
7 volle Marathons auf 7 Kontinenten in 7 Tagen. Was Dr. Thomas Taut dabei über Leistungsfähigkeit gelernt hat und warum gute Führung manchmal bedeutet, bewusst Tempo herauszunehmen.
Die Kälte der Antarktis steckte mir noch in den Knochen. Dieses funkelnde Weiß, das Knirschen unter den Schuhen, der Atem in der eisigen Luft – der erste Marathon war geschafft, aber längst noch nicht verarbeitet. Nur 13 Stunden später. 40+ Grad heißer. Ausgerechnet zu Mittag im gnadenlosen afrikanischen Hochsommer von Kapstadt. Meine Kohlenhydrate waren verbraucht, die Batterien leer.
Es warteten aber fünf weitere Rennen. Als erster Österreicher absolvierte ich die World Marathon Challenge: 7 volle Marathons auf 7 Kontinenten in 7 Tagen hintereinander. Dabei lernte ich: Wer morgen wieder Leistung bringen will, muss heute etwas dafür übrig lassen.
1. Das Tempo so wählen, dass Reserve bleibt
Nach der Antarktis sprach mein Körper zum ersten Mal zu mir. Kein Aufschrei, keine Verweigerung. Eher die ruhige Stimme eines verlässlichen Partners: „Ja, Thomas, ich verstehe, was du von mir willst. Und ich mache dir das. Aber zu meinen Konditionen: ein wenig langsamer.“ Ich hörte zu, nahm Tempo heraus und ließ andere vorbeiziehen. Mein Atem und meine Schritte fanden wieder zusammen. Es fühlte sich an, als hätte mein Körper einen anderen Gang eingelegt: gleichmäßiger arbeiten, stärker auf die Energie aus den Fettreserven zurückgreifen. Aus dem Vorwärtswollen wurde ein Weiterkönnen. Mein Mitläufer Dave McGillivray, der legendäre Direktor des Boston Marathons, brachte es auf den Punkt: „We don't run for today. We run for tomorrow!“ Ein schneller erster Marathon hätte wenig geholfen, wenn ich dadurch den siebenten nicht mehr geschafft hätte.
Auch im Unternehmen folgt auf ein abgeschlossenes Projekt das nächste. Beginnt es mit erschöpften Menschen und Rückständen, wurde Aufwand in die Zukunft verschoben. Fragen Sie deshalb: Was braucht unser Team für die nächste Aufgabe?
2. Zwischen den Etappen Reserve aufbauen
Bei 7 Marathons in 7 Tagen beginnt die Vorbereitung auf den nächsten Lauf unmittelbar nach dem Zieleinlauf. Essen, Schlafen und Erholen müssen zwischen Transfers und Flügen ihren Platz finden. Regeneration gehört zur Aufgabe, genauso wie die gelaufenen Kilometer.
Im Berufsleben soll Erholung häufig stattfinden, sobald alles erledigt ist. Dieser Zeitpunkt rückt immer weiter nach hinten. Wer außergewöhnlichen Einsatz plant, muss zugleich Entlastung vereinbaren: Welche Aufgaben werden reduziert, welche Termine verschoben, wer übernimmt eine Vertretung? Ein freier Nachmittag hilft wenig, wenn dieselbe Arbeitsmenge anschließend in weniger Zeit erledigt werden muss.
3. Reserve für wechselnde Bedingungen schützen
Ich musste das langsamere Tempo auch dann beibehalten, wenn sich ein Abschnitt leichter anfühlte. Vor mir lagen weitere Marathons unter anderen Bedingungen. Eine superschwüle Winternacht bei 33 Grad in Kolumbien.
Auch Führungskräfte müssen Spielraum schützen. Ein freies Zeitfenster lässt sich schnell mit einem Zusatzauftrag füllen. Der kurzfristige Nutzen ist sichtbar; der Wert der Reserve zeigt sich oft erst später. Sie ermöglicht, auf Ausfälle, dringende Kundenwünsche und neue Chancen zu reagieren. Legen Sie bei der Planung fest, welche Reserve frei bleibt und wer darüber verfügen darf. Fragen Sie bei jeder zusätzlichen Priorität: Was verschieben, vereinfachen oder streichen wir dafür?
Leistung bringt uns weit. Reserve bringt uns ins Ziel.
4. Mit Reserve im Ziel den Erfolg messen
Dann war auch der letzte Marathon geschafft. Miami. Zum ersten Mal wartete hinter der Ziellinie kein weiteres Rennen mehr. Am nächsten Morgen konnte ich liegen bleiben, die Beine ausstrecken und den Atem kommen und gehen lassen. Mein Kopf wusste: Die Aufgabe war erfüllt. Mein Körper hatte offenbar eine Rückfrage: „Wo ist der heutige Marathon?!“ Ich musste lachen. Derselbe Körper, der mich nach der Antarktis um weniger Tempo gebeten hatte, fragte jetzt nach der nächsten Aufgabe. Dieser Moment war mir kostbarer als jede Marathonzeit. Weil ich auf die Bitte am Anfang gehört hatte, war die Frage am Ende möglich geworden.
Für Führung bedeutet das: Zum Projekterfolg gehört die Reserve, die danach verfügbar bleibt. Wer Termine und Budgets einhält, dabei aber sein Team aufbraucht, hinterlässt der nächsten Aufgabe eine Hypothek. Fragen Sie deshalb auch: Wie viel Kraft und Spielraum sind uns geblieben? Verbleibende Reserve ist ein Zeichen dafür, dass Leistung wiederholbar ist.

Steckbrief
Dr. Thomas Taut
ist promovierter Physiker, Keynote-Speaker und seit über 26 Jahren Mentor für Ärztinnen und Ärzte. Als erster Österreicher absolvierte er die World Marathon Challenge: 7 volle Marathons auf 7 Kontinenten in 7 Tagen. Mit dem Reserve-Prinzip™ verbindet er Medizin, Physik und Extremsport.