
Andreas Schuster, stellvertretender Aufsichtsratschef Orasis Industries
©FOTO: LUKAS ILGNERAndreas Schuster, der Sohn des Ankerbrot-Investors Helmut Schuster, hat die einstige Rüstungsfirma Hirtenberger radikal neu ausgerichtet. Statt Großkalibermunition stellt das Unternehmen heute Umwelttechnik-Maschinen und Sicherheitstechnologie für die Autoindustrie her. Jetzt will er weiter zukaufen.
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Andreas Schuster hat Betriebswirtschaft in Innsbruck studiert, ein Traineeprogramm bei Volkswagen in Argentinien absolviert und war von der Ausbildung her gut darauf vorbereitet, eines Tages die Unternehmensnachfolge anzutreten. Doch er zögerte, nahm sich Zeit, bevor er eine endgültige Berufswahl traf.
Nicht unwesentlich dafür war die Ausrichtung des Unternehmens, das sein Vater Helmut Schuster, bekannt als Investor von Ankerbrot, Mitte der 90er-Jahre hoch verschuldet übernommen und erfolgreich saniert hatte. Der Schwerpunkt der Hirtenberger AG lag nach wie vor im Rüstungsbereich. „Für mich war es persönlich und moralisch problematisch, in ein Unternehmen einzusteigen, das Munition herstellt“, sagt Schuster. Mit Ende zwanzig habe er dann das Gespräch mit seinem Vater gesucht und gesagt: „Wenn ich in deine Fußstapfen treten soll, steigen wir aus der Munition aus.“
Damit stieß er nicht gerade auf Verständnis. Erst nach vielen Diskussionen einigte man sich auf folgendes Vorgehen: Das profitable Rüstungsgeschäft kann verkauft werden, wenn der Preis stimmt. Und es muss ein weiteres ziviles Standbein gefunden werden. „Ich bin mir sicher, wenn ich mich nicht so klar positioniert und auch riskiert hätte, in einen Konflikt mit meinem Vater zu kommen, dann wäre ich sehr unglücklich geworden und hätte die Übernahme auch nicht angetreten“, sagt Schuster.
Heute, mehr als zehn Jahre nach der Staffelübergabe vom Vater an den Sohn, ist Hirtenberger eine völlig andere Firma. Andreas Schuster, 43, hat nicht nur den Namen auf Orasis – abgeleitet vom griechischen Wort für Sehkraft und von ihm interpretiert mit Weitblick – geändert. Als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender (den Vorsitz hat sein 94-jähriger Onkel inne) hat er das Unternehmen in den vergangenen Jahren auch nach seinen Vorstellungen neu ausgerichtet: Die Orasis Industries Holding bildet nun das Dach über Technologie und Engineering-Unternehmen, die die Vision verfolgen, mit den richtigen Technologien sowohl dem Planeten als auch den Menschen eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Der Umsatz von zuletzt rund 370 Millionen Euro verteilt sich auf mittlerweile zwei nahezu gleich große Geschäftsbereiche, Umwelttechnik und Fahrzeugsicherheitstechnologie. Trotz anhaltender Wirtschaftskrise war das Industrieunternehmen mit Hauptsitz in Hirtenberg 2024 profitabel unterwegs.
„Was die Gruppe auszeichnet, ist die unglaubliche Entwicklung vom Rüstungsproduzenten zum Umwelttechnik-Experten, der mit seinen Lösungen mithilft, die Erde sauber zu halten, und gleichzeitig im Bereich der automobilen Sicherheitstechnologie einen wichtigen Beitrag leistet, Insassen und Fußgänger zu schützen“, sagt Markus Pellet, Partner bei Deloitte in Graz und Orasis-Aufsichtsrat. Und Kontrolleur Christian Ramsauer, Professor an der TU Graz, betont die Weitsicht des Eigentümers: „In den Aufsichtsratssitzungen geht es nicht nur um Umsatz, Gewinn und Marktanteile, sondern auch viel um gesellschaftliche Themen. Andreas Schuster hat Hirtenberger zu einem wertegeführten Unternehmen umgebaut“, sagt er.
Rückzug aus der Rüstung
Den Verteidigungsbereich zu verkaufen, war allerdings kein einfaches Unterfangen. Der Prozess zog sich mehrere Jahre hin und gelang erst 2019. „Uns war wichtig, dass der Standort erhalten bleibt und zumindest für einige Jahre die Übernahme der Mitarbeiter gewährleistet ist“, sagt Schuster.
