
Neues Logo, neue Geschäftsfelder, neue Standortdiskussionen: Weil die Rohstoffe immer öfter der Dürre zum Opfer fallen, zwingt Agrana-Chef Stephan Büttner Österreichs zweitgrößten Lebensmittelproduzenten dazu, sich neu zu erfinden.
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Normalerweise ist um diese Jahreszeit die Fahrzeugschlange vor der Zuckerfabrik in Tulln kaum zu übersehen. Heuer fallen eher die Lücken in den Traktorreihen auf. Bei der Rübenernte fehlen dürrebedingt 30 bis 40 Prozent der Menge, da braucht die „Kampagne“-Abteilung – Kampagne heißt die Erntephase – nicht lange zu überlegen, welcher Landwirt wann und wo zuerst abladen darf.
In allen anderen Abteilungen hingegen rauchen die Köpfe. Denn auch bei Rohstoffen wie Kartoffeln und Äpfeln sieht die Lage nicht viel besser aus. Schneller als gedacht zeigt sich, dass die 3,24 Milliarden Euro Umsatz schwere Agrana – nach Red Bull zweitgrößter österreichischer Lebensmittelproduzent – einen grundsätzlichen Strategiewechsel schaffen muss: weg von der Abhängigkeit von zunehmend unsicheren Ernten, hin zu höherwertigen Rezepten und Lösungen für die Lebensmittelindustrie. Das jedenfalls fordert CEO Stephan Büttner: „Schlechter könnten die Rahmenbedingungen nicht sein. Extreme Energiepreise, extremer Aufwand für Rohstoffe – das verursacht steigende Kosten und ist nicht gerade förderlich für die Auslastung unserer Anlagen.“ Und das, obwohl der börsennotierte Konzern seine Prognose für das Geschäftsjahr eben erst leicht anheben konnte: „Die Zwischenergebnisse weisen ergebnismäßig in die richtige Richtung. Leider noch nicht auf dem Niveau, das wir für unser Unternehmen erwarten.“
Agrana-Chef Stephan Büttner: „Die Zwischenergebnisse weisen ergebnismäßig in die richtige Richtung. Leider noch nicht auf dem Niveau, das wir für unser Unternehmen erwarten.“
Österreich erstmals auf Zuckerimporte angewiesen
Tatsächlich zeigt die Entwicklung, wie dringlich Büttners Appelle sind. Schon im Vorjahr sackte die verarbeitete Zuckerrübenmenge konzernweit auf 4,3 Millionen Tonnen ab, nach 6,5 Millionen im Jahr zuvor (siehe Grafik). Heuer wird es noch weniger, speziell in Österreich, wo das eine verbliebene Werk in Tulln gerade einmal 200.000 Tonnen raffinieren wird. Österreich kann seinen Zuckerbedarf erstmals nicht selbst decken.
Zugleich musste man mit einem dramatischen Preisverfall kämpfen. Der Umsatz der Sparte brach von 839,1 auf 570,6 Millionen Euro ein, das Ebit (Gewinn vor Steuern und Abgaben) lag bei minus 106,5 Millionen Euro. Zwei Werke wurden geschlossen: Leopoldsdorf in Österreich und Hrušovany in Tschechien. Dazu kommt, dass der Pro-Kopf-Konsum von Zucker in Österreich seit Mitte der 1990er-Jahre um rund 30 Prozent gesunken ist (26,8 Kilogramm pro Jahr, EU: 33,2 Kilogramm). Die politisch neu aufflammenden Diskussionen um eine Zuckersteuer sind das Letzte, das man jetzt braucht.
Bei Ernst Karpfinger, als Sprecher der Rübenbauern Eigentümervertreter der genossenschaftlich verankerten Raiffeisen-Tochter, klingt nach Jahren des Kampfes gegen den Niedergang langsam Frustration durch: „Wir werden die Flinte nicht gleich ganz ins Korn werfen, aber dieses Jahr kann man schon abhaken.“
Kröllendorf: Jetzt wackelt der nächste Agrana-Standort
Ähnliche Überlegungen stehen in anderen Sparten erst bevor. Das zweite Standbein der Agrana war lange die Herstellung von Fruchtsaftkonzentraten für die Getränke- und Lebensmittelindustrie. Einer der Hauptbestandteile dabei sind Äpfel, die unter anderem im niederösterreichischen Kröllendorf verarbeitet werden. Für heuer rechnet man mit Ernteeinbrüchen von bis zu einem Drittel. Dazu kommt schon die zweite – frostbedingte – Missernte in Folge im benachbarten Ungarn.
Jetzt tauchen rund um die Rohstoff verfügbarkeit auch in diesem Segment Standortdiskussionen auf. Büttner: „Der Standort Kröllendorf ist und bleibt für uns sehr wichtig. Aber ist dort etwa für die Konzentratherstellung langfristig die Rohstoffverfügbarkeit gegeben? Dabei sind auch die Kosten wichtig, die müssen wir im Blick behalten. Es kann zu Verlagerungen kommen – aber das ist noch keine beschlossene Sache.“
Wenig Trost ist dabei, dass der Mix aus hohen Strom- und Gaspreisen, steigenden Lohnkosten und neuen gesetzlichen Vorgaben alle österreichischen Produzenten grundsätzlich in eine prekäre Lage bringt, so Günter Thumser, Sprecher des österreichischen Markenartikelverbands: „Der Druck ist unglaublich, nicht nur bei Zucker oder Obst, auch bei Molkereien oder Fleischverarbeitung. Und wenn die EU jetzt auch noch territoriale Lieferbeschränkungen so verbietet wie geplant, dann ist überhaupt alles aus.“ An sich wertvolle lokale Lieferbeziehungen hätten dann stets den Anschein der Illegalität.
Stärke: Neue EU-Verordnung als Gefahr für Biosprit
Auch beim bislang dritten Geschäftsfeld, der Stärkeproduktion, tut sich Agrana nicht wirklich leicht. Der Dürresommer hat auch hier die Basisrohstoffe, Mais und Kartoffeln, schwer beeinträchtigt. Die Preissteigerungen freuen die Landwirte, erhöhen aber den Margendruck für die Verarbeiter. Schon im Geschäftsjahr 2025/26 sank das Ebit des Stärkesegments auf 23,5 Millionen Euro.
Nicht zuletzt spielen auch da EU-Regularien eine Rolle. Just bei der früheren Zukunftshoffnung der Stärkeproduktion als Ausgangsstofffür Bioethanol drohen Einschränkungen. Bislang konnte Agrana davon ausgehen, dass die EU die gesetzlichen Beimischquoten erhöhen würde, um die CO2-Emmissionen im Verkehr zu senken. Das wird nun freilich durch eine neue Verordnung (EEG-V) konterkariert. Biofuels werden eher aus dem Markt gedrängt, fürchtet die Branche, da Elektroautos stark bevorzugt würden. Ihr CO2Einsparungspotenzial dürfte nämlich gleich mit der vierfachen Menge auf eine Minderung angerechnet werden. Kein Wunder also, dass auch in diesem Geschäftsfeld eine Umorganisation angekündigt wird.
Radikale Veränderung: „Agrana Next Level"
Es wird nicht die letzte sein. Stück für Stück versucht Büttner, die Organisation mit dem Reorganisationsprogramm „Agrana Next Level“ umzubauen. Den Sanktus seiner Eigentümer – neben dem Raiff eisensektor zur Hälfte auch die bayerische Südzucker – hat er dafür. Rübenlobbyist Karpfinger: „Das Unternehmen hat schon viele Millionen Euro bei Zucker versenkt. Man muss Kosten rausnehmen, sich nach der Decke strecken und sich die Kraft aus anderen Unternehmensbereichen holen.“
Die alte Dreiteilung in Zucker, Stärke und Frucht hat Büttner schon gekippt. Seit einem Jahr stehen zwei große Welten nebeneinander: Agricultural Commodities & Specialities auf der einen Seite und Food & Beverage Solutions auf der anderen. Die erste soll Rohstoffe effizient einkaufen, verarbeiten und möglichst kostengünstig produzieren. Die zweite soll genau dort wachsen, wo die Agrana weniger vom nächsten Erntejahr abhängig ist: bei Rezepturen, Aromen, Getränkelösungen und kundenspezifischen Produkten.
Was zunächst nur nach einer sprachlichen Operation klingt, beinhaltet eine ziemlich radikale Veränderung des Geschäftsmodells. Denn Agrana will nicht mehr nur verkaufen, was aus dem Acker kommt, sondern das, was sie daraus für ihre Kunden weiterentwickeln kann.
Die Preise dafür sind stärker über Know-how, Kundenbeziehung und Produktentwicklung differenzierbar als jene für weltmarktbestimmte Commodities wie Zucker, Stärke oder Apfelsaftkonzentrat. Und Büttner will den Unterschied auch beim Kapitaleinsatz sichtbar machen: „Die Strategie wird sich auch in der Finanzierung abbilden. Wir werden Kapital vor allem dort einsetzen, wo wir einen höheren Return generieren.“
Austria Juice, der moderne Zweig der Agrana für Fruchtzubereitungen wird aufgespalten: Der zukunftsträchtige Bereich der Aromen landet bei Neuerwerbung Esarom.
