Warum eine Recyclingkrise droht

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PET, Dosen, Plastikverpackungen: Zwischen Sammlung und echter Wiederverwendung liegen Welten. Fehlende rechtliche Vorgaben drohen den versprochenen Kunststoffkreislauf ins Leere laufen zu lassen.

Vorerst klangen die ambitionierten Ziele der EU nach einem industriepolitischen Befreiungsschlag: mehr getrennte Sammlung, höhere Recyclingquoten und am Ende ein funktionierender Kunststoffkreislauf.

Doch weit gefehlt. Die EU hat ihre Vorgaben bisher vorwiegend am Sammeln ausgerichtet. Bis 2030 etwa müssen alle Kunststoffverpackungen – nicht nur Flaschen – gesammelt, 55 Prozent auch geschreddert und zu Granulat verarbeitet werden. Schon das ist ambitioniert und es ist fraglich, ob Österreich das 50-Prozent-Zwischenziel 2025 für seine 300.000 Tonnen Kunststoffverpackungen erreicht hat. Zuletzt lag der Anteil insgesamt bei nur bei knapp 30 Prozent, lediglich einzelne Unternehmen wie die ARA dürften die höheren Quoten geschafft haben.

Doch das wirkliche Problem blieb ungelöst: Was passiert mit dem mühsam gesammelten und aufbereiteten Material, das viel teurer ist als der Rohstoff Plastik selber? Denn abseits der PET-Flaschen gibt es kaum Verpflichtungen für Verpackungshersteller, das so genannte „Rezyklat“ im Produktionsprozess auch zu verwenden. Und wenn, weit unter den Mengen, die gesammelt werden müssen. So wächst statt dessen das auf Lager liegende Recyclingmaterial in Europa mengenmäßig – und den Recyclingmarkt bricht ein. Harald Hauke, Chef des Marktführers bei der Kunststoffsammlung, ARA (Gelber Sack): „Es ist ein Konstruktionsfehler, dass man zuerst Sammelquoten vorgegeben hat, aber Jahre wartet, bis die Hersteller das Material dann auch verwenden müssen.“

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Christian Strasser, Pet to Pet: „Dieser Umstand führte kurzfristig zu einem Lageraufbau.“

 © Pet to Pet

Mehr gesammelt, weniger wiederverwertet

Nicht umsonst hat etwa Plastikflaschen-Recycler PET to PET im burgenländischen Müllendorf eben einen neuen 140 Kubikmeter großen Silo in Betrieb genommen. Mit 1,34 Millionen Stück aus dem neuen österreichischen Pfandflaschensystem hat man eben einen neuen Sammelrekord erreicht, zeigt die Jahresbilanz 2025, ein Plus von sieben Prozent. Eher unerwartet war hingegen, dass man drei Prozent weniger an Schreddermaterial verkaufen konnte. „Dieser Umstand“, so bilanziert Chef Christian Strasser trocken, „führte kurzfristig zu einem Lageraufbau.“

Zur Schieflage zwischen Angebot und Nachfrage tragen auch steigende und weitgehend unkontrollierte Rezyklate aus Asien bei, die trotz des langen Transportwegs immer noch billiger sind als jene aus Europa, klagt ARA-Chef Hauke. „Wenn wir aber unsere Verwertungskapazitäten innereuropäisch grenzüberschreitend nutzen wollen, sind wir mit absurden bürokratische Auflagen in der Logistik konfrontiert.“

Selbst dezidiert auf Kreislaufwirtschaft ausgerichtete Hersteller haben so ihre Schwierigkeiten beim Einsatz von sogenannten „Sekundärmaterialien“. Deren Anteil lag etwa beim österreichischen Kunststoffverpackungsspezialist Greiner laut Nachhaltigkeitsbericht 2024 nur mehr bei sechs Prozent, im Jahr 2022 war noch von elf Prozent die Rede. Jörg Sabo, Global Director Marketing & Innovation bei Greiner, reicht die Verantwortung weiter: „Ob wir teure Rezyklate oder billige Neuware einsetzen, ist keine wirtschaftliche Frage von uns, sondern wird von der Nachfrage von Markenartikelherstellern und Handel bestimmt.“

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ARA-Manager Harald Hauke: „Solange nicht einmal das geklärt ist, finden wir uns zu Unrecht immer als Schlusslicht im Europaranking wieder."

 © APA-Images/APA/Georg Hochmuth

Recycler unter Druck

Viele Recyclinganlagenbauer versuchen daher notgedrungen, sich der bescheidenen Nachfrage anzupassen, und fahren ihre Kapazitäten zurück. Tomra etwa, der deutscher Hersteller der Pfandfl aschenautomaten, hat eben drastische Sanierungsschritte bei seiner Recyclingtochter angekündigt. Seit einem Jahr wiederum kämpft die oberösterreichische Bage Plastics innerhalb eines gerichtlichen Sanierungsplans ums Überleben.

