Grenzgänger: Casino-Tourismus in der Slowakei

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Zahlreiche Österreicher nehmen eine Autofahrt über die Grenze in die Slowakei in Kauf, um in eines der vielen grenznahen Casinos zu gehen.

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In den letzten Jahren ist das Glücksspiel aus Österreichs Casinos nicht nur zu illegalen Onlineanbietern abgewandert, sondern in die 67 Casinotempel jenseits der Grenze. Ein Lokalaugenschein in der Slowakei.

Donnerstag, kurz vor 20 Uhr. In der slowakischen Kleinstadt Samorin, unweit von Bratislava, sind die Gehsteige hochgeklappt. In der 13.000-Einwohner-Gemeinde ist kaum eine Menschenseele auf der tristen Hauptstraße zu sehen. Die Musik in Samorin spielt am Ortsrand, im Card Casino, dem größten Casino der Slowakei. Durch seine riesige gelb-lila Leuchtschrift ist es bereits von Weitem zu sehen. Der Parkplatz vor dem Casino ist um die Uhrzeit bereits gut gefüllt. Mehr als 300 Autos parken davor, darunter auch Luxuskarossen wie Porsche Panameras oder Range Rovers. Bei genauem Hinsehen entdeckt man da­runter auch etliche Autos mit österreichischem Kennzeichen, vorwiegend aus Wien oder aus Niederösterreich.

Beim Check-in wird jeder Gast registriert und fotografiert, bevor er im dreistöckigen, weitläufigen Casino von einer süßlichen Duftwolke eingehüllt wird. Die Einrichtung funkelt in billigem Gold. Las Vegas lässt grüßen. Heute findet im Card Casino ein sogenanntes High-Roller-Pokerturnier statt, sprich mit hohem Einsatz und noch viel höherem Preispool (100.000 Euro). Deswegen herrscht vor allem an den 57 Pokertischen im zweiten Stock des Casinos aufgeregtes Treiben. Ansonsten verteilen sich die rund 500 Gäste gut im riesigen Casino. Immer wieder hört man von den Spielern auch deutsche Wortfetzen.

Aber warum fahren Österreicher extra in die Slowakei, um zu spielen? In den letzten zehn Jahren sind im grenznahen Gebiet zu Österreich die Casinos nur so aus dem Boden geschossen. 67 befinden sich etwa 100 Kilometer von der Staatsgrenze entfernt, alleine 26 davon liegen praktisch direkt dahinter. Die meisten davon in Tschechien und der Slowakei, also nicht viel weiter als ein oder zwei Autostunden von Wien entfernt. Auch Samorin hat erst 2024 aufgesperrt. Dem gegenüber befinden sich im Osten Österreichs lediglich zwei Spielbanken, in Wien und in Baden. „Das nächste österreichische Casino ist für mich in Baden, fast eine Stunde Fahrt. Samorin erreiche ich in 25 Minuten“, erklärt Thomas aus Eisenstadt, der sein Tablett gerade am Gratisbuffet volllädt.

Rückholaktion

Branchenkenner gehen davon aus, dass die Besuche von Österreichern in grenznahen Glücksspieltempeln in die Millionen gehen. Marktanalyst Andreas Kreutzer von Kreutzer Fischer & Partner hat alleine im Jahr 2024 145.000 Pokerspiel-Teilnahmen aus Österreich über der Grenze gezählt. Jene Spieler, die darüber hinaus ins Ausland fahren, um Roulette, Black Jack oder an einem der hunderttausend Automaten zu spielen, sind hier nicht mitgerechnet. Niklas Sattler vom Glücksspielberater Aleatrust ist davon überzeugt, dass auf diesem Weg zumindest 200 Millionen Euro an Bruttospielertrag ins Ausland abwandern. Und damit natürlich auch die entsprechende Steuerleistung. „Wir schätzen, dass bei einer Erhöhung der Zahl der Casinolizenzen von zwölf auf 15 rund 1,5 Millionen Besucher wieder zurückgeholt werden können“, glaubt Sattler, der mit Aleatrust selbst als Interessent bereitsteht, wenn es zur Neuausschreibung der Lizenzen kommt. Kreutzer bestätigt: „Durch ein neues Angebot kann man sicher viele Spieler wieder einfangen.“

Die Intention der Politik, durch diverse Maßnahmen der letzten Jahre das Glücksspiel zu kanalisieren, scheint also nicht von Erfolg gekrönt gewesen zu sein, zumal neben den Grenzgängern auch viele Spieler ihren Spielbedarf durch illegale Angebote decken. Laut Experten Kreutzer sind das noch einmal zwischen 200.000 bis 250.000 Österreicher, die zumindest einmal im Jahr ein Angebot ausländischer Plattformen nutzen. Insgesamt liegt die Kanalisierungsrate in Österreich bei maximal 52 Prozent, soll heißen: Der Rest der Spieler befriedigt seine Lust am Spiel außerhalb des legalen österreichischen Angebots.

2013 wurde das Glücksspiel-Monopol der Casinos Austria AG einzementiert. Damit ist Österreich neben Polen das einzige Land in der EU, das noch ein Monopol hat. Bei einer rechtlich umstrittenen Ausschreibung erhielt die Casag den Zuschlag für zwölf Casinostandorte. Drei weitere Lizenzen liegen brach. Ein Jahr davor ging auch die Lotterienlizenz wenig überraschend an den Monopolisten. Durch das Aus des kleinen Glücksspiels in Wien im Jahr 2014 und das Auslaufen der Pokerlizenzen im Jahr 2019 wurde das Monopol der Casag später noch aufgewertet. Nun laufen all diese Lizenzen ab September 2027 sukzessive aus, und das Gerangel darum ist bereits in vollem Gang, obwohl die Politik bislang noch keine dafür notwendige Reform des Glücksspielgesetzes auf den Weg gebracht, geschweige denn eine Ausschreibungsunterlage für die Lizenzen fertig hat.

Aber zurück nach Samorin, wo die drei Etagen gegen 22 Uhr sehr gut gefüllt sind. Neben Spielern, die bei der Casag gesperrt wurden, finden sich hier auch solche, denen das Angebot in Österreich schlicht zu teuer wurde. Denn in den letzten Jahren hat der Monopolist seinen Hausvorteil nach oben geschraubt, was zur Folge hatte, dass die Bruttospielerträge mit rund 300 Millionen Euro zwar über zehn Jahre einigermaßen konstant blieben, die Zahl der Gäste aber von drei auf 2,1 Millionen zurückging. So finden sich auf vielen Roulettetischen statt einer Null nun zwei Nullen, auch der Mindesteinsatz wurde von 2,5 auf fünf Euro erhöht. Bei Black Jack wiederum werden bei kleinen Einsätzen keine Gewinne ausgezahlt, wenn die Bank 22 hat (statt 21). „Dealer-Push on 22“ nennt sich diese für den Spieler nachteilige Regel.

In Samorin gibt es dergleichen nicht. „In Wien konnte ich früher ab einem Einsatz von 20 Euro an einem Pokertisch spielen. Heute sind es 200 Euro in Wien und 100 in Baden. Da komme ich lieber hier her“, erzählt David, der regelmäßig aus Wien über die Grenze pendelt. Nicht einmal der gestiegene Benzinpreis konnte ihn bislang von seinem Trip über die Grenze abhalten.

Neue Lizenzen im Glücksspiel: Casag im Mehrfrontenkampf

Der Artikel ist in der trend.EDITION vom 20. März 2026 erschienen.

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