
Sylvia Schwaag-Serger
©Erik CronbergWarum Österreich bei der Verteidigungsfähigkeit Schweden & Co. hinterherhinkt und wo es in der österreichischen Forschungspolitik noch hakt, erklärt die China- und Innovationsexpertin Sylvia Schwaag-Serger.
trend: Eine österreichische Firma, die Teile für Drohnen herstellt, hat einen Auftrag in Polen gewonnen. Der polnische Kunde sagt: „Ihr habt das beste Produkt, aber wir können natürlich nicht ausschließen, dass wir unsere Drohnen Richtung Ukraine weiterliefern.“ Solche Lieferungen von Dual-Use-Gütern, die auch militärisch eingesetzt werden könnten, in ein kriegführendes Land sind in Österreich aber nicht erlaubt. Kann man das 2026 noch jemandem erklären?
Sylvia Schwaag-Serger: Ich bin in den 80er-Jahren in Bayern aufgewachsen, damals war die Jugend in der Friedensbewegung aktiv und gegen Atomkraft. Wenn mir vor fünf Jahren jemand gesagt hätte, dass ich mich eines Tages ausdrücklich für Dual Use einsetzen würde, dann hätte ich ihn oder sie für verrückt erklärt.
Der Ukrainekrieg hat das fundamental geändert?
Es fing schon etwas früher an. Ich habe vor 2020 der schwedischen Regierung geholfen, eine Strategie zu verfassen, wie man sich gegenüber China in Forschung und Innovation verhalten soll. Dabei habe ich erstmals registriert, wie sehr die Welt sich ändert und dass ich frühere Positionen überdenken muss. Dual Use gehört sicher dazu. Da braucht es ein Umdenken, sowohl was die Institutionen und die organisatorischen Strukturen angeht als auch die Einstellung. Man kann nicht einfach immer nur davon ausgehen, dass man so viel wie möglich den Forschern überlässt.
Wer will schon Krieg führen?
Niemand! Aber sich nicht verteidigen können oder nicht zur gemeinsamen Verteidigung beitragen in einer Zeit, wo wir in Schweden, in Finnland, im Baltikum täglich diese Bedrohung sehr stark verspüren – das grenzt an Verantwortungslosigkeit. Deshalb muss man diesen inneren Schweinehund überwinden.
Als Wirtschaftshistorikerin kennen Sie die epochale Bedeutung von Verteidigungsinvestitionen.
Es gibt einen sehr berühmten Artikel, der den Unterschied zwischen Großbritannien und Frankreich im 18. Jahrhundert beschreibt, als die Engländer in die Navy, also in ihre Schifffahrt investiert haben, die Franzosen aber in die Infanterie. Das war für England auch ein entscheidender Wendepunkt, was die Industrialisierung angeht. Verteidigungsinvestitionen können, wenn man sie richtig tätigt, die technologische Entwicklungund die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen.
Schweden hat den inneren Schweinehund schon deutlicher überwunden als andere. Das Land ist 2024 der Nato beigetreten, und das nach mehr als zweihundert Jahren Neutralität. Gibt es heute Stimmen oder politische Kräfte, die die Neutralität zurückhaben wollen?
Das ist absolut kein Thema in der öffentlichen Debatte. Schweden hat ja, das ist historisch interessant, Anfang dieses Jahrtausends die Verteidigungsinvestitionen sehr stark runtergefahren – dramatischer als in vielen anderen Ländern. Und jetzt werden sie umso stärker wieder hochgefahren.
Verstehen Sie die österreichische Zögerlichkeit bei diesem Thema und diese extreme Berührungsangst gegenüber allem, was Verteidigung, Rüstung, Waffen und so weiter betrifft?
Es fällt mir schwer, zu verstehen, dass diese Debatte nicht ernsthafter geführt wird, und genau das macht mir große Sorgen. Denn ich habe mich zehn Jahre dafür eingesetzt, und auch Potenzial darin gesehen, dass Österreich enger mit den nordischen und baltischen Ländern zusammenarbeitet. Ich finde, dass Österreich und nicht zuletzt Europa wahnsinnig davon profitieren könnten, sich mit den nordischen Ländern zusammenzutun, weil man viele Gemeinsamkeiten hat. Kleinere Länder sind wie Schnellboote, sie sind oft agiler. Aber diese Diskussion gibt es in Österreich nicht. Wenn ich diese Frage stelle, bekomme ich immer die Antwort: „Nein, wir sind anders. Wir haben eine andere Geschichte".
Auch nicht unter Forscher:innen?
