Handel: Das chinesische Überrollmanöver

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Die „BYD Explorer No. 1" aus der Autofracherflotte des E-Auto-Riesen im Hafen von Shenzhen.©APA-IMAGES / EYEVINE / WANG FENG XINHUA
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Wie soll Europa mit der Lawine chinesischer Importe umgehen, ohne den großen Handelspartner zu vergrämen? Ein Gespräch mit der China-Koryphäe Jörg Wuttke.

Die Nachricht wurde lange erwartet – und befürchtet. Anfang Juli kursierten Berichte, dass BYD nach Ungarn einen weiteren Produktionsstandort in Europa aufbauen will, bevorzugt im Süden. Die Botschaft ist klar: Der chinesische E-Auto-Riese ist gekommen, um zu bleiben, so wie Tausende andere Unternehmen aus dem Reich der Mitte auch. Ob Autos, Batterien oder PV-Paneele, selbst Zölle können das aggressive Going West der Betriebe aus der Volksrepublik in den Westen nur bedingt bremsen: Wenn nicht Export, dann eben Produktion vor Ort.

Der Angriff auf die Kernindustrien der Alten Welt stellt Europa und seine vielen Unternehmen mit China-Geschäft vor die Frage, wie sie künftig mit einem ihrer wichtigsten Handelspartner umgehen sollen. Seit Jahresbeginn rollt eine Welle von Politikerbesuchen, um das Missverhältnis in den Griffzu bekommen. Ende Juni war auch Österreichs Außenministerin Beate Meinl-Reisinger in China, mit dem chinesischen Handelsminister Wang Wentao gab es in Brüssel Gespräche. ­

Ein Mann ist dabei im Hintergrund gefragt wie kaum ein anderer. Jörg Wuttke hat die EU-Kommission vor dem Besuch Wangs ebenso beraten wie wenige Monate davor den deutschen Kanzler Friedrich Merz auf seine China-Reise im Februar vorbereitet. Der 67-Jährige war lange für den Chemiegiganten BASF in China tätig und ab 2007 in Summe mehr als zehn Jahre lang Präsident der EU-Handelskammer in Peking. Derzeit ist er in Washington für eine von der früheren, 2022 verstorbenen US-Außenministerin Madeleine Albright gegründete Beratungsfirma tätig.

„Should I stay or should I go?“ lautete bezeichnenderweise der Vortrag des Deutschen beim „Symphosium“ der Voestalpine im niederösterreichischen Grafenegg. Der Stahl- und Technologiekonzern ist selbst BYD-Zulieferer.

Der Titel bezieht sich nicht nur auf den Song der Band The Clash von 1982, sondern auch auf die Handlungsoptionen europäischer Unternehmen. Denn den schwächelnden Inlandskonsum in dem 1,3-Milliarden-Einwohner-Land, eine Folge der prolongierten ­Immobilienkrise, bekommen nicht nur vor Ort präsente Unternehmen zu spüren, sondern auch die Welt: Was der Heimmarkt nicht aufnehmen kann, bekommt derzeit vorrangig Europa ab. Das tägliche (!) Handelsbilanzdefizit der Europäer mit China beträgt aktuell eine Milliarde Dollar.

Entwarnung ist auch mittelfristig nicht in Sicht: „Die Konsolidierung der chinesischen Autoindustrie ist noch lange nicht abgeschlossen“, sagt Wuttke: Von ursprünglich 300 Automarken sind derzeit noch 136 übrig, das gesamtstaatliche Ziel seien zwischen zwölf und 20. Bis es jedoch so weit ist, wird es noch brutal zugehen, denn „es gibt keinen Exit-Mechanismus“, also einen koordinierten Abbau der Überkapazitäten. „Das kann zu Verwerfungen führen.“

Worauf soll sich Europa also vorbereiten? Wuttke trifft einige Grundannahmen. Eine davon: „Xi hat gute Gene.“ Er spielt damit nicht nur auf den Umstand an, dass die Mutter des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping demnächst ihren 100. Geburtstag feiern wird, sondern dass der 73-Jährige, seit 2012 an der Staatsspitze, vor hat, „noch zwei bis drei Amtszeiten“ dranzuhängen.

Im Herbst 2027 geht es zunächst einmal um Amtszeit Nummer vier. Der 21. nationale Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh) muss den Langzeitmachthaber dafür bestellen. Daher wolle Xi im nächsten Jahr aber auch „außenpolitisch keinen Stress“, nimmt Wuttke an. Nach dem Jahr der Strafzölle 2025 ist schon jetzt etwas Beruhigung an der außenwirtschaftlichen Front hin zu den USA eingekehrt. Weil 90 Prozent der High-End-Chips aus Taiwan kämen, zeichnen sich auf der Insel, die China als chinesisch betrachtet, spätestens nach der Wahl 2028 jedoch Unsicherheiten ab: „Ich hoffe nicht, dass sie Taiwan ins Auge fassen“, so Wuttke.

Generell hält er das Zusammenspiel der in seiner Diktion „drei großen autistischen Staaten USA, China und Russland“ für schwer einschätzbar. Denn „die Hybris ist allüberall“, so eben auch in China. Was die chinesische Wirtschaft betrifft, sieht er ein noch größeres Pro­blem auf Europa zukommen, als es sich jetzt schon abzeichnet. Angesichts der unsicheren Aussichten in China selbst, verstärkt durch eine rapide schrumpfende Bevölkerung, bleiben als einziger Sicherheitsgurt die Exporte.

Europa hat zwar mit Freihandelsabkommen, etwa Richtung Südamerika und Indien, bisher strategisch kluge Schritte gemacht, um zu diversifizieren, findet Wuttke. Es müsse angesichts der Größe und der Unterschiede in der Wirtschaftskraft jedoch klar sein, „dass für Europa ein schlecht gehendes China auf längere Zeit wichtiger sein wird als ein gut ­gehendes Indien.“

Sowohl eine radikale Hin- als auch eine Abwendung birgt deshalb Gefahren. Eines der größten Risiken ist, sich den Zorn der Amerikaner zuzuziehen. Unternehmen mit chinesischem Eigentümer kommen auf dem US-Markt aktuell verstärkt unter Druck. Dem italienischen Reifenhersteller ­Pirelli etwa, zu 37 Prozent im Besitz des chinesischen Staatskonzerns Sinochem, droht ein Verkaufsverbot für sicherheitskritische Sensortechnik in den USA. Der deutsche Autobauer Mercedes, zu rund 20 Prozent im Besitz chinesischer Investoren, winkt ein ähnliches Schicksal. Dass auch österreichische Unternehmen in Schlüsselindustrien – etwa FACC im Innviertel, ein Flugzeugzulieferer mit chinesischen Eigentümern – die Macht der Geopolitik in Zukunft stärker spüren könnten, liegt auf der Hand.

Für ganze Volkswirtschaften wird die China- zur Überlebensfrage. „Should I stay or should I go?“ hat Wuttke im ­Übrigen in Grafenegg auch deshalb als Titel gewählt, weil er im Jahr 1982, als die Single erschien, erstmals als Rucksacktourist durch China reiste und dem Land seitdem eng verbunden ist. Die B-Seite hatte ebenfalls einen Song mit ­einem sprechenden Titel, verrät er, und der klingt entschieden apokalyptischer: „Straight to Hell“.

Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 17. Juli 2026 erschienen.

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