Ilse Pogatschnigg und "The Art of Hosting": Mit kollektiver Intelligenz zum Erfolg

Wissen und Erfahrung Vieler wird ungenützt liegen gelassen. The Art of Hosting ist ein Führungsstil, der mit hoher Gesprächskultur die Entscheidungsfindung verbessern und Veränderungsprozesse in komplexen Umfeldern einleiten will.

Thema: Leadership
Ilse Pogatschnigg und "The Art of Hosting": Mit kollektiver Intelligenz zum Erfolg

Ilse Pogatschnigg hat in ihrem Buch „The Art of Hosting“ einen Führungsstil aufgezeigt, der an die kollektive Intelligenz appelliert. Und wo mit "verzopften Gewohnheiten" aufgeräumt werden muss, um die drängenden Fragen zu beantworten.

Wer kennt sie nicht, die unproduktiven und ineffizienten Meetings und Seminare, die eher Zeitverschwendung sind und dem Ego Einzelner dienen, statt neue Ideen, Vielfalt, Innovation und Veränderung zu bringen. Und zudem zu mehr zur Unzufriedenheit beitragen, wenn sich Rituale wiederholen, unnötig Arbeitszeit fressen und wenig bis nichts zum Output beitragen.

Unternehmen verschwenden damit dann nicht nur wertvolle Arbeitszeit und Geld. Ihre Individuen verlieren zudem auch noch kostbare Lebenszeit.

Im Zentrum von „The Art of Hosting“ steht die Kunst, Gespräche führen, auch zu moderieren, sich zurückzunehmen – und einzuräumen, nicht immer auf alles eine Antwort zu haben. Die Autorin berät Unternehmen, Institutionen wie die Europäische Kommission, Städte und Gemeinden. Es gehe dabei mehr als nur um Moderation und Führungskräfteschulung, betont Pogatschnigg.

Denn Leadership soll nebst Führen, vor allem auch auf die Suche nach dem Sinn und Zweck des Tuns, nach dem Purpose streben, um mit Teams und deren kollektiver Intelligenz auf die dringenden und anspruchsvollen Fragen qualitative Antworten geben und Lösungen zu finden.


INTERVIEW

"Auf kollektives Wissen können wir nicht mehr verzichten"

Die promovierte Juristin, Beraterin, Mediatorin und Buchautorin Ilse Pogatschnigg hat in ihrem Buch „The Art of Hosting“ einen Führungsstil aufgezeigt, der an die kollektive Intelligenz von Unternehmen und ihren Managern appelliert. trend.at hat mit der Beraterin gesprochen, um zu erfahren, welche Qualitäten echtes Leadership ausmachen, als nur gelernte Floskeln und Schablonen zu benutzen, die zum Einmal-Eins für Führungskräfte allerorten seit jeher angepriesen und eingesetzt werden.

trend: Die Zahl der Neuerscheinungen von Managementliteratur und Seminare für Leadership boomt. Sowohl anspruchsvolle Seminare und Ratgeber zum ‚Erfolgreich Führen‘ oder Populärwissenschaftliches wie Einmaleins für Führungskräfte und ähnliches gibt es wie Sand am Meer. Und doch weiß fast jeder zu berichten, welch‘ erschreckende Schwächen es gibt, was die Führung von Unternehmen, Abteilungen und Institutionen anbetrifft. Woran liegt’s?
Ilse Pogatschnigg: Die Welt ist komplexer geworden, eine Person alleine kann da schon gar nicht mehr den Überblick haben. Und viele machen noch immer die Dinge so, ‚weil wir’s immer so gemacht haben‘. Was sich bisher bewährt hat, von dem nimmt man ja nur schwer Abstand, auch wenn es nicht mehr zielführend ist. Das wird uns in Wirtschaft und Gesellschaft aber nicht weiterbringen. Deshalb: Es geht um kollektive Intelligenz, die mehr denn je genutzt werden muss um Lösungen zu finden. Und dafür brauchen wir konstruktive Auseinandersetzungen, in Teams, in Gruppen, um auf drängende komplexe Fragen qualitative Antworten zu finden.


Den Verzicht auf kollektives Wissen können wir uns aber nicht mehr leisten.

