt der Experte und verweist auf Einsatzmöglichkeiten in China. Sobald sich das autonome Parken dort verbreitet und viele Fahrzeuge selbstständig in die Tiefgaragen navigieren, wäre eine integrierte, autonome E-Ladung ein nächster logischer Schritt.

Eine weitere in der Entwicklung befindliche automatisierte Technologie ist das induktive Laden. Hier wird über eine Spule im Boden ein Magnetfeld erzeugt, das von einer Empfängerspule am Fahrzeugunterboden aufgenommen und in elektrische Energie umgewandelt wird. „Die Herausforderung besteht darin, dass die Spulen sehr genau aufeinander ausgerichtet sein müssen, um einen Wirkungsgrad von bis zu 90 Prozent zu erzielen“, erklärt Konrad. Außerdem brauche es Hochleistungselektronik, die das System teuer mache. Bis dato gäbe es Pilotprojekte, aber keine Serienproduktion.

„Als ein System der Zukunft wird die E-Road diskutiert“, ergänzt der TU-Professor: „Hier sind Spulen in ausgewählten Abschnitten einer Straße verbaut, so dass die Fahrzeuge während der Fahrt automatisch aufgeladen werden können.“ Das System sei technisch interessant, aber wegen der hohen Kosten nur für stark genutzte Strecken sinnvoll.

An Vielfahrer wiederum richtet sich das System des chinesischen Start-ups Nio. Das Unternehmen baut seit einigen Jahren in China, mittlerweile aber auch in Europa ein Netz an Batteriewechselstandorten auf, wo Akkus kurzerhand getauscht werden können.

Und die TU Wien forscht im Bereich Megawattladen für Pkw. Bei dem öffentlich geförderten Projekt geht es darum, in Zusammenarbeit mit dem Kabelhersteller Gebauer und Griller eine ultraschnelle Lösung für das Laden von Pkw zu entwickeln. „Sobald die Ladezeit eines E-Autos auf wenige Minuten sinkt, vergleichbar mit einem Tankstopp, wird das Megawattladen zum zentralen Katalysator für die E-Mobilität“, prognostiziert Konrad. Ob es dann noch Strohpuppen gegen die E-Angst braucht, sei dahingestellt.

Dieser Artikel ist in der trend.EDITION vom 26. Juni 2026 erschienen.

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