
Der Wunsch nach digitaler Souveränität befeuert in Europa einen Bauboom bei Rechenzentren. Was mehr Unabhängigkeit von den USA bringen soll, birgt aber auch Tücken.
Lübbenau im Spreewald ist der neue Sehnsuchtsort für IT-Entscheider. Am Areal eines ehemaligen Braunkohlekraftwerks soll bald einer der Leuchttürme europäischer Technologieunabhängigkeit stehen – ein Rechenzentrum mit 200 Megawatt Leistung. Das ist richtig groß, ein sogenannter Hyperscaler. Gebaut und betrieben wird es von der IT-Tochter Schwarz Digits des Handelskonzerns Schwarz-Gruppe, zu der Marken wie Lidl gehören, und die 595.000 Mitarbeitende beschäftigt. Elf Milliarden Euro werden für die größte Investition der Firmengeschichte in die Hand genommen, kein Euro Fördergeld.
Zu sehen gibt es in Lübbenau noch nicht viel, das Interesse war schon lange vorm Spatenstich im November gewaltig. „Seit Anfang 2025 erleben wir einen massiven Anstieg an Anrufen“, sagt Bernd Wagner, Bereichsvorstand Sales & Marketing bei Schwarz Digits und CEO von STACKIT, wie die Cloud dort heißt. „Sie kommen nicht nur aus dem Mittelstand, sondern auch von DAX- und MDAX-Konzernen, und die suchen nach Cloud-Services und Rechenleistung.“ Darunter sind viele Behörden und Unternehmen aus stark regulierten Industrien, etwa aus dem Finanz- und Gesundheitsbereich. Airbus könnte mit an Bord sein, der Luftfahrtkonzern will sensible Teile seiner Daten und Dienste garantiert unter europäischer Kontrolle wissen und hat im Dezember eine große Ausschreibung gestartet. Interessenten für Lübbenau kommen auch aus Österreich, die Schwarz-Gruppe ist kein Unbekannter hier, betreibt sie in Ostermiething im Innviertel doch bereits ein Rechenzentrum.
Im Ernstfall ausgeliefert?
Sie alle treibt die Sorge um, dass die Abhängigkeit von US-Anbietern zu groß geworden sein könnte. Das Risiko muss neu bewertet werden. Seit Microsoft 2025 dem Internationalen Gerichtshof auf Geheiß des US-Präsidenten Trump über Nacht den Service abdrehte, ist das Thema der digitalen Souveränität von der IT-Abteilung in die Chefetagen und Aufsichtsräte gewandert. Was passiert mit dem eigenen Geschäft, wenn der einzige Lieferant den Stecker zieht?
Die einseitige Abhängigkeit ist auf der politischen Agenda weit oben: Bei einem ersten europäischen Souveränitätsgipfel im November 2025 in Berlin wurde sie von Merz und Macron zur Chefsache erklärt. Deklariert ist das Ziel, der Weg aber weit: „Europa ist technologisch aktuell nicht auf Augenhöhe mit USA, und es besteht hier enormer Aufh olbedarf. Dieser Umstand darf aber nicht Ausrede sein, nichts zu tun“, sagt Accenture-Österreich-Chef Michael Zettel. „Kurzfristig muss die höchste Priorität darauf liegen, die führenden US-Technologien hinsichtlich Cloud und KI rechtssicher zu nutzen – und parallel die eigene technologische Entwicklung voranzutreiben.“
Souveränität ist (noch) teurer
Das digitale Gehirn eines Unternehmens zu übersiedeln, ist ungleich komplexer als den Stromlieferanten zu wechseln. Neben dem fachlichen Know-how, das sogenannte Cloud-Architekt:innen mitbringen müssen, sind die Kosten ein großer Schmerzpunkt – gerade in wirtschaftlich angespannter Lage. SAP-Österreich-Chef Andreas Wagner hat das Souveränitätsthema in jedem Verkaufsgespräch am Tisch, wie er erzählt. Die dazugehörige Funktion „EU Access Only“, die etwas teurer ist, wird dann aber meist doch nicht gekauft: „Am Ende entscheiden sich fast alle für den US-Hyperscaler, weil der technologisch weiter und günstiger ist. Das Thema digitale Souveränität ist aber ein großes – vor allem bei staatsnahen Themen und kritischer Infrastruktur“, konzediert Wagner.