Selbst an den Universitäten weiß ich nicht so recht, ob das Thema sehr präsent ist. In Schweden hingegen haben sich jetzt einige der größten Universitäten zusammengetan, um gemeinsam Verteidigungsforschung zu betreiben, es gibt zum Beispiel einen Campus Cybersecurity. Verwirrend ist in Österreich das Fehlen einer Diskussion über die konkreten Bedrohungen. Die gibt es sehr konkret von Russland, aber indirekt auf der anderen Seite natürlich auch, weil die USA immer deutlicher machen, dass man sich nicht mehr auf sie verlassen kann. Und die mittel- und langfristige Herausforderung ist China. China rüstet wahnsinnig auf und will uns von seiner Technologie abhängig machen. Das ist eine extreme Herausforderung für Europa.
Weil wir technologisch nicht mitkommen?
Von der Essenz her sind diese Technologien dual use. Die Verwendungszwecke kann man bei KI fast nicht mehr trennen. Das ist ja quasi die Essenz der Definition General Purpose Technology. Frühere General Purpose Technologies, etwa Elektrizität oder Dampfmaschinen, waren zudem beschränkt auf Leute, die damit umgehen konnten.
Sollten wir uns in Europa Richtung China grundsätzlich neutral verhalten – oder sollen wir uns geopolitisch und auch in der Außenwirtschaft klarer positionieren, entweder Richtung USA oder China?
Vielleicht liegt die Wahl gar nicht zur Gänze bei uns. Wir haben viele Stärken in Europa, aber momentan werden wir weder auf der amerikanischen noch auf der chinesischen Seite als so relevant gesehen, wie wir es früher waren. Es ist nicht so, dass man sich tagtäglich mit uns befasst. Das heißt nicht, dass wir unwichtig sind, aber selbst wenn wir uns für eine Seite entscheiden würden, ist es gar nicht sicher, was das konkret bringen würde oder welchen Preis es hätte.
Was hindert uns daran, eine stärkere Allianz mit China einzugehen?
Ich hatte vor Kurzem den chinesischen Botschafter bei mir, und diese Frage stellen sich die Chinesen momentan auch: „Was ist eigentlich Europas Problem? Warum wollt ihr nicht mit uns zusammenarbeiten?“
Was haben Sie ihm geantwortet?
Wir haben einfach nicht aufgepasst und müssen jetzt überlegen. Ich glaube, man muss uns ein bisschen Zeit geben.Ich befasse mich seit 20 Jahren mit Fragen der chinesisch-europäischen Zusammenarbeit in Forschung und Technologie und meine, dass wir in Europa nicht darüber nachgedacht haben, welches Ziel wir mit einer solchen Zusammenarbeit eigentlich verfolgen wollen. Dadurch haben wir das Feld den zielorientierten Chinesen überlassen. Das Ergebnis sehen wir nun.
Kann man die Relevanz Europas wieder erhöhen?
Wir müssen viel mehr darüber nachdenken, was Europa braucht, um überhaupt noch am Verhandlungstisch zu sitzen. Und wir müssen die Frage klären, warum wir am Verhandlungstisch sitzen wollen. Ich meine, weil wir für gewisse Dinge stehen, von denen die Welt profitieren könnte. Zum Beispiel für individuelle Freiheiten, für Toleranz, für internationale Zusammenarbeit – dass wir sehr auf Frieden bedacht sind, dass wir versuchen, Konflikte nicht militärisch zu lösen.
Sie haben in einem trend-Gastkommentar gemeint, Europa solle sich unverzichtbarer machen. Sie meinen damit nicht nur Technologie, sondern auch einen European Way of Life?
Ja. Weiche Faktoren werden aber nicht genug sein. Ich lese gerade „A Culture of Growth“ des letztjährigen Nobelpreisträgers Joel Mokyr. Er bringt genau das auf den Punkt. Wir müssen in einer Welt, die transaktionaler geworden ist, unseren Platz finden, ohne dass wir unseren Kompass verlieren. Das, was Europa oder jedenfalls große Teile Europas beispielsweise auszeichnet in der Technologie, ist die Fähigkeit, komplexe Systeme zu bauen. Einzigartig ist auch die Kombination aus Neugier und einem dynamischen Wettbewerb zwischen den Mitgliedsstaaten. Und natürlich Vielfalt und Toleranz.
Es gibt also nicht bloß einen Wettbewerb der Technologien, sondern einen Wettbewerb der Systeme. Da sagen nicht wenige aufgeklärte mitteleuropäische Menschen inzwischen: Das Tempo, mit dem China neue Technologien entwickelt oder neue Windparks hinstellt, sollten wir uns zum Maßstab nehmen. Da sind wir dann schnell bei den Rechtspopulisten, die sagen: Wir brauchen wieder starke Staatsmänner, die durchgreifen, Mitbestimmung verlangsamt nur... Was ist der beste Weg?
In unserer neuen Publikation reden wir über Kapitalismus, Nachhaltigkeit und Demokratie, und wir kommen zu dem Schluss, wenn wir diese drei miteinander gewinnbringend vereinbaren wollen, dann müssen wir bereit sein, quasi alle drei Konzepte zu überdenken. Was Sie angesprochen haben, ist genau das: Wir dürfen die Diskussion um die Demokratie nicht den Feinden der Demokratie überlassen. Der Generalsekretär von IDEA hat das jüngst so formuliert: „Um die Demokratie zu retten, müssen wir sie ändern.“
Aber was heißt das konkret?
Vielleicht mehr Direktdemokratie, vielleicht weniger Berufspolitiker? Diese Fragen müssen wir zumindest diskutieren. Was ich persönlich sehr frustrierend finde: Ich habe vor zwanzig Jahren erlebt, wie China systematisch angefangen hat, seine technologischen Stärken aufzubauen und gleichzeitig technologisch unabhängiger zu werden. Und das war nie ein Geheimnis. Es gibt diese Pläne, die konnten alle lesen. China war da konsequent und transparent. Und wir haben uns einfach geweigert, uns damit zu befassen.
Genauso wie mit Verteidigungsfragen?
Genau. In einer veränderten Welt muss man Werte manchmal ganz einfach auch abklopfen und adaptieren können. Und das wäre auch in geopolitischen Positionierungen Richtung China, aber auch Richtung USA wünschenswert.
Sie waren über zehn Jahre Mitglied des Forschungsrats, später FORWIT. Die österreichische F&E-Quote hat sich in dieser Zeit sehr gut entwickelt, auch das System?
Ich bewundere die Kontinuität, mit der Österreich in diesen mehr als zehn Jahren daran gearbeitet hat, die Forschung zu stärken, jedenfalls bei den Ausgaben. Es gibt einen Anspruch, dass man der Bevölkerung Wissen näherbringen will. Ebenfalls sehr positiv: dass man gerade in Bereichen wie Computer Science, aber auch in anderen Wissenschaftsbereichen sehr stark ist. Es gibt zudem eine neue Generation von unglaublich guten Unternehmern – Leute, die diese Technologien nutzen, um interessante Unternehmen zu gründen.
Was ist weniger gut gelaufen?
Das institutionelle System hat sich wenig verändert. Es ist relativ fragmentiert. Man hat einfach sehr viel Geld reingegossen, wie auf eine große Wiese. Das war am Anfang vielleicht notwendig. Aber dass Forschungspolitik heute noch immer so stark auf die Ausgaben reduziert wird, ist frustrierend. Es gibt viele andere Hebel: die Rolle des Staates in der Technologieentwicklung zum Beispiel. China arbeitet im Vergleich zu uns mit einem fast kompletten Werkzeugkasten. Es sind nicht nur die Ausgaben, über die China die Forschung fördert.
Wo könnte noch mehr passieren?
Österreich war sehr lange sehr passiv in der Europäischen Union. Man hat versucht, die eigenen Interessen zu verteidigen oder in die Rahmenprogramme einzubringen. Jetzt müsste es viel stärker seine Stärken einbringen.
In welchen Bereichen?
Zum Beispiel in der Verbindung von Kunst und Wissenschaft. Aber auch beim Thema, mit dem wir dieses Gespräch begonnen haben – Verteidigung. Je weiter man nach Westen geht, desto weniger scheint es, dass man die Bedrohung spürt. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass manche Technologien eben Dual-Use-Charakter haben – und wir können das nicht stoppen. Österreich könnte sich da einbringen. Forschungspolitik kann nur ihr volles Potenzial entfalten, wenn alle Politikbereiche mitziehen.
Zur Person
Info
Sylvia Schwaag-Serger, 58, ist seit Oktober 2024 Präsidentin der Königlich Schwedischen Akademie der Ingenieurwissenschaften. Vor Kurzem ist sie aus dem österreichischen Forschungsrat (RFTE, später FORWIT) ausgeschieden, in dem sie seit 2015 saß, zeitweise auch als Vorsitzende. Teile des Interviews sind erstmals im trend.PREMIUM vom 8. Mai 2026 erschienen.
