
Führung beginnt nicht im Kalender, sondern im Körper. Wer innerlich nicht präsent ist, führt im Autopilot – mit spürbaren Folgen für Teams, Entscheidungen und Unternehmenskultur. Warum Selbstwirksamkeit, Resonanz und physische Stabilität keine Wellness-Themen sind, sondern knallharte Produktivitätsfaktoren, zeigt diese Kolumne über den oft unterschätzten Raum des Selbst.
Eigentlich war ich Läuferin.
Halbmarathons, fixe Trainingspläne, eiserne Disziplin, der Wind im Gesicht. Bewegung war mein Ausgleich – und mein Anker. Solange die Kilometerzeiten stimmten, stimmte auch die Richtung. Dann kam die Pandemie. Und mit ihr etwas, das viele Führungskräfte bis heute unterschätzen: kein abrupter Stillstand, sondern eine schleichende, fast unmerkliche Trägheit des Systems.
Ich funktionierte weiter. Termine, Calls, strategische Entscheidungen – auf dem Papier lief alles nach Plan. Doch unter der Oberfläche veränderte sich die Frequenz. Etwas Wesentliches war weg: die echte Begeisterung, die innere Spannung, die körperliche Klarheit. Das Homeoffice ist bequem, aber es ist auch ein Raum ohne Reibung. Und ohne Reibung entsteht keine Energie.
Wir wurden zu Köpfen auf Beinen – und verloren den Kontakt zum Rest.
Jahre später, als die Welt längst wieder „offen“ war, merkte ich: Ich war nicht erschöpft im klassischen Sinn. Ich war unterfordert im Raum des Selbst.
Das Feld ist stärker als der Wille
Bis ich einen neuen Raum betrat.
Kein stilles Retreat, kein sanftes Coaching-Setting, kein klassisches Achtsamkeitsseminar. Es war ein Fitnessclub am Schottentor. Eine alte Bankarchitektur, massiv und historisch, kombiniert mit pulsierenden Bässen und einer fast greifbaren kollektiven Energie. Ein Raum, der keine Ausreden zulässt.
Dort passierte etwas Entscheidendes: Ich musste mich nicht zur Veränderung motivieren. Ich musste mich dem Feld nur aussetzen.
In Führungskreisen erzählen wir uns gern das Märchen, Veränderung sei eine reine Frage von Disziplin, Selbstoptimierung oder der richtigen Zeitmanagement-Technik. Doch die Psychologie weiß es längst besser. Albert Bandura nannte es Selbstwirksamkeit: die tiefe Überzeugung, Herausforderungen aus eigener Kraft meistern zu können. Diese Überzeugung entsteht nicht durch Vorsätze im stillen Kämmerlein, sondern durch erlebte Wirkung.
In diesem Raum wurde genau das physisch spürbar. Die Beats, die Trainer:innen, die gemeinsame Anstrengung fremder Menschen. Ich trat wieder in Beziehung – nicht nur zu einem Trainingsziel, sondern zu mir selbst. Der Soziologe Hartmut Rosa spricht hier von Resonanz: einem lebendigen Draht zwischen Mensch und Umgebung. Resonanz ist kein esoterischer Wohlfühlbegriff. Sie ist der Motor jeder Entwicklung. Wo keine Resonanz ist, herrscht Entfremdung. Und Entfremdung ist der stille Killer jeder Führungskultur.
Wer stabil steht, bewegt andere
Was hier reaktiviert wurde, ist der Raum des Selbst: jener innere Ort, an dem Klarheit, physische Energie und Wirksamkeit zusammenkommen. Und genau hier beginnt Führung.
Mit der körperlichen Stabilität – aufgebaut durch Yoga, Reformer-Training und Schwimmen – kam eine Qualität zurück, die im rein digitalen Arbeiten oft verloren geht: Präsenz. Und Präsenz bleibt nie privat. Sie ist eine Schwingung, die den Raum betritt, noch bevor das erste Wort gesprochen wird.
In der Organisationsentwicklung zeigt sich immer wieder: Systeme reagieren nicht primär auf Titel, sondern auf Zustände. Eine Führungskraft, die innerlich stabil und körperlich präsent ist, wird zur guten Störung für starre Strukturen. Nicht durch Lautstärke oder Aktionismus, sondern durch Haltung. Wer im eigenen Raum klar steht, gibt Orientierung – ohne sie erklären zu müssen.
In der letzten Kolumne habe ich beschrieben, warum Teams über sich hinauswachsen – und warum das kein Zufall ist.
