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"Die deutsche Wirtschaft hat den Schock durch die steigenden Energiepreise erstaunlich gut weggesteckt", sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. "Die Erholungskräfte haben im Verlauf des Jahres konjunkturell die Oberhand gewonnen." Deutliche Impulse aus dem Ausland und die Mehrausgaben für Infrastruktur, Klima und Verteidigung in Deutschland verhinderten stärkere Bremsspuren beim Wachstum durch die hohen Energiekosten und das Niedrigwasser auf den Flüssen, erklärte Wollmershäuser. Für nächstes Jahr veranschlagt der Ifo-Experte 1,2 Prozent Wachstum.
"Die deutsche Wirtschaft hat wieder Tritt gefasst", teilten die Kieler Forscher vom IfW mit, die ihre Wachstumsprognose für 2026 von 0,8 auf 1,3 Prozent erhöhten. Damit mehrten sich Zeichen, dass die Konjunktur ihre Talsohle durchschritten habe. "Trotz der zuletzt günstigen Entwicklung steht die Erholung aber noch auf wackeligen Beinen", warnte das IfW. So drohten Rückschläge durch die Folgen des Iran-Kriegs.
Ähnlich äußerte sich das RWI aus Essen. "Die Erholung ist zwar da, die strukturellen Probleme sind aber nicht verschwunden", erklärte RWI-Konjunkturchef Torsten Schmidt. "Hohe Energiepreise, zu viel Bürokratie und schwache Wettbewerbsfähigkeit bremsen Deutschland weiter aus." Das BIP dürfte dem RWI zufolge um 1,3 Prozent steigen und 2027 um 1,1 Prozent zulegen. Nach drei Jahren Rezession, Stagnation und Mini-Wachstum wären das die kräftigsten Zuwächse seit vier Jahren - als die Konjunktur um 1,9 Prozent zulegte. 2028 rechnen RWI und IfW mit 0,5 Prozent Wachstum, das Ifo mit 0,8 Prozent - das IWH aus Halle aber nur mit plus 0,2 Prozent.
Grund für das deutliche Erhöhen der Prognosen der deutschen Regierungsberater war auch, dass das Wirtschaftswachstum Ende 2025 und Anfang 2026 nach revidierten Daten vom Statistikamt besser ausfiel als ursprünglich angenommen. Dies sorgt quasi für eine bessere Startrampe beim Bruttoinlandsprodukt für das laufende Jahr. Im zweiten Quartal war die deutsche Wirtschaft um 0,3 Prozent gewachsen, nach plus 0,4 Prozent zum Jahresstart 2026.
Für Rückenwind sorgen die Mehrausgaben der öffentlichen Hand für Infrastruktur und Verteidigung. "Exporte und Staatsausgaben bringen Bewegung in die Wirtschaft - doch ohne mehr private Investitionen und Konsum bleibt die Erholung fragil", warnte RWI-Experte Schmidt. "Bei den privaten Haushalten kommt von der Erholung bislang kaum etwas an."
Grund dafür ist neben der Unsicherheit durch die geopolitischen Risiken die hohe Inflation. Die Teuerungsrate in Deutschland wird laut Ifo in diesem und im kommenden Jahr auf 2,8 beziehungsweise 3,0 Prozent steigen. Erst 2028 dürfte sie sich mit 2,3 Prozent wieder in Richtung des Zielwerts von zwei Prozent der Europäischen Zentralbank bewegen. "Allerdings dürften vor allem die Verbraucherpreise für Strom und Gas im Winter nochmals steigen", erläuterte Wollmershäuser. Wegen der Inflation bleibe der Konsum gedämpft. Auch das RWI erklärte: "Die Teuerung steht weiter stark im Zeichen des Iran-Kriegs."
Die Ausgaben durch das Sondervermögen verstärken die Finanzierungsdefizite des Staates. Das Budgetdefizit dürfte sich nach Ifo-Berechnungen von 3,0 Prozent des Wirtschaftskraft 2025 auf 4,6 Prozent 2028 ausweiten.
Das Ifo, RWI, IfW, IWH und das Berliner DIW legen der deutschen Bundesregierung am 24. September ihr gemeinsames Herbstgutachten vor. Die Regierung nutzt dies für ihre eigene Konjunkturprognose, die wiederum Grundlage für das Aufstellen der öffentlichen Haushalte ist.
Während die Institute der lange schwächelnden Industrie einen Aufwärtstrend bescheinigen, sieht sich die deutsche Wirtschaft wegen verschärfter Konkurrenz durch chinesische Unternehmen zunehmend unter Druck. "Der Wettbewerb mit China hat ein neues Ausmaß erreicht", sagte Außenwirtschaftschef Volker Treier von der Deutschen Industrie- und Handelskammer zu einer DIHK-Umfrage unter 1.300 Firmen. "Chinesische Unternehmen konkurrieren längst nicht mehr nur über Menge und Preis." Sie seien technologisch stark, innovativ und international immer präsenter.
FRANKFURT - DEUTSCHLAND: FOTO: APA/APA/AFP/KIRILL KUDRYAVTSEV