E-Wirtschaft: Weniger PV, spätere Ziele, mehr Kosten für Haushalte

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Michael Strugl, Barbara Schmidt, Präsident und Geschäftsführerin von Österreichs Energie.

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Wie der Branchenverband Österreichs Energie still und heimlich an Eckpfeilern aus fünf Jahren grüner Strompolitik rüttelt und selbst Energiegemeinschaften ins Visier nimmt.

Nur eineinhalb Jahre nach seiner letzten Stromstrategie – damals noch vom Grün-Optimismus der zuständigen Klimaministerin Leonore Gewessler geprägt – hat der Branchenverband Österreichs Energie seine Berechnungen nachjustiert. Selbstredend für einen Lobbyverband von Kraftwerksbetreibern will man am Ziel festhalten, Österreichs Wirtschaft zu elektrisieren, ein „No-Brainer“, nennt es Verbandspräsident und Chef von Stromriese Verbund Michael Strugl, auch unter dem Eindruck von aktuellen kriegsbedingten Preissteigerungen in der fossilen Parallelwelt.

Und doch: In der eben präsentierten Neuauflage „Das Zielbild der E-Wirtschaft“ (Studie von Compass Lexecon) geht man nun daran, einige der heiligen Kühe zu schlachten, die etwa auch die Grünen damals noch mit Vehemenz in ihren Gesetzen verankert hatten. Die Transformation geht doch nicht so schnell und radikal, wie gedacht.   

So kritisiert etwa Geschäftsführerin Barbara Schmidt grundsätzlich den Rechentrick des jahrelang politisch postulierten Ziels, durchschnittlich (!) oder „bilanziell“ sollen 100 Prozent des Stromverbrauchs in Österreich bis 2030 aus erneuerbaren Kraftwerken kommen. Es verdeckt die Versorgungsprobleme mit Grünstrom, für die Durchschnittswerte übers Jahr irrelevant sind. Für die E-Wirtschaft ausschlaggebend sind vielmehr – erstmals so genau berechnet – jene 77 Prozent des Jahres, wo Wind, Wasser und Sonne phasenweise nicht einmal die Hälfte liefern, trotz aller Ausbaurekorde bei Kraftwerken.

PV-Ziel halbiert

Zusätzlich will Österreichs Energie die einzelnen Technologien neu gewichten und etwa beim Ausbau der Photovoltaik auf die Bremse treten, man nennt es „geordnet vorantreiben“. Die Technologie liefert allzu oft Stromspitzen, gerade dann, wenn die Nachfrage gering ist. Das aber so heftig, dass die Netzstabilität in Gefahr gerät, etwa zu sonnigen Zeiten. Strugl: „Es kann nicht sein, dass wir das Netz für Pfingstmontage ausbauen“.

Statt 41 Terawattstunden (TWh) Sonnenstrom, wie noch im letzten Netzinfrastrukturplan (ÖNIP) von Gewessler hochskaliert, will die E-Wirtschaft nur mehr 22,9 TWh bis 2040 haben. Bei hohen Systemkosten (Anlagen, Förderungen, Ausgleichsenergie, Netzausbau, zusätzliche Speicher) werden die Preisvorteile schon zwischen fünf und zehn GW installierter Leistung zunichte gemacht (aktuell: 9,8 GW). Studienautor Anton Burger: „PV-Ausbau führt ab einem gewissen Punkt zu zurückgehenden, wenn nicht gar negativem Nutzen für das Stromsystem“.

Bedenken bei Wind, Wasser und Wasserstoff

Angepasst an die Realität werden auch die Ziele zu anderen Technologien, von Wasserkraft (Strugl: „Wir werden die geplanten zusätzlichen fünf Terawattstunden erreichen, aber nicht 2030 wie geplant. Die Verfahren dauern zu lange.“), bis zu Wasserstofftechnologie. Diese wird selbst in den Zieljahren 2030 und 2040 noch lange nicht jene Rolle spielen, die man zum Ausgleich der Erzeugungslücken in Herbst und Winter eigentlich bräuchte. Sorgen macht man sich um den Ausbau bei Windrädern: „Es gibt genug Projekte in der Pipeline, aber bei der Umsetzung spießt es sich“, so Strugl.

Da ist es fast schon ein Glück, dass sich auch die Nachfrage nach Ökostrom bis 2040 keineswegs so rasant entwickeln wird, wie seinerzeit Gewessler noch postuliert hatte – dies wohl auch um öffentliche Fördermittel im Parlament locker zu machen. Statt 130 erwartet die E-Wirtschaft nun nur mehr 110 TWh Stunden im Jahr 2040, das ist zwar deutlich mehr als heute, aber ohne Phantasiezahlen bei der Elektrifizierung von Verkehr und Industrie gerechnet.

Negativ-Preise für PV-Einspeiser

Insgesamt will die E-Wirtschaft vor allem aber auch die Teilhabe der Haushalte an der Energiewende wieder ein gutes Stück weit wirtschaftlichen Realitäten anpassen. Damit konterkariert man einen, wenn nicht gar den zentralen ideologischen Zugang der Grünen unter Gewessler. Ihre gesetzlichen Regelungen waren auch so etwas wie Anti-Konzern-Regelungen zur Demokratisierung des Stromsystems. Das will die E-Wirtschaft wieder ein Stück weit zurückdrehen und wird es dank geänderter politischer Verhältnisse wohl auch können.

So fordert man leistungsorientierte Netztarife, etwas, was gut klingt, aber die Stromanschlüsse jener Ökostromanwender teurer macht, die mit Elektroauto, Wärmepumpen oder PV-Anlage am Dach bislang als Vorreiter der Energiewende nicht „bestraft“ werden sollten. Der Energieregulator formuliert bereits an Verordnungen, die Verbraucher und Einspeiser mit hoher Leistung mit deutlich höheren Grundtarifen konfrontiert.

Dringend ist der Appell, die phasenweise negativen Marktpreise für Strom auch für die hunderttausenden privaten Besitzer von Dachanlagen durchschlagen zu lassen. Das bedeutet das Ende der Einspeisetarife, und wohl das Aus für die individuelle Stromproduktion, die nicht mit Stromspeichern gekoppelt ist. Kaum jemand wäre bereit für eingespeisten Überschussstrom auch noch zahlen zu müssen. Wie weit die Regelungen auch für PV-Anlagen im industriellen Maßstab gelten sollen – also ein Ende der PV-Subventionen grundsätzlich -, lässt Österreichs Energie offen.

Energiegemeinschaften: faire Kostenbeteiligung

Und – das ist definitiv ein Stich ins grüne Herz der Ex-Klimaministerin – Österreichs Energie fordert eine „faire“ Beteiligung so genannter „Energiegemeinschaften“ an den Systemkosten. Das Konstrukt, um den privaten Abtausch von Strom und Verbrauch unter Mitgliedern zu fördern, funktioniert mehr schlecht als recht. Es verursacht einen beachtlichen technischen und bürokratischen Aufwand zur Abrechnung und bringt nur deswegen einen kleinen Kostenvorteil, weil Teile der Netzgebühren erlassen werden. Überdies müssen sich die herkömmlichen Energieversorger gratis um die Ausfallssicherung kümmern, wenn Energiegemeinschaften einmal nicht genug Sonnen- oder Windstrom aufteilen können. Noch vor zwei Jahren hatte Gewessler Energiegemeinschaften als „zentralen Baustein der Energiewende“ bezeichnet – ohne wirkliche Kostenvorteile würden sich das nur mehr echte Nerds antun.

Und letztlich wird der Zeitplan insgesamt in Frage gestellt, die Zieldaten 2030 und 2040 wackeln. Auch wenn das vorläufig nur Experte Burger ausspricht: Wenn es notwendig ist, sollte man den Ausbaupfad „strecken“, wenn die Nachfrage nicht wächst. Und das ist nicht weniger als ein Paradigmenwechsel, die Umkehr der bisherigen Philosophie, wonach durch den Ausbau von Netzen, Kraftwerken und Geschäftsmodellen die Nachfrage angetrieben werden soll.

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