"Freies Team": Pigs ORF-Direktoren von Stiftungsrat bestellt

Subressort
Aktualisiert
Lesezeit
8 min
Clemens Pig und sein 13-köpfiges ORF-Direktorenteam
 © APA/APA/GEORG HOCHMUTH/GEORG HOCHMUTH
©APA/APA/GEORG HOCHMUTH/GEORG HOCHMUTH
  1. home
  2. Aktuell
  3. Nachrichtenfeed
Der designierte ORF-Generaldirektor Clemens Pig kann ab 2027 auf das von ihm vorgeschlagene Direktionsteam setzen. Der ORF-Stiftungsrat hat am Dienstag die von Pig ausgewählten 13 Personen in einer nicht-öffentlichen Sitzung im ORF-Zentrum mit deutlicher Mehrheit bestellt. Der Tiroler schart nun fünf Frauen und acht Männer um sich. Sechs Personen werden in ihren Funktionen wiederbestellt, sieben kommen neu an Bord des Direktoriums. Dabei haben fast alle ORF-Erfahrung.

von

Einzig Moser-Holding-CEO Silvia Lieb, die künftig als Direktorin für Finanzen und Verwaltung zuständig ist, wird 2027 erstmals ORF-Luft schnuppern. Harald Kräuter wurde in seiner Funktion als Technikdirektor bestätigt. ORF-Chefproducer Michael Krön, der heuer bereits als Executive Producer für den Eurovision Song Contest (ESC) in Erscheinung trat, steigt zum Direktor für Programm und Brands auf. ORF-Vorarlberg-Chefredakteurin Angelika Simma-Wallinger wird Direktorin für Audience und Plattformen. In den Landesstudios bleiben Edgar Weinzettl (Wien), Alexander Hofer (NÖ), Klaus Obereder (OÖ), Esther Mitterstieler (Tirol) und Werner Herics (Burgenland) auf ihren Posten. Gerd Schneider (Salzburg), Sigrid Hroch (Steiermark), Martin Weberhofer (Kärnten) und Julia Ortner (Vorarlberg) sorgen für frischen Wind.

Pigs zentrales Direktorenteam versammelte 30 Stimmen von Stiftungsrätinnen und -räten hinter sich. Zwei Räte enthielten sich, zwei - die beiden von der FPÖ entsandten Räte Peter Westenthaler und Christoph Urtz - stimmten gegen das Vierergespann. Die neun Landesdirektorinnen und -direktoren brachten es auf 31 Stimmen bei einer Enthaltung und zwei Gegenstimmen. Über sie wurde - wie auch über die zentralen Direktorinnen und Direktoren - im Paket abgestimmt.

"Der neue Morgen für den ORF hat begonnen", sagte Pig im Anschluss an die Bestellung bei einer Pressekonferenz. Mit dem heutigen Wahlergebnis sei "ein wichtiger Schritt" zur "weiteren Emanzipierung des ORF von politischer Einflussnahme" erfolgt. Es handle sich um ein "freies Team der besten Köpfe", so der künftige ORF-Generaldirektor.

Für das Auswahlverfahren hatte Pig externe Berater hinzugezogen, um ein transparentes, objektives, nachvollziehbares und nicht-diskriminierendes Auswahlverfahren sicherzustellen und damit den gesetzlichen Vorgaben wie dem neuen Europäischen Medienfreiheitsgesetz (EMFA) zu entsprechen. Dieses sei ein "wichtiges Schwert für die Unabhängigkeit des ORF", so Pig. Es seien nun die Personen mit den "besten Konzepten, besten Erfahrungswerten und besten Zukunftsplänen" zum Zug gekommen.

Das Anhörungsrecht der Landeshauptleute vor der Bestellung von ORF-Landesdirektoren wurde mittlerweile abgeschafft. "Gut so", sagte Pig dazu und beteuerte, "gesamthaft darauf verzichtet" zu haben. "Dieser rechtskonforme Prozess hat uns alle geschützt und immunisiert."

Das von Pig angepeilte "strikt" ausgewogene Geschlechterverhältnis wird bei in Summe fünf Frauen und acht Männern auf Direktionsebene abseits vom Generaldirektor selbst hingegen klar verfehlt. Danach gefragt, sagte der designierte ORF-Chef, dass das Ziel auf Ebene der zentralen Direktionsposten erreicht worden sei. Bei den Landesdirektionen zähle er auch die Chefredaktionen hinzu. Dort wolle er "hineinschauen, damit die Richtung stimmt". Denn unter ihm sollen Frauen bei gleicher Qualifikation auch gleichermaßen zum Zug kommen.

Dass fast alle Personen in Pigs Team ORF-Erfahrung haben und nur er selbst und die künftige Finanzdirektorin Lieb von außerhalb des öffentlich-rechtlichen Medienhauses kommen, sieht er als "sehr gute Mischung", um herausfordernde Themen in Angriff zu nehmen. Besonders beschäftigen ihn die Themen Vertrauen, Finanzierung, Plattformen und Verjüngung.

Mit Blick auf die Finanzen erwartet den ORF heftiger Sparbedarf, hat doch die Bundesregierung die Kompensation für den Entfall des Vorsteuerabzugs in Höhe von jährlich 93 Mio. Euro ab 2027 gestrichen. Dies sei "verdammt kurzfristig" durch den Gesetzgeber erfolgt, so Pig. Es gebe mehrere Instrumente, um dieses Thema zu adressieren, wollte er sich nicht festlegen, ob er rechtlich dagegen vorzugehen gedenkt. Er wolle auch nicht Maßnahmen oder Zahlen um sich werfen, wie dieser Betrag eingespart werden könnte. "Dafür ist die Sache viel zu ernsthaft." Im ZIB2-Interview schloss Pig auch betriebsbedingte Kündigungen nicht aus: "Ich kann das zum aktuellen Zeitpunkt nicht ausschließen", meinte Pig auf eine entsprechende Frage.

Auch die künftige Finanzdirektorin Lieb wollte sich ohne detaillierte Analyse und Einsicht in alle Unterlagen nicht festlegen. Sie betonte aber, sich raschestmöglich in die komplexen Strukturen des ORF einarbeiten zu wollen. Erfahrung in Transformationsprozessen habe sie jedenfalls, zeigte sich Lieb frohen Mutes, den ORF auch in schwierigen Zeiten stabil halten zu können.

Apropos Auftrag: Der künftige Programmdirektor Krön will mit dem ORF "ganz Österreich lachen machen, diskutieren lassen, gescheiter machen". Er will, dass man wieder unterschiedlicher Meinung sein kann, "ohne gleich mit Schmutz überschüttet zu werden" und allen im Land etwas bieten, damit sie sich gehört und gesehen fühlen. Dazu müsse man zuerst einmal den Österreicherinnen und Österreichern zuhören. Damit die ORF-Produkte "noch besser" zum Publikum finden, steht Audience- und Plattform-Direktorin Simma-Wallinger gerade. Als bloßes "Quotenschielen" will sie das nicht verstanden wissen. In enger Abstimmung mit Krön wolle sie dafür Sorge tragen, dass der ORF auch in Zukunft relevant bleibe und seine wichtige Aufgabe für die Demokratie erfüllen könne.

Technikdirektor Kräuter will dafür sorgen, dass durch maximale Effizienz im Technikbereich jeder Euro ins Programm fließen könne. Im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) wolle er den ORF vorantreiben - aber sehr sorgsam und gut ausgeschildert.

Der von der FPÖ entsandte Stiftungsrat Peter Westenthaler stieß sich daran, dass Pig ein "konzeptionelles, systematisches Versteckspiel" betreibe, da er den Stiftungsräten nicht die Bewerbungsunterlagen zur Verfügung stellte. So könne man sich kein gutes Bild von Pigs Entscheidung machen.

ORF-Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer hatte bereits im Juli mit Verweis auf eine einstige Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts darauf hingewiesen, dass Ausschreibung, Auswahl der bestgeeigneten Kandidatinnen und Kandidaten sowie der Vorschlag zur Bestellung dem Generaldirektor obliege - nicht dem Stiftungsrat. Die Verpflichtung zur gewissenhaften Prüfung aller Bewerbungen könne nicht auf die Stiftungsräte übertragen werden.

Der von der FPÖ entsandte Stiftungsrat Christoph Urtz meinte, dass diese Gerichtsentscheidung veraltet sei, weil damals das Europäische Medienfreiheitsgesetz (EMFA) noch nicht anwendbar war. Das Gesetz sehe Transparenz vor. Pig müsse daher Konzepte vorlegen, um den Stiftungsräten eine fundierte Entscheidung zu ermöglichen. "Der Generaldirektor läuft Gefahr, dass ihm die Bestellung um die Ohren fliegt", so Urtz. Westenthaler kündigte sogleich an, die Wahl anfechten zu wollen.

Lederer sah dem gelassen entgegen. Die Medienbehörde KommAustria werde den Prozess genau prüfen und feststellen, dass alles in Ordnung gewesen sei, meinte er.

Über die Autoren

Logo
trend. Newsletter

Die wichtigsten Wirtschaftsthemen des Tages