Und das gelang auch: Unter dem etablierten Namen Hirtenberger Defense produziert der neue Eigentümer, hinter dem teilweise der ungarische Staat steht, auch heute noch auf dem Firmengelände in Hirtenberg Munition und profitiert vom Rüstungsboom, der vom russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ausgelöst wurde. „Eine europäische Verteidigungsfähigkeit ist heutzutage absolut notwendig“, erkennt Schuster die veränderte Bedrohungslage an. Für ihn gelte aber weiterhin: „Ich will nicht derjenige sein, der mit der Herstellung von Rüstungsgütern Geld verdient. Andere können das gerne tun“, sagt Schuster.
Dass ihm die Neuorientierung der Gruppe auch ohne das Rüstungsgeschäft gelang, lag auch daran, dass die Munitionsproduktion zum Zeitpunkt des Verkaufs nicht mehr so gewichtig war. Wachstumstreiber war schon seit längerer Zeit ein ziviler Bereich, der sich rund um das pyrotechnische Wissen aus der Munitionsherstellung entwickelt hatte: „Mein Vater und mein Onkel haben Ende der 90er die ersten Schritte gewagt. Damals war das noch eine Art Garagenfertigung. Über die Jahre zeigte sich dann, dass der Transfer unserer pyrotechnischen Technologie für Anwendungen in der Automobilindustrie ein Clou ist“, sagt Schuster.
Heute beliefert der Geschäftsbereich Astotec namhafte Autobauer mit Anwendungen, die die Fahrzeugsicherheit erhöhen und Insassen schützen. Dazu gehören etwa pyrotechnische Produkte, die bei einem Unfall eines E-Autos den Stromkreis innerhalb von Millisekunden unterbrechen oder das Straffen der Gurte bei einem Aufprall auslösen. Weitere Kunden gibt es im Bergbau, an die Zünder und Zündpillen für sehr präzise Sprengungen verkauf werden. Die Produktion befindet sich in Winzendorf.
Neue Beteiligungen
Der zweite Geschäftsbereich kam durch einen Zukauf zur Gruppe. „Wir haben den M&A-Prozess damals Perlensuche getauft. Im ersten Schritt ging es darum, die Themen zu identifizieren, für die ich als Eigentümer brenne“, erzählt Schuster. Dabei herausgekommen sei die Erkenntnis, dass er gesellschaftliche Herausforderungen technologisch lösen wolle – insbesondere im Umweltbereich. „Für mich ist Müllaufbereitung extrem sexy“ sagt er. Die Perlensuche wurde dann 2015 mit der Übernahme der Komptech, einem steirischen Hersteller von riesigen Maschinen zur Aufbereitung von Abfällen und Biomasse, abgeschlossen.
„Der Bereich ist ein bisschen wie ein schlafender Riese. Vor vier Jahren gab es einen extremen Boom, seither schwächelt das Geschäft. Aber vor dem Hintergrund des European Green Deals glauben wir daran und wollen zukaufen“, sagt Schuster. Konkret sucht man nach Umwelttechnik-Firmen, die zwischen 30 und 100 Millionen Euro Umsatz machen.
Stifter, Sänger, Mentor
Neben seinem Aufsichtsratsjob ist Schuster in ganz unterschiedlichen Bereichen tätig. „Mir ist es wichtig, die seriöse Businesswelt mit gemeinnützigen, kreativen und spirituellen Themen zu kombinieren“, sagt er. Über seine Weitblick-Stiftung unterstützt Schuster Projekte an der Schnittstelle von Bildung, psychosozialer Gesundheit und Nachhaltigkeit. Mit seiner Rock-Band Evon Rose ist er vor Kurzem durch Österreich getourt, gerade nimmt er ein neues Album auf. Darüber hinaus gibt er Seminare in holotropen Atmen, ein Selbsterfahrungsritual mit veränderten Bewusstseinszuständen.
Seine Erfahrungen als Unternehmensnachfolger weiterzugeben, ist eine Idee, die er künftig noch stärker verfolgen will. „Als mein Vater schon schwer krank war, hat er mir erneut sein Vertrauen ausgesprochen und mich bestärkt, meinen eigenen Weg zu gehen. Das war sehr schön und zutiefst bewegend“, sagt der Eigentümer der erfolgreich transformierten Orasis-Gruppe.
Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 5. Dezember 2025 erschienen.