Heute gehen wir bewusst einen Schritt zurück. Denn bevor Teams wirken, wirkt jemand in sich. Der Raum des Selbst ist der erste, oft übersehene Hebel von Führung. Nicht sichtbar im Organigramm, aber spürbar im Raum.
Die ökonomische Dimension der Präsenz
Das klingt für manche noch immer nach einem „Soft Skill“. Ist es nicht. Es ist Betriebswirtschaft.
Menschen in echter Selbstwirksamkeit
entscheiden schneller, weil sie ihrer Wahrnehmung vertrauen,
delegieren klarer, weil sie keinen Kontrollzwang aus Unsicherheit brauchen,
reduzieren Reibungsverluste in Kommunikation und Abstimmung massiv.
Organisationen verlieren täglich enorme Summen – nicht durch fehlende Kompetenz, sondern durch innere Abwesenheit. Wenn Führungskräfte nur noch im Survival-Modus agieren, überträgt sich dieser Zustand wie ein Virus auf die gesamte Struktur. Stillstand tarnt sich dann gern als Professionalität.
Der Raum des Selbst ist damit kein Wellness-Thema für Randzeiten. Er ist ein zentraler Produktivitätsfaktor.
Drei Führungsimpulse aus dem Raum des Selbst
Prüfen Sie Ihr Feld
Fragen Sie sich weniger, ob Sie motiviert genug sind. Fragen Sie sich, in welchem Feld Sie sich täglich bewegen. Energie entsteht nicht aus Willenskraft, sondern aus Passung. Wenn Ihr Arbeitsumfeld nur aus gedämpftem Licht und künstlicher Luft besteht, schaffen Sie bewusste Gegenräume.Body first – verkörpern Sie Führung
Leadership ist kein rein kognitiver Prozess. Finden Sie eine körperliche Praxis, die Sie strukturell stabilisiert – nicht nur auspowert. Wer seine Mitte physisch spürt, trifft mutigere und klarere Entscheidungen. Präsenz beginnt in der Wirbelsäule, nicht im Kalender.Machen Sie Wirkung erlaubnisfähig
Erlauben Sie sich, wieder wirksam zu sein – und damit auch Ihrem Team. Inspiration darf irritieren. Wer selbst in Resonanz ist, setzt Bewegungen in Gang. Systeme folgen Energie, nicht Anweisungen.
Punkt.
Wer sich selbst bewegt, bewegt am Ende weit mehr als sich selbst.
Die wirklich großen Veränderungen in Organisationen beginnen nicht mit neuen Programmen oder Tools. Sie beginnen im Raum des Selbst.
Und das ist kein Zufall.
Real Connection. Real Growth. Real Impact.
Weiterdenken & mitreden
Wer die Themen dieser Kolumne vertiefen möchte, ist herzlich eingeladen zum MTLY TEAM-TALK von Edlinger & Partner Consulting – ein Raum für ehrliche Gespräche, mutige Fragen und gemeinsames Wachsen.
Nächster Termin: Mi., 11. März, 18:00 Uhr 👉 edlinger-partner.com/epc-mtly-team-talk

Steckbrief
Monika Edlinger, MBA
- Expertin für Teamentwicklung, Projektmanagement & Organisationsentwicklung
- Systemische Unternehmensberaterin und zertifizierte Business-Coach
- Ihre Arbeit wurde international durch EFMA und Accenture mit dem Distribution & Marketing Innovation Award – in der Kategorie Workforce Experience – ausgezeichnet
Systemische Unternehmensberaterin, Coach, Gruppendynamikerin und Dozentin. Als Geschäftsführerin von Edlinger & Partner Consulting begleitet sie Führungsteams, Projektteams und Teams in Transformation, Wachstum und Krise. Sie verbindet strategische Klarheit mit menschlicher Tiefe – und macht Teams zu dem, was sie wirklich stark macht: ihrer eigenen Identität.
Aufgewachsen in den Bergen, in einem lebendigen Familienclan, hat sie früh gelernt, wie Gemeinschaft trägt – und wie sie gleichzeitig herausfordert. Ihr Weg: Real Connection. Real Growth. Real Impact.
Inspired by
Albert Bandura: Das Konzept der Selbstwirksamkeit (Self-Efficacy) als Basis für menschliches Handeln und Überzeugung.
Hartmut Rosa: Die Theorie der Resonanz als Gegenentwurf zur Entfremdung in modernen Beschleunigungsgesellschaften.
LINC Personality Profiler (LPP): Für die Analyse der Kernmotive (Gestaltung, Verantwortung, Wirksamkeit) und deren Einfluss auf den „Raum des Selbst“.
Systemische Organisationsentwicklung: Der Fokus auf Zustände und Haltungen statt auf rein hierarchische Titel.
