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Die EZB hatte angesichts der gesunkenen Inflationsgefahr den Leitzins von Mitte 2024 bis Mitte 2025 in mehreren Schritten von vier auf zwei Prozent halbiert und seither stillgehalten. Daran dürfte sich aus Sicht von Experten trotz des Euro-Höhenflugs vorerst nichts ändern.
"Der Euro löst jedenfalls keine hektische Betriebsamkeit auf den Fluren des EZB-Towers aus", meint VP Bank-Chefökonom Thomas Gitzel. Lagarde habe sich mit Blick auf dieses Thema entspannt gezeigt. Die Notenbank erwartet bereits, dass dieses und das folgende Jahr das EZB-Inflationsziel unterboten wird. Dabei unterstellt sie einen Euro-Wechselkurs von 1,16 Dollar.
Zuletzt lag er bei 1,18 Dollar, doch Ende Jänner hatte die europäische Gemeinschaftswährung einen kurzen Ausflug über die Marke von 1,20 Dollar gemacht und damit die Alarmglocken am EZB-Sitz in Frankfurt schrillen lassen: Österreichs Ratsmitglied, OenB-Chef Martin Kocher, dachte gar laut über die Möglichkeit einer künftigen Zinssenkung nach, falls die Gemeinschaftswährung weiter Auftrieb erhalten sollte.
Lagarde wies darauf hin, dass der Dollar schon seit vergangenem März an Wert verloren habe. Seit dem Sommer schwanke er innerhalb einer bestimmten Bandbreite. Man schaue genau hin, welche Auswirkungen diese Entwicklung habe. "Ein stärkerer Euro könnte die Inflation stärker senken als derzeit erwartet", sagte die Französin. Dadurch könnten Importe billiger werden.
Zugleich macht der starke Euro den Exporteuren das Leben schwer, da ihre Waren im Dollar-Raum teurer werden: "In einem Jahr unter Trump hat der Dollar deutlich an Wert verloren und der Euro um 15 Prozent aufgewertet", sagte der Außenwirtschaftschef der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK), Volker Treier. "Das trifft gerade die deutsche exportorientierte Wirtschaft zusätzlich zu den Zöllen und der geopolitischen Unsicherheit massiv."
Dass die Inflationsrate jüngst mit 1,7 Prozent unter das Ziel der Notenbank gefallen ist, bereitet der EZB allerdings keine Sorgen. "Ich würde durchaus argumentieren, dass wir uns in einer guten Lage befinden und die Inflation auf einem guten Niveau ist", sagte Lagarde. Die EZB steuere das mittelfristige Ziel einer Inflationsrate von 2,0 Prozent an, das voraussichtlich 2028 erreicht werde. Die EZB richte sich nicht an einzelnen Datenpunkten aus.
Laut DIW-Chef Marcel Fratzscher könnte die anhaltende wirtschaftliche Schwäche im Euroraum - besonders in Deutschland - in diesem Jahr allerdings zu weiter fallenden Inflationsraten und einem klaren Verfehlen des Inflationsziels führen: "Eine Aufwertung des Euro würde diesen Trend noch verstärken und vor allem deutschen Exporteuren zusätzlich schaden." Gleichzeitig könnten Strafzölle und steigende Energiepreise infolge geopolitischer Spannungen die Preise wieder deutlich steigen lassen. Die EZB müsse daher sorgfältig zwischen langfristigen strukturellen Problemen und kurzfristigen konjunkturellen Schwankungen unterscheiden. Es zeichne sich ab, dass die strukturellen Schwächen der europäischen Wirtschaft noch länger bestehen blieben: "Ich gehe davon aus, dass der nächste Zinsschritt noch in diesem Jahr eine weitere Senkung des Leitzinses sein wird", meint der Top-Ökonom.