Esarom schluckt Austria Juice-Teile
Das sieht dann so aus: Im vergangenen Jahr übernahm Agrana etwa die restlichen 49,99 Prozent an Austria Juice (330 Millionen Euro Umsatz, 1.000 Mitarbeiter, 13 Produktionsstandorte) für 54,7 Millionen Euro. Im Frühjahr 2026 folgte der slowenische Hersteller für Sirupe und Dessert-Toppings MercatorEmba um rund 41 Millionen Euro.
Nun folgt der Kauf des niederösterreichischen Aromenherstellers Esarom (112 Millionen Euro Umsatz, knapp 400 Mitarbeiter, 150 Millionen Euro Unternehmenswert, vorbehaltlich kartellrechtlicher Freigabe). Büttner: „Die Zukäufe haben wir mit den 500 Millionen Euro finanziert, die wir seit 2023 an Free Cashflow generiert hatten. Es war auch notwendig, denn wir können nicht nur restrukturieren, wir müssen auch investieren und wachsen.“
Just die Aromenherstellung könnte der neue zentrale Anker werden und Esarom der Träger eines neuen, milliardenschweren Unternehmensteils, in den auch die diesbezüglichen abgespaltenen Aktivitäten der Tochter Austria Juice eingegliedert werden. Ein Erdbeerjoghurt ist schließlich nicht deshalb ein gutes Geschäft, weil die Erdbeere billig ist, sondern weil der Hersteller eine Rezeptur entwickelt, die schmeckt, die Zahlungsbereitschaft des Kunden nicht überfordert und sich möglichst schwer nachmachen lässt.
Büttner: „Wir müssen vor allem die marktseitigen Synergien lukrieren. Wir werden etwa das Aromengeschäft global ausbauen, in Kombination mit unseren Standorten für Fruchtzubereitung. Dafür werden wir das Aromengeschäft von Austria Juice bei der Esarom bündeln, was dort schnell eine Umsatzverdopplung bringen könnte.“
Dazu wird der Außenauftritt gestärkt. Unter dem Slogan „One Agrana“ will man künftig stärker nach einem einzigen Unternehmen aussehen und nicht mehr nach drei historisch einzeln bewirtschafteten Teilkonzernen. Auf der Website sieht man denn auch seit einigen Tagen weniger Acker, weniger Fabrik, weniger Zuckerwürfel – und dafür mehr Menschen mit bunten Getränken, Joghurt, Eiscreme und anderen fertigen Produkten.
Das ist mehr als Kosmetik. Büttner: „Mit unserer ,One Agrana‘-Strategie werden wir Subbrands wie Agrana Stärke oder Agrana Frucht nicht mehr brauchen. Das ergibt ein einheitliches Branding bei den Kunden und wir können noch mehr zusammenwachsen, statt in einzelnen Silos zu sitzen.“
Agrana-Logo: Auffrischung in Vorbereitung
Und womöglich bekommt sogar das altehrwürdige Logo eine Auffrischung: „Für die digitale Welt ist der alte Schriftzug nicht ausreichend. Auch wenn das jetzt nicht die erste Priorität ist.“ Aber wohl gleich die zweite oder dritte, nachdem man die Standortfragen geklärt hat und die Frage, womit Agrana in zehn Jahren ihr Geld verdient.
Die neue Strategie sieht jedenfalls ein durchaus ambitioniertes Ziel vor: Durch Prozessoptimierung, eine schlankere Verwaltung und geringere Fixkosten sollen bis 2027/28 jährlich 80 bis 100 Millionen Euro eingespart werden, danach bis zu 130 Millionen. Rund zehn Prozent davon wurden bereits realisiert.
Dabei helfen auch Verkäufe von Betriebsvermögen (etwa bei der aufgelassenen Zuckerfabrik in Leopldsdorf). Oder ein erfreulicher Nebeneffekt der Missernten: der Abbau der EU-weiten Zuckerlager von drei auf 1,5 Millionen Tonnen, die aus vergangenen Überschüssen gebildet wurden und schon lange auf den Marktpreis drückten.
Eines freilich kann auch die neue Agrana nicht ändern: Die Wurzeln ihrer Wertschöpfung liegen immer noch im Acker. Auch wenn das Geschäft darüber ein anderes werden soll.