Neben dem Streben nach Unabhängigkeit treibt der Rechenbedarf der künstlichen Intelligenz einen beispiellosen Bauboom in Europa, den bislang US-Unternehmen dominieren. Microsoft will 200 Standorte in Europa bespielen – von Portugal bis Deutschland. Seit Sommer 2025 gibt es auch eine Microsoft Cloud in Österreich. AWS, die IT-Sparte von Amazon, steckt bis 2040 acht Milliarden Dollar in neue Rechenzentren in Nordrhein-Westfalen. Google hat schon zwölf Rechenzentren in Europa, will in Hessen ausbauen und nun offenbar auch in Kronstorf bei Steyr tätig werden, wo es im November eine Bauverhandlung gab. Entdeckt haben diese Assetklasse auch Finanzinvestoren wie Blackstone, deren Tochter QST im Ruhrgebiet ein Megarechenzentrum aufziehen will.
Noch sind die europäischen Anbieter in der Minderzahl, doch der Wind of Change stärkt sie. „Wir sehen, dass lokale Cloudanbieter den Bedarf erkannt haben und ihre Chancen nutzen wollen. In Deutschland sind das insbesondere die Deutsche Telekom und StackIT, in Frankreich OVHcloud und Scaleway“, sagt Gartner-Analyst Rene Büst dem IT-Portal Golem.


Münchner Sicherheitskonferenz 2026: Das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) vereinbart eine strategische Kooperation für souveräne Cloud-Lösungen in der Verwaltung. Die BSI-Präsidentin Claudia Plattner, flankiert von den Schwarz-Digits-Co-CEOs Rolf Schumann (links) und Christian Müller.
© Schwarz DigitsUmdenken und umplanen hat begonnen
In einer Umfrage der auf IT-Benchmarking spezialisierten Berater von Metrics werden von Unternehmen Anbieter wie Ionos, Nextcloud, Arvato, Delos oder Exoscale als souveräne Dienstleister in Betracht gezogen. Exoscale gehört zur A1 Group, und Martin Resel, Vize-CEO bei A1 Österreich, registriert das erstarkte Interesse: „Besonders in der produzierenden Industrie führen globale Handelskonflikte zu einer klaren Präferenz für europäische Wertschöpfungsketten und eine unabhängige IT-Infrastruktur.“ Schweizer Fintechs, deutsche Gesundheitsämter und österreichische Metallverarbeiter diversifizieren so ihre Daten. „Das Resultat sind verstärkt MultiCloud-Strategien, in denen Exoscale als Open-Source-Plattform die souveräne Basis bildet, ohne Exklusivbindung an einen einzelnen Anbieter und mit maximalem Schutz vor externen Zugriffen.“ Damit ist man unabhängig und sicher vor dem Zugriff einer US-Justiz.
Einer, der sich über die Entwicklung freut, ist der Präsident des österreichischen Rechenzentrumsverbands, Martin Madlo: „Der Bedarf in Europa ist immens gestiegen. Dort wo es viele Daten gibt, entstehen neue Rechenzentren“, so Madlo. Wien ist so ein Datenmagnet, eine sogenannte Tier-2-Stadt, die durch mangelnden Kapazitätsaufb au in den letzten Jahren gegenüber Mailand oder Sofia verloren hat. „In Polen sind 2024 so viele Rechenzentren entstanden, wie es in Österreich gesamt gibt“, sagt Madlo. Der Experte lobt, dass in der jüngsten Industriestrategie Rechenzentren erstmals als kritische Infrastruktur klassifiziert sind. „Priorisierte Netzzugänge, vernünftige Energiekosten und beschleunigte Genehmigungsverfahren sollten die Konsequenz daraus sein“, hofft Madlo.
Bei aller Euphorie wird die Komplexität dieser speziellen Gewerbeimmobilie gern übersehen. Absolutes K.-o.-Kriterium ist die verfügbare Stromkapazität. Allein das Warten auf einen Netzanschluss dauert Jahre: in Europa zwischen zwei (Italien) und zehn Jahren (Niederlande). Und der immense Stromhunger führt nicht nur in den USA vermehrt zu Protesten in Kommunen, die fürchten, dass diese Kapazitäten den Haushalten fehlen. Das Stadtparlament im deutschen Groß-Gerau stimmte Mitte Februar gegen das 2,5-Milliarden-Rechenzentrum eines US-Investors.
Das wird im Spreewald nicht passieren. Alle Kapazitäten sind sichergestellt, heißt es dort. Mit ein Grund, warum viele auf Lübbenau hoffen, ist ein zweites Versprechen. Die Schwarz-Gruppe überträgt das Diskontmodell auf die Cloud und will die Dienste zu guten Preisen anbieten. In der Metrics-Umfrage unter IT-Entscheidern zu souveränen Lösungen wird die Schwarz-Gruppe als Spitzenreiter geführt. Die „Lidl-Cloud“, wie sie in der deutschen Presse gern genannt wird, lohnt sich. Hoffentlich.
Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 20. Februar erschienen.
