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Schönborn war vor der Weihe durch alle anwesenden Bischöfe auf Grünwidls anfängliche Skepsis gegenüber der Berufung eingegangen. "Verfügbar bist du jetzt und stehst du hier", zitierte der Kardinal den neuen Erzbischof, der nach dessen Ernennung durch Papst Leo XIV. dann doch gemeint hatte, Gott wolle ihn nicht perfekt, sondern verfügbar. Auch Ratschläge hatte der Kardinal bereit, etwa: "Höre auf die Menschen, die dir die unangenehmen Nachrichten geben. Nichts ist gefährlicher, als wenn dem Chef nur mehr gute Nachrichten gegeben werden dürfen." Auch ein "hörendes Herz für die sogenannten einfachen Menschen" sei wichtig.
Nicht nur der Besucherandrang, auch die Sicherheitsvorkehrungen rund um den Stephansdom und in der Kirche waren enorm. Grünwidl ging zu Fuß vom Erzbischöflichen Palais, wo er ein Gebet sprach, in den Dom. Begleitet wurde er von zwei Priestern, zu denen er einen persönlichen Bezug hat. Vor Beginn des Gottesdienstes läuteten die Glocken in der gesamten Erzdiözese zehn Minuten lang. Auch während der Weihe-Zeremonie läutete die "Pummerin", die Glocke des Stephansdom.
Als Erzbischof will sich Grünwidl bescheiden geben: Entgegen der Tradition begann die Feier nicht gleich am Altar, sondern beim Taufbecken. Bei den Insignien hat sich der neue Erzbischof für jenen Holzstab entschieden, den bereits der verstorbene Weihbischof Helmut Krätzl getragen hatte. Zudem trägt Grünwidl einen lediglich versilberten Konzilsring. Zudem will er gleich in den ersten Tagen einen Gottesdienst mit den armen Menschen abhalten, dessen Ort geheim bleiben soll.
Grünwidl leitet die Erzdiözese Wien bereits seit einem Jahr. Am 22. Jänner des Vorjahres wurde der damalige Bischofsvikar nach dem Rücktritt Schönborns vom Vatikan zum Apostolischen Administrator ernannt, nachdem sich die Suche für einen Nachfolger schwierig gestaltete. Im Oktober erfolgte dann die Ernennung Grünwidls als Erzbischof. Der 62-Jährige wurde von Schönborn gemeinsam mit Franz Lackner, Erzbischof von Salzburg, und Stanislav Přibyl, Bischof der tschechischen Diözese Leitmeritz/Litoměřice, zum Bischof geweiht.
Der gebürtige Weinviertler hat neben Theologie auch Orgel als Konzertfach studiert. Seit seiner Priesterweihe im Jahr 1988 war er in mehreren Pfarren in Niederösterreich aktiv. Auch wegen seiner Teilnahme an der Rom-kritischen Pfarrer-Initiative um Helmut Schüller gilt Grünwidl als vergleichsweise progressiv in der römisch-katholischen Kirche: Das Zölibat sollte seiner Meinung nach eine "freie Entscheidung" sein und er befürwortet eine Diskussion über Diakoninnen. Ob Grünwidl wie Schönborn und dessen Amtsvorgänger auch zum Kardinal ernannt wird und damit ein Stimmrecht bei der Wahl des nächsten Papstes bekommt, ist noch offen.