Sie haben mit „The Art of Hosting“ ein Buch geschrieben, das eine etwas andere Richtung von Leadership beschreibt, weg vom Top-Down-Leader, weg vom Patriarchen, vom Führen mit Eiserner Hand hin zu einem Ansatz, den Sie „The Art of Hosting“ nennen und mehr den Menschen mit seinem Sein in den Mittelpunkt stellen. Was war für Sie der Anlass, dieses Buch zu schreiben?
Pogatschnigg: Seit 2012 arbeite ich selbst mit „The Art of Hosting“. Und es ist nicht meine Erfindung, sondern es wird von einem weltweiten Netzwerk getragen. Ein Buch hat es bisher nicht gegeben. Verwendet werden die Ansätze zum Beispiel in der Europäischen Kommission. Dort war ich unter anderem involviert in einen Bürgerdialog, in dem Menschen aus vielen Ländern wirklich ins Gespräch gekommen sind und die Kommission zugehört hat.
Bei einem Projekt in der Europäischen Kommission in Brüssel haben wir so kollektive Intelligenz genutzt, um wichtige Projekte übergreifend vorzubereiten, Entscheidungen zu treffen und Lösungen zu finden. Das Gleiche passiert bei Projekten in der Klimaforschung, der Bildung oder der Politik. Überall dort haben Teams mit Art of Hosting ihre Zusammenarbeit, ihr gegenseitiges Verständnis und die Arbeitsabläufe verbessert, was sich natürlich auch auf den Output positiv auswirkt.

Ein anderes Projekt war im Bildungsbereich in der Schweiz oder ein Projekt zu einem Brückenbau in Belgien. In all diesen Beispielen kann niemand den vollen Überblick über alle Facetten seines Bereichs haben. Aber durch Einsatz von kollektiver Intelligenz konnten die Projekte rasch vorangebracht werden. Bisher wurde allzuoft ungenutztes Wissen und Erfahrung vieler Menschen in Unternehmen, Organisationen und auch in der Politik nicht genutzt.
Den Verzicht auf kollektives Wissen können wir uns aber nicht mehr leisten, wo es doch gerade jetzt mitten in der Corona-Krise und in weiterer Folge im Zuge des Klimawandels gilt, dringend Entscheidungen zu fällen, die wichtig für die Zukunft sind. Und das betrifft Wirtschaft, Gesellschaft und Politik gleichermaßen.

Was ist der Kern dieses doch etwas anderen Führungsansatzes?
Pogatschnigg: The Art of Hosting‘ ist ein Führungsstil, der schon über 20 Jahre praktiziert wird und ständig in einem Netzwerk weiterentwickelt wird. Es bedeutet zunächst einmal ein guter Gastgeber zu sein, gute Gespräche zu ermöglichen – also „Die Kunst des Gastgebens“ wörtlich zu nehmen. Das bedeutet eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich die Menschen wohl fühlen.
Ich vergleiche das mit einer privaten Einladung, wo es auch darauf ankommt, den Gästen eine angenehme Atmosphäre für ihr Wohlbefinden zu schaffen. Warum soll das dann nicht auch im Businessumfeld so sein? Denn wo Leute sich aufgehoben fühlen, wir Mitarbeiter mitnehmen, sie auch sie selbst sein können, da trauen sich die Menschen mehr, da sind auch die Ergebnisse besser. Und Effizienz und Output steigen.
Dabei wird eine Raumqualität geschaffen, in der sich die Teilnehmer eines Meetings wohl fühlen können, sich entfalten und aktiv einbringen können und dies auch wollen. Nur so können wir neue Zugänge zu Themen finden, die drängenden Fragen rasch beantworten und zwar auch mit der hohen Qualität.

Was ist dann der Unterschied zu bisherigen, sagen wir mal kooperativen Führungsstilen?
Pogatschnigg: Art of Hosting ist partizipativ, mit weniger Ego, am Sinn und Zweck der Sache orientiert, effizienter, herzlicher und letztlich menschlicher. Es ist für alle, die eine gewisse Sehnsucht haben, dass es jenseits von Ego, Machtspielen und „das haben wir immer so gemacht“ eine Möglichkeit gibt, Neues zu schaffen.


Ein Top-Manager muss auch mal sagen dürfen und können: 'Ich weiß das nicht'.

Nur ist das dann schwierig, geht es doch in Unternehmen auch um Führungsanspruch, in weiterer Folge ums Durchsetzen, Macht, Aufstieg und Karriere. Und Geld.
Pogatschnigg: Das ist kein Wiederspruch. Das Management kann nicht alles wissen. In den Spitzenpositionen fehlen oft umfangreiche Expertisen, Ressourcen und der Überblick über die vielfältigen Facetten von Fragestellungen. Das ist aber auch ganz normal. Denn eines ist ja klar: In der komplexen Welt von heute kann nicht mehr alles von einzelnen Personen kommen – ungeachtet ihrer Position, ob sie gewählt sind, von Aufsichtsräten eingesetzt wurden oder noch so sehr mit Titeln dekoriert sind.
Die Vorstellung, Wissen sei an der Spitze einer Hierarchie gebündelt, ist eigentlich schon lange nicht mehr haltbar und ist reine Fiktion. Ein Top-Manager muss auch mal sagen dürfen und können: „Ich weiß das nicht“, „da kenne ich mich nicht aus, aber dafür haben wir den oder die XY“. Und dann heißt es, diesen Personen, den echten Experten, den Vortritt zu lassen.

Autorin & Unternehmerin Ilse Pogatschnigg: "Es ist doch furchtbar, wenn der Top-Manager stets unter Druck steht, sich selbst permanent unter Druck setzt und meint für alles eine Erklärung, gar eine Lösung parat haben zu müssen."

Wie geht sich die Wohlfühlatmosphäre von „The Art of Hosting“ da noch aus in der Hierarchie von Über- und Unterordnung?
Pogatschnigg: Andere nach vorne zu lassen, die ein fundiertes Wissen in ihrem speziellen Bereich haben, wirkt für die Entscheidungsträger ja auch befreiend. Es ist doch furchtbar, wenn der Top-Manager stets unter Druck steht, sich selbst permanent unter Druck setzt und meint für alles eine Erklärung, gar eine Lösung parat haben zu müssen. So können wir dahin kommen, dass von Mitarbeitern, die nicht den Druck haben, frische Ideen kommen, die Teil der Lösung werden.
Es ist doch spannend, wenn so Mitarbeiter in die erste Reihe kommen und vor allem aktiv, also partizipativ, am Lösungsprozess mitarbeiten. Und wenn sie sich als Eigentümer des Ergebnisses sehen, dann sind sie viel effizienter, produktiver und motivierter für die Umsetzung. Die Arbeit hat dann auch mehr Sinn und ist nicht nur Mittel zum Geldverdienen. Und zwar gilt das für alle Beteiligten.
'Die Kunst des Gastgebens' bedeutet nicht ein beliebiges Gastgeben, sondern eines, das gute und bedeutsame Gespräche ermöglicht und an einem Sinn und Zweck, einem Wozu, ausgerichtet ist. Mit der partizipativen Teilhabe ändert sich daher auch nichts an der Hierarchie. Manager können doch durch Fragen ebenso die Führung haben und übernehmen. Und eine Führungskraft kann sich mit den Ergebnissen des Teams schmücken nach dem Motto: ‚Schaut her, ich habe das beste Team‘. Es gibt doch nichts Besseres für einen Top-Manager, wenn er so mit Co-Kreation auf ein Top-Team und Top-Ergebnisse verweisen kann.

Die Schaffung einer positiven Gesprächskultur ist eine Rahmenbedingung, um die kollektive Intelligenz zu heben. Damit sind aber noch keine Ergebnisse erzielt. Und Meeting bleibt Meeting!
Pogatschnigg: Der zentrale Ansatz von ‚Art of Hosting‘ ist das Prozessdenken. Nur auf Punktuelles, auf eine Veranstaltung, ein Meeting zu setzen, nutzt nichts. Da würden die Teilnehmer nur wieder unnötige Lebenszeit versitzen. Und nur Egoismen der Person bedienen, die das Meeting angesetzt hat. Daher ist das Davor und Danach, das große Ganze entscheidend.
Und da muss die Frage nach dem „Purpose“ gestellt werden, nach dem Wozu? Warum tun wir das? Würden wir uns diese Frage öfter stellen, könnten wir uns viele unnütze Extratouren ersparen. Und uns öfters in die Hängematte legen. Denn wenn es nichts zu tun gibt, dann soll auch nicht krampfhaft ein Meeting angesetzt werden. Dann kann es durchaus sein, dass es noch nichts gibt, noch keinen Purpose, also noch keinen Sinn und Zweck gibt, etwas zu tun. Oder vielleicht auch nicht mehr. Und wie wunderbar befreiend kann das denn sein?


Es muss mit verzopften Gewohnheiten aufgeräumt werden.

Aus dem Unternehmen heraus ist der Change aber oft nicht möglich, wenn es darum geht die Gesprächskultur zu verändern, Prozesse neue anzustoßen, Egoismen hinten anstellen. Wie bringt man das „Art of Hosting“ auf die Spur?
Pogatschnigg: Das ist zum Teil richtig. Was ich als eine Voraussetzung sehe, dass sich Dinge bewegen können, ist eine gewisse Sehnsucht nach Neuem, dass es jenseits von Ego, Machtspielen und „Wir haben aber das immer so gemacht“ neue Ahnung einer Möglichkeit gibt, neue Wege zu gehen. Ist das vorhanden, dann sollte man sich auch auf so etwas wie eine „Knirschzone“ vorbereiten. Wenn es eng, schwierig oder konfrontativ wird, kann dann – vor allem am Anfang – vielleicht eine unabhängige Person oder Personen von außen unterstützen und befreit an die Sache rangehen, neue Räume schaffen, die die Beteiligten ermuntert, den Purpose ihres Handelns zu hinterfragen. Dafür muss oft in erster Linie mit verzopften Gewohnheiten aufgeräumt werden und einiges verlernt werden. Und dabei knirscht es dann auch immer wieder, was völlig normal ist. Aber immer unter der Prämisse, gute Gespräche zu ermöglichen.

Corona hat mit den Lockdowns persönliche Treffen verhindert. Zoom-Meetings sollten das ausgleichen. Doch geht vielen Menschen der Blick in den Computer bereits kräftig auf die Nerven. Das ist bestimmt nicht das, was idealerweise „The Art of Hosting“ ausmacht.
Pogatschnigg: Das kann man so nicht sagen, die Gespräche sind anders, die Qualität und Haltung des Gastgebers bleibt aber gleich. Via Zoom können auch neue Räume aufgemacht werden, für die notwendige Raumqualität gesorgt werden. Neben dem Hauptmeeting können auch online weitere Räume parallel eröffnet werden, wo sich die Leute zu bestimmten Themen treffen und austauschen können. Und interessanterweise, sind die Teilnehmer bei Zoom-Meetings wesentlich disziplinierter. Und genauso ergebnisorientiert, wie in einer Seminarumgebung. Ein Verplaudern etwa, wie das doch hin und wieder in den üblichen Seminaren vorkommt, gibt es nicht oder kaum. Also der Raum, die Raumqualität ist nicht von der Örtlichkeit abhängig. Auch digital kann „Art of Hosting“ helfen, dem Wozu, dem Purpose des Tuns auf den Grund zu gehen. Auch mich hat es überrascht, was online doch auch möglich ist.


6 Kernpunkte, der "Art of Hosting"

  1. Die Haltung des Gastgebers
    Orientieren Sie sich dabei an dem, was Sie Ihren Gästen auch zu Hause bieten würde. Arbeit, Business und Politik dürfen auch in angenehmer Atmosphäre stattfinden. Die Ergebnisse werden es Ihnen danken.
  2. Fragen stellen
    Wer fragt, der führt. Und das egal von welcher formalen Position in der Hierarchie aus. Die vielleicht wichtigste Frage, die Sie immer und immer wieder stellen sollten, ist die nach dem Wozu.
  3. Seien Sie auf eine Knirschzone vorbereitet
    Sie ist normal. Das Ringen um eine gemeinsame Klarheit führt durch Spannung und ungemütliche Phasen. Erst die gemeinsame Klarheit lässt Ruhe einkehren.
  4. Um Unterstützung fragen
    Es verlangt ein bisschen Verletzlichkeit, unterstützt Sie aber und bringt mehr. Und am Ende kann es Ihre Position sogar noch stärken.
  5. Verlernen und loslassen von angelernten Konzepten
    Schauen Sie sich auch die an, von denen Sie überzeugt sind. Sie begrenzen oft am meisten
  6. Vergessen Sie nicht, sich selbst Gastgeber zu sein
    Aus einer starken Präsenz heraus führen Sie am effektivsten.





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