
Um den Fachkräftemangel in den Griff zu kriegen, erwartet sich die Industrie von der Politik die gezielte Anwerbung zusätzlicher Migranten und ein Bekenntnis zu Österreich als Einwanderungsland.
Innerhalb der nächsten zehn Jahren braucht Österreich 500.000 ausländische Fachkräfte. Das sagte Georg Knill, der Präsident der Industriellenvereinigung (IV), in einem trend-Gespräch beim Europäischen Forum Alpbach. Er fordert die Regierung dringend auf, die angekündigte Fachkräftestrategie zu beschließen. Gleichzeitig erarbeitete die IV eigene Analysen und kooperiert dabei mit den UN-Organisation für Migration (IOM).
„Illegale Einwanderung muss unterbunden werden“, betont Knill, „aber populistischen Aussagen – Stichwort Festung Österreich – haben das komplett falsche Signal gesetzt, dass wir niemanden brauchen oder wollen. Das Gegenteil ist der Fall, wir stehen im harten Wettbewerb um Talente mit anderen Ländern."
Gesteuerte Migration
Um die Skepsis in der Bevölkerung gegenüber Migranten zu entkräften, empfiehlt Marian Benbow Pfisterer, bis vor wenigen Tagen IOM-Missionschefin in Wien, eine klare, faktenbasierte politische Kommunikation. „Österreich hat in der Vergangenheit über gesteuerte Migrationsmöglichkeiten sehr viele GastarbeiterInnen aufgenommen, die zum Wohlstand des Landes beigetragen haben. Die Bevölkerung überschätzt total die Zahl irregulärer Migrant:innen im Vergleich zu denjenigen, die geordnet und auch gewollt hier angekommen sind.“
Mit Blick auf legale Flüchtlinge bezeichnet Benbow Pfisterer den Schutzgedanken als wichtige zivilisatorische Errungenschaft. Aber auch dieser könne „Teil einer Fachkräftestrategie sein, weil unter den Menschen, die hier Schutz genießen, sicherlich viele sind, die einen guten Beitrag leisten können, weil sie Qualifikationen mitbringen oder erwerben.“ Das müsse man der einheimischen Bevölkerung vermitteln, um die Akzeptanz zu erhöhen.
IV-Chef Knill plädiert für einen Schulterschluss von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft, „um den Standort für ausländische Arbeitskräfte attraktiver zu machen,“ Besonderes Augenmerk müsse man auf die Leute legen, die schon hier sind. „Die sollten wir bestmöglich an dieses Land binden, ihnen Perspektiven geben, um sie nicht zu vertreiben. Das wäre ein Quick Win. Es ist ja traurig, wie viele Menschen dieses Land wieder verlassen, weil sie woanders bessere Angebote erwarten.“
Migrationsrechtliche Bestimmungen nennt Benbow Pfisterer als einen Faktor, warum das oft innerhalb der ersten sechs Jahre der Fall ist. „Je einfacher es am Anfang ist, in einem Land Fuß zu fassen, desto mehr fühlt man sich sofort verbunden. Eine gute Begleitung nicht nur im Zuwanderungsverfahren, sondern auch in Bezug auf Leben und Arbeiten ist zentral: Wie schnell kriege ich eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis, wie schnell verfestigt sich eine dauerhafte Perspektive für mich und meine Familie.“
Staatsbürgerschaft nur für Fußballer
Österreich hat weltweit auch eine der striktesten Staatsangehörigkeits-Gesetzgebungen. „Eine doppelte Staatsbürgerschaft ist nur in Ausnahmefällen möglich, andere europäische Rechtsordnungen lassen sie sehr wohl zu. Die Frage ist, ob sich Österreich da im Rennen um die besten Köpfe einen Gefallen tut“, erklärt Marian Benbow Pfisterer. Und Knill ergänzt: „Wenn Sie gut Fußball spielen, haben Sie sofort die Staatsbürgerschaft, aber als Fachkraft kriegen keine.“
Dazu kommen extrem bürokratische Anerkennungsverfahren für ausländische Qualifikationen, selbst innerhalb der EU und erst recht bei Ausbildungsabschlüssen aus Drittländern.
Ähnliche Hürden sieht Georg Knill bei Studierenden an den Universitäten. „Wir haben knapp 100.000 junge Leute aus Drittländern, die hier fast kostenlos eine Ausbildung genießen. Und dann gehen sie zurück oder ziehen weiter. Das wäre ein Riesenpotenzial, wenn wir sie rechtzeitig integrieren und Rahmenbedingungen schaffen, um sie im Land zu halten. Oft ist es so, dass jemand hier studieren darf, aber dann keine Rot-Weiß-Rot-Karte bekommt. Da könnte man mit Steuergeldern sinnvoller umgehen." Nachsatz: „Und es gibt auch großen Bedarf an Menschen mit mittlerer Qualifizierung, das heißt mit einem Lehrabschluss.“
Versäumnisse der öffentlichen Hand
Positiv hervorgehoben wird, dass Arbeitgeber seit 2022 in Österreich auch für Ehepartner und Kinder eine Rot-Weiß-Rot-Karte beantragen können. Das Problem: Außerhalb großer Städte gibt es wenig Angebot für ausländische Familien. Der IV-Präsident weist darauf hin, dass Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen Paketangebote offerieren: „Firmenübergreifende Plattformen, Welcome Center, Hilfe in Bezug auf Wohnung, Arzt- und Schulbesuch oder bei Behördenthemen. Vielfach sind das privat finanzierte Kooperationen, weil die öffentliche Hand noch nicht so weit ist und die Infrastruktur fehlt. Im Rahmen der Fachkräftestrategie gehört das viel besser koordiniert – und bringt auch Wettbewerbsvorteile für die Regionen.“
Weitere Forderungen der IV-Initiative sind neben einer klaren Kommunikation der Politik gegenüber der heimischen Bevölkerung etwa auch die laufende Aktualisierung der Rot-Weiß-Rot-Card und ein Skills-Monitoring, das die benötigten Qualifikationen mit Blick auf die nächsten zehn oder 20 Jahre systematisch erfasst.
Marian Benbow Pfisterer betont: „Bei der Zuwanderung geht es auch um Innovations-, Hochschul- Bildungs-, Gesundheits-, Sozial- und Integrationspolitik. Ein gesamtstaatlicher und gesamtgesellschaftlicher Ansatz, in dem alle Strategien gut aufeinander abgestimmt sind, entscheidet über Erfolg oder Misserfolg.“
Und Georg Knill wünscht sich „ein klares politisches Bekenntnis zu Österreich als Einwanderungsland – das es immer war.“