
„Ich bin den ganzen Tag beschäftigt – und komme trotzdem nicht voran.“ Ein Satz, den viele Führungskräfte kennen. Und einer, der für Unternehmen teuer werden kann. Denn er verweist auf ein zentrales, oft unterschätztes Problem moderner Führung: den Verlust konzentrierter Aufmerksamkeit.
Studien zeigen, dass Top-Manager einen Großteil ihrer Arbeitszeit in Meetings verbringen. Laut Erhebungen von McKinsey und Harvard Business Review liegt der Anteil bei vielen Führungskräften inzwischen bei über 60 Prozent – mit steigender Tendenz. Gleichzeitig klagen Vorstände und Geschäftsleitungen zunehmend über Zeitmangel für strategische Arbeit.
Der Engpass sitzt im Kopf: Attention Overload im Top-Management
Das Paradox: Nie waren Führungskräfte stärker ausgelastet, nie war ihr Arbeitsalltag stärker fragmentiert. Die neue Realität lässt sich als „Attention Overload“ beschreiben. Während Unternehmen Milliarden in Digitalisierung, Prozesse und Systeme investieren, gerät ein entscheidender Engpass aus dem Blick: die begrenzte mentale Bandbreite ihrer Entscheidungsträger.
Beobachtungsstudien aus der Arbeitsforschung zeigen, dass Wissensarbeitende im Durchschnitt alle fünf bis zehn Minuten zwischen Aufgaben, Kommunikationskanälen oder Themen wechseln. Führungskräfte jonglieren parallel zahlreiche Projekte, Abstimmungen und Entscheidungsstränge.
Die Folge ist kein Mangel an Einsatz, sondern ein schleichender Verlust an Tiefe: Strategische Fragen werden zwischen operativen Routinen zerrieben, komplexe Entscheidungen unter Zeitdruck getroffen. Aufmerksamkeit wird zur knappen Ressource – mit direkten Folgen für Qualität, Innovationskraft und langfristige Wettbewerbsfähigkeit.
Fokus ist die neue Macht. Unternehmen, die das verstanden haben, spielen in einer anderen Liga. Sie behandeln Aufmerksamkeit wie ihr wertvollstes Asset – und erwirtschaften 23 % höhere Gewinnmargen als ihre abgelenkten Konkurrenten.
Die Frage ist nicht mehr: Wie viel schaffen wir? Sondern: Was lassen wir bewusst weg? Willkommen im Zeitalter des Strategic Focus Management.
Das stille Leck im System: Wenn Denken fragmentiert wird
Moderne Wissensarbeit lebt vom schnellen Wechsel: zwischen Projekten, Themen, Plattformen und Rollen. Was nach Effizienz aussieht, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als kognitiver Belastungsfaktor mit messbaren Kosten.
Die Organisationspsychologin Sophie Leroy von der University of Minnesota beschrieb 2009 ein Phänomen, das viele Führungskräfte täglich erleben, ohne es zu bemerken: „Attention Residue“ – mentale Rückstände, die nach einem Aufgabenwechsel im Bewusstsein verbleiben. In ihren Experimenten arbeiteten Probanden zunächst an Aufgabe A und wechselten anschließend zu Aufgabe B.
Design: randomisierte Zuordnung, Leistungs- und Reaktionszeitmessung.
Ergebnis: Ein Teil der Aufmerksamkeit blieb bei der vorherigen Aufgabe gebunden – besonders dann, wenn diese nicht abgeschlossen war. Die Leistung bei der neuen Aufgabe sank signifikant.
Unvollendete Aufgaben binden mentale Ressourcen – auch dann, wenn man längst an etwas anderem arbeitet.
Die kognitive Rechnung
Bereits zuvor hatten die Psychologen David E. Meyer und Joshua Rubinstein an der University of Michigan die Kosten des Aufgabenwechsels untersucht. In kontrollierten Laborexperimenten mussten Probanden zwischen unterschiedlichen Entscheidungsregeln wechseln. Gemessen wurden Reaktionszeiten und Fehlerquoten.
Das Ergebnis: Jeder Wechsel verlangsamte die Bearbeitung und erhöhte die Fehlerwahrscheinlichkeit – selbst bei einfachen Aufgaben. Die Effekte verstärkten sich, sobald die Aufgaben komplexer wurden oder unter Zeitdruck stattfanden. Der Preis des Wechsels ist nicht spektakulär – aber konstant. Und er summiert sich.
Die Forschung zeichnet ein klares Bild: Multitasking ist kein Zeichen besonderer Leistungsfähigkeit, sondern ein systematischer Belastungsfaktor für das Gehirn. Fragmentierte Aufmerksamkeit beeinträchtigt das Arbeitsgedächtnis, reduziert die Fähigkeit zur Priorisierung und erschwert komplexes Problemlösen. Besonders strategisches Denken leidet unter permanenten Unterbrechungen. Was kurzfristig nach Effizienz aussieht, führt langfristig zu flacheren Analysen, vorschnellen Entscheidungen und höherer Fehleranfälligkeit. Die unbequeme Wahrheit: Wer häufig zwischen Aufgaben springt, arbeitet nicht schneller. Er arbeitet fragmentierter. Und in einer Welt zunehmender Komplexität ist nicht Geschwindigkeit der entscheidende Wettbewerbsvorteil – sondern geistige Tiefe.
Das 23-Minuten-Problem
Ein „Können wir kurz …?“ kostet mehr, als viele vermuten. Die Arbeitsforscherin Gloria Mark von der University of California, Irvine, machte diesen Effekt in einer viel beachteten Studie erstmals systematisch sichtbar – und identifizierte damit einen der größten versteckten Kostenfaktoren moderner Wissensarbeit. Marks Forschung basierte auf Feldstudien in realen Arbeitsumgebungen, unter anderem bei Microsoft.
Design: Über mehrere Tage hinweg wurden Wissensarbeiter im Büroalltag beobachtet. Jede Unterbrechung, jeder Aufgabenwechsel und jede Wiederaufnahme wurde protokolliert und zeitlich erfasst.
Das Ergebnis: Nach einer Unterbrechung benötigten die Teilnehmenden im Durchschnitt rund 23 Minuten, um zur ursprünglichen Aufgabe zurückzufinden – sofern sie überhaupt zurückkehrten. Häufig folgte bereits die nächste Ablenkung, bevor der Fokus wiederhergestellt war. Unterbrechungen unterbrechen nicht nur den Arbeitsfluss. Sie zerlegen ihn. Für Führungskräfte hat dieser Effekt direkte Konsequenzen. Jede ungeplante E-Mail, jede spontane Rückfrage, jedes kurzfristige Meeting erzeugt kognitive Reibungsverluste, die in klassischen Kennzahlen nicht sichtbar sind.
Sie zeigen sich indirekt: in längeren Projektlaufzeiten, höherer Fehleranfälligkeit, geringerer analytischer Tiefe und wachsender Erschöpfung.
Wenn Hektik Denken verengt
Zeitdruck gilt in vielen Organisationen als Zeichen von Bedeutung. Wer ständig unter Strom steht, wirkt wichtig. Neuropsychologisch wirkt chronische Eile jedoch in die entgegengesetzte Richtung.
Eine experimentelle Studie von John Staal und Kollegen (2022) untersuchte den Einfluss subjektiven Zeitdrucks auf kognitive Leistungsfähigkeit. Versuchspersonen bearbeiteten identische Denkaufgaben unter zwei Bedingungen – einmal ohne Zeitdruck, einmal unter künstlich erzeugter Hektik. Gemessen wurden Arbeitsgedächtnis, kognitive Flexibilität, Reaktionszeiten und Stressindikatoren.
Bereits das Gefühl, gehetzt zu sein, reduzierte signifikant die exekutive Kontrolle. Die Leistungsfähigkeit im Arbeitsgedächtnis sank, die Fehlerquote stieg, und physiologische Stresswerte nahmen zu. Zeitdruck verengt das Denken – selbst dann, wenn objektiv noch ausreichend Zeit vorhanden wäre.
Unter chronischem Druck verschiebt sich die Aktivität im Gehirn: Präfrontale Kontrollnetzwerke werden geschwächt, während emotionale Stresszentren dominieren. Die Folge: Entscheidungen werden kurzfristiger, vorsichtiger oder impulsiver. Kreativität und systemisches Denken nehmen ab. Strategische Abwägung weicht schnellen Reaktionen.
Die Harvard Business Review beschrieb dieses Phänomen 2025 als „Hurry Sickness“ – eine Kultur chronischer Eile, die Leistungsfähigkeit, Gesundheit und Entscheidungsqualität untergräbt. Dabei sind icht einzelne Termine oder Spitzenbelastungen das Problem. Gefährlich wird permanente Beschleunigung als Normalzustand.


Funktionsbereiche des menschlichen Gehirns
Das Steuerzentrum im Kopf: Warum Fokus neurobiologisch entscheidend ist
Fokus ist mehr als eine Managementtechnik. Er ist eine zentrale Steuerungsleistung des Gehirns. Und wie jede begrenzte Ressource kann er erschöpft werden, wenn er dauerhaft überlastet wird.
Im präfrontalen Kortex liegt das zentrale Kontrollsystem menschlicher Leistungsfähigkeit. Insbesondere die dorsolateralen und ventromedialen Bereiche übernehmen jene Funktionen, die für wirksame Führung entscheidend sind:
Aufmerksamkeitssteuerung: Auswahl relevanter Informationen
Impulskontrolle: Unterdrückung kurzfristiger Reaktionen
Planung: Entwicklung und Bewertung von Handlungsoptionen
Zielverfolgung: Aufrechterhaltung langfristiger Prioritäten
Emotionsregulation: Stabilität unter Belastung
Diese Netzwerke ermöglichen es, komplexe Situationen zu strukturieren, Unsicherheit auszuhalten und Entscheidungen reflektiert zu treffen.
Die Neurowissenschaftler Amy Arnsten und Francisco Rubia analysierten 2021 in einer umfassenden Übersichtsarbeit zahlreiche bildgebende und experimentelle Studien zur Wirkung von Stress auf exekutive Funktionen.
Das Ergebnis: Akuter und chronischer Stress verändern die Aktivität präfrontaler Netzwerke. Stresshormone wie Cortisol und Noradrenalin reduzieren die Signalübertragung in diesen Regionen und beeinträchtigen damit Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Selbstkontrolle. Gleichzeitig steigt die Aktivität limbischer Strukturen, die für emotionale und automatische Reaktionen zuständig sind. Unter Belastung verschiebt sich das Gleichgewicht im Gehirn – weg von reflektierter Steuerung, hin zu reaktiven Mustern.
Führungskräfte handeln dann nicht irrational, sondern neurobiologisch vorhersehbar: Sie greifen auf bewährte Routinen zurück, vermeiden Unsicherheit und reagieren stärker auf kurzfristige Reize. Strategisches Denken wird schwieriger – nicht aus mangelnder Kompetenz, sondern aufgrund eingeschränkter neuronaler Steuerung.
In einer Welt permanenter Ablenkung ist Fokus kein reiner Soft Skill, sondern ein harter Wettbewerbsfaktor. Wer seine Aufmerksamkeit nicht steuert, überlässt seine Entscheidungen dem Zufall.
Fokus als betriebswirtschaftliche Ressource
Fokus ist eine der wertvollsten Ressourcen moderner Unternehmen – und zugleich eine der am wenigsten systematisch gemanagten. Während Organisationen erhebliche Summen in Technologie, Prozesse und externe Beratung investieren, bleibt ein zentraler Leistungsfaktor oft unbeachtet: die nachhaltige Funktionsfähigkeit des menschlichen Entscheidungssystems.
Die Antwort auf steigende Komplexität liegt nicht in weiteren Produktivitäts-Apps oder individuellen Selbstoptimierungsprogrammen. Entscheidend sind strukturelle Rahmenbedingungen, die konzentriertes Arbeiten ermöglichen.
Vier Hebel haben sich in leistungsstarken Organisationen als besonders wirksam erwiesen:
1. Klare Prioritäten – Begrenzung gleichzeitiger Zielsysteme
In vielen Unternehmen entsteht Komplexität nicht durch den Markt, sondern durch interne Zielüberlastung. Führungskräfte verfolgen parallel Wachstumsinitiativen, Effizienzprogramme, Kulturprojekte, Digitalisierungsstrategien und Restrukturierungen. Jedes einzelne Vorhaben ist für sich sinnvoll. In Summe überfordern sie jedoch die kognitiven Ressourcen der Organisation.
Neurowissenschaftlich ist dieses Phänomen gut erklärbar: Das menschliche Arbeitsgedächtnis kann nur eine begrenzte Anzahl komplexer Zielsysteme gleichzeitig aktiv halten. Werden zu viele Prioritäten parallel verfolgt, entstehen dauerhafte Zielkonflikte, Entscheidungsverzögerungen und mentale Ermüdung.
Praxis-Tool: „Rule of Three“
Auf jeder Führungsebene werden pro Quartal maximal drei operative Schwerpunkte definiert. Alle weiteren Projekte werden entweder pausiert, delegiert oder klar nachgeordnet. Diese Regel zwingt Organisationen zur strategischen Disziplin – und verhindert symbolische Prioritäten ohne echte Umsetzung.
2. Reduzierte Unterbrechungen – Schutz zusammenhängender Arbeitsphasen
Moderne Organisationen leiden nicht an mangelnder Kommunikation, sondern an unstrukturierter Kommunikation. Permanente Erreichbarkeit über E-Mail, Messenger, Videocalls und spontane Meetings fragmentiert Aufmerksamkeit und verhindert tiefes Arbeiten.
Jede Unterbrechung erzeugt einen kognitiven Neustart. Das Gehirn benötigt Zeit, um wieder in komplexe Denkprozesse einzusteigen. Bei häufigen Störungen bleibt diese Tiefe dauerhaft unerreichbar.
Praxis-Tool: „Focus Windows“
Verbindliche Zeitfenster ohne Meetings, Mails oder Chats, etwa täglich von 9 bis 11 Uhr. In dieser Zeit ist strategische, analytische oder kreative Arbeit priorisiert. Kommunikation wird bewusst verzögert.
3. Geplante Erholungszeiten – Regeneration als Produktivitätsfaktor
Kognitive Leistungsfähigkeit folgt biologischen Rhythmen. Konzentration, Entscheidungsqualität und Kreativität schwanken im Tagesverlauf. Dauerhafte Überlastung senkt nicht nur Energie, sondern verändert langfristig die neuronale Leistungsfähigkeit.
Viele Führungskräfte ignorieren diese Zyklen – und behandeln ihren Geist wie eine Maschine, die permanent auf Volllast laufen soll. Das Ergebnis ist schleichender Leistungsabbau.
Praxis-Tool: „Energy Mapping“
Führungskräfte analysieren ihre persönlichen Hochleistungszeiten: Wann bin ich am analytischsten? Wann am kreativsten? Wann am erschöpftesten? Strategische Aufgaben werden gezielt in Hochenergiephasen gelegt, Routinetätigkeiten in Niedrigphasen.
4. Reflektierte Entscheidungsprozesse – Qualität vor Geschwindigkeit
In vielen Organisationen gilt Geschwindigkeit als Führungsqualität. Schnelle Entscheidungen signalisieren Handlungsfähigkeit. Unter Druck werden jedoch häufig kognitive Abkürzungen genutzt: Vereinfachung, Bestätigungsfehler, Risikovermeidung.
Komplexe Entscheidungen profitieren nachweislich von zeitlicher Distanz. Sie erlaubt emotionale Abkühlung, zusätzliche Perspektiven und kognitive Neubewertung.
Praxis-Tool: „24-Stunden-Regel“
Strategische Entscheidungen mit hoher Tragweite werden nicht im ersten Impuls finalisiert. Zwischen Diskussion und Beschluss liegt mindestens eine Nacht. In dieser Zeit erfolgt keine weitere Überarbeitung – nur mentale Distanz.

Steckbrief
Marcus Täuber
Qualifikationen
• Psychosozialer Berater mit Gütesiegel Impuls Pro der Wirtschaftskammer Österreich
• Unternehmensberater und zertifizierter Business-Coach
• Ehemaliger Head of Training beim weltgrößten Biotechunternehmen
Dr. Marcus Täuber ist der Hirnforscher, der Wissenschaft in Erfolg umwandelt. Er ist international gefragte Keynote-Speaker an der Schnittstelle von Hirnforschung, Psychologie und Management. Als Gründer des Instituts für mentale Erfolgsstrategien (IFMES) begleitet Dr. Täuber Organisationen bei der Entwicklung leistungsfördernder Führungs- und Arbeitssysteme – mit dem Anspruch, langfristige Wirkung statt kurzfristiger Motivation zu erzielen.
Quellen
Arnsten, A. F. T. (2009). Stress signalling pathways that impair prefrontal cortex structure and function. Nature Reviews Neuroscience, 10(6), 410–422. https://doi.org/10.1038/nrn2648
Goleman, D. (2013). The focused leader. Harvard Business Review, 91(12), 50–60.
Leroy, S. (2009). Why is it so hard to do my work? The challenge of attention residue when switching between work tasks. Organizational Behavior and Human Decision Processes, 109(2), 168–181. https://doi.org/10.1016/j.obhdp.2009.04.002
Mark, G., Gonzalez, V. M., & Harris, J. (2005). No task left behind? Examining the nature of fragmented work. Proceedings of the SIGCHI Conference on Human Factors in Computing Systems, 321–330. https://doi.org/10.1145/1054972.1055017
Mark, G., Gudith, D., & Klocke, U. (2008). The cost of interrupted work: More speed and stress. Proceedings of the SIGCHI Conference on Human Factors in Computing Systems, 107–110. https://doi.org/10.1145/1357054.1357072
Porter, M. E., & Nohria, N. (2018). How CEOs manage time. Harvard Business Review, 96(4), 42–53.
Rubinstein, J. S., Meyer, D. E., & Evans, J. E. (2001). Executive control of cognitive processes in task switching. Journal of Experimental Psychology: Human Perception and Performance, 27(4), 763–797. https://doi.org/10.1037/0096-1523.27.4.763
Staal, J. A. (2004). Stress, cognition, and human performance: A literature review and conceptual framework. NASA Technical Memorandum 2004-212824. https://ntrs.nasa.gov/citations/20040071205
Whillans, A. V., Perlow, L. A., & Schwartz, A. (2021). Time smart: How to reclaim your time and live a happier life. Harvard Business Review Press.