Selbst einer der größeren heimischen Recyclingspezialisten, die mit rund 100 Millionen Euro Umsatz international tätige NGR-Gruppe aus Oberösterreich, die als Hälfteteilhaber niemand geringeren als Ingka/Ikea vorweisen kann, muss seine deutsche Tochter HydroDyn in ein Sanierungsverfahren schicken. Gleichzeitig will man sich stärker im asiatischen Markt präsentieren. Geschäftsführer und Miteigentümer Josef Hofreiter: „Natürlich haben wir mit den hohen Sammelquoten ohne Verwendungsquoten ein veritables Problem. Denn bis die EU-Regulierungen greifen, gibt es sicher noch ein oder zwei Jahre eine Durststrecke für uns in Europa.“

Seit 2023 ist europaweit bereits rund eine Million Tonnen an Recycling-Anlagekapazitäten stillgelegt worden, warnt nun auch der Branchenverband Plastics Recyclers Europe (PRE) mit drastischen Worten: „Die Krise darf nicht zum Dauerzustand werden, die Zeit zum Handeln ist jetzt.“ In einem offenen Brief an die EUKommission malt man den Zusammenbruch der europäischen Kunststoff recyclingindustrie an die Wand. „Das würde die Umweltfortschritte und Innovation der vergangenen zehn Jahre irreversibel beschädigen.“

PRE fordert faire Zölle für Länder mit geringeren Umweltstandards, die Senkung der Energiepreise fürs Recycling und vor allem eine für die EU einheitlichere Definition für Sammlung, Sortierung und Recycling. Während etwa Österreich nur Rezyklatmengen zählt, die in neuen Produkten landen, zählt Deutschland schon Rohware, die dem Recycling zugeführt werden – und landet in den Ranglisten weit vorne. ARA-Manager Hauke: „Solange nicht einmal das geklärt ist, finden wir uns zu Unrecht immer als Schlusslicht im Europaranking wieder.“

Ausweg chemisches Recycling

In einer ersten Reaktion auf die Entwicklung hat die EU vor wenigen Tagen ihre bisherige Strategie aufgeweicht. Nun soll zur Erfüllung der Recyclingquoten nicht nur das stoffliche, sondern auch das chemische Recycling zählen, bei dem Kunststoff mengen wieder in raffineriefähige, petrochemische Basisstoffe zurückverwandelt werden.

Was so manche Klimaschützer entsetzt, begrüßen Fossilunternehmen wie die OMV, die mit ihrem eigenen Re-Oil-Verfahren groß ins Kunststoffrecycling einsteigen will. Auch die Textilindustrie sieht darin einen Weg für viele Produkte, deren Ausgangsbasis aus Produkten der Erdölindustrie besteht und die künftig den Textil-Recyclingzielen der EU unterworfen sein sollen.

In Österreich wird sich jedenfalls mit dem neuen Einweg-Flaschenpfand das Spannungsfeld zwischen mehr Sammelgut und weniger Rezyklateinsatz noch zuspitzen. Auch wenn das zum bisherigen Gelber Sack/Tonne aufgedoppelte Supermarkt-Sammelsystem durch Recycling Pfand Austria noch auf Sparflamme läuft, sorgte es schon jetzt für erhöhten Materialzufluss bei den Recyclern. Dabei wurden im ersten Jahr mit rund 31.000 Tonnen (1,4 Milliarden Dosen und PET-Flaschen) etwa 70 Prozent der verkauften Menge an Getränkegebinden eingesammelt (die offiziell verkündeten 81 Prozent sind das Ergebnis einer Hochrechnung aus dem langsamen Hochfahren).

Schon ab heuer soll das System im Vollbetrieb sein – ohne Einführungseffekte, zu denen auch der im Vorjahr wohl pfandbedingt deutliche Einbruch beim Getränkeverkauf selbst zählt. Näherungsweise lässt sich das Ausmaß des Rückgangs bei den parallel zu PET gesammelten Aludosen abschätzen: Alleine bei Dosenbier gab es laut Brauereiverband ein Minus von rund 100 Millionen Gebinden (minus 25 Prozent).

Außerdem soll heuer der vorläufig noch ungeklärte Schwund zwischen den beiden Sammelsystemen beseitigt sein. Noch gibt es einen großen Anteil an Getränkegebinden, die weder in der einen noch in der anderen Schiene auftauchen und wohl wie früher mit dem Restmüll verbrannt werden.

Zum Glück für die Recycler, denn ohne Startschwierigkeiten wären ihre Lager wohl noch schneller voll gewesen.

Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 6. März 2026 erschienen.

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