Wenn der Boss arbeitslos wird

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Wirtschaftsflaute, KI, New Work - durch die multiplen Umbrüche sind aktuell so viele Führungskräfte auf Jobsuche wie noch nie. Wie sich Unternehmen und Betroffene vorbereiten können.

Warteschlangen von Topmanager:innen vor dem AMS? Werden wir nie sehen, und doch gibt es sie: im übertragenen Sinn, versteckt, kaum nachweisbar. Headhunter berichten aktuell von der sprunghaft gestiegenen Anzahl diskreter Anfragen, Personalchef:innen registrieren vermehrt Initiativbewerbungen von Spitzenleuten für Jobs, die unter deren bisherigem Niveau liegen – sowohl bei der Gage als auch beim Renommee.

Was der beinahe gestrauchelte Motorradhersteller KTM zu Jahresbeginn publik machte – eine ganze mittlere Managementebene zu kürzen – passiert auch anderswo, in Kürze vielleicht auch bei den ÖBB. „Aktuell erleben wir eine große Welle an Freisetzungen. Neu dabei ist, dass Unternehmen ganze Abteilungen auflösen“, beobachtet Michaela Buttazzoni von BDO Consulting. Wenn er heute nach Kandidat:innen für einen Topjob fahndet, erzählt Herbert Fritsch-Richter von EO Executives, erhält er bis zu 50 Prozent mehr Bewerbungen als noch vor einem Jahr: „Die Organisationen verschlanken sich und streichen teilweise ganze Levels zusammen.“ Der dramatische Befund: „Das Kräfteverhältnis verschiebt sich zugunsten der Unternehmen, die Gehälter gehen nach unten. Der Markt ist viel kompetitiver geworden.“ Von einer „echten Zäsur“ spricht auch Headhunter-Legende Hans Jorda.

Jobmarkt im Umbruch

In der Arbeitslosenstatistik ist das Phänomen kaum zu fassen, weil es dort keine Ausschilderung von Führungskräften gibt. Man kann allerdings von zuletzt ausgeübten Berufen aufLeitungsfunktionen schließen, sagt AMS-Vorständin Petra Draxl. Demnach waren Ende April 2026 rund 6.700 Personen arbeitslos oder in AMS-Schulung, die davor in Führungspositionen tätig waren – ein Plus von rund acht Prozent gegenüber dem Vorjahr. Das allgemeine Arbeitslosen-Plus betrug dagegen „nur“ 1,5 Prozent.

Die Dunkelziffer arbeitsloser Manager:innen dürfte deutlich größer sein, Stichwort Scham. Viele orientieren sich neu, während sie noch auf der Payroll stehen. Weil die Anzahl der offiziell Betroffenen vergleichsweise gering ist, gibt es auch nur wenige Beratungsangebote der offiziellen Stellen. Hinzu kommt: Die spezielle Klientel kann von herkömmlichen AMS-Vermittlungen oft nicht adäquat betreut werden.

In Sankt Pölten gibt es daher die „Initiative Niederösterreich“, die vom AMS Niederösterreich finanziert wird. 2025 wurden rund 1.200 arbeitslose Führungskräfte und Akademiker:innen betreut, so viele wie noch nie. Geschäftsführerin Roswitha Kikowsky erwartet für heuer noch einmal eine Steigerung.

Die Ursachen für den gewachsenen Druck am Führungskräftemarkt sind vielfältig. Nach vielen Jahren Wirtschaftsflaute stehen viele Unternehmen kostenseitig mit dem Rücken zur Wand, statt nur unten wird auch immer öfter oben gekürzt.

Dazu kommt, dass technologische Umwälzungen auch die Jobanforderungen verändert haben, Stichwort KI, und viele dabei nicht mehr mitkommen. „Das trifft insbesondere bisher sehr verwöhnte Sektoren, etwa IT-Führungspositionen“, sagt Executive-Search-Experte Fritsch-Richter.

Das böse Erwachen kommt oft, wenn man feststellt, dass es die alte Welt teilweise nicht mehr gibt. „Die Relevanz von Erfahrung reduziert sich“, so Fritsch-Richter: „Für viele Kandidaten ist es schwieriger geworden, in der heutigen Zeit noch Fuß zu fassen“. Zwar wird nicht alles Erworbene plötzlich entwertet – ein CFO in Restrukturierungsmission muss weiterhin klassische Bankengespräche führen können, eine Disziplin, in der es auf Instinkt und Erfahrung ankommt. Dennoch sind digitale Fähigkeiten und Know-how im Umgang mit einer neuen Generation von Mitarbeiter:innen, die schlicht anders tickt, das Um und Auf.

Wie man CEOs richtig kündigt

Unternehmen sind gut beraten, sich rechtzeitig mit den menschlichen und den strategischen Folgen oft unvermeidlicher Umstrukturierungen zu beschäftigen. „Idealerweise reagiert ein Unternehmen vor der Kündigungswelle und lässt sich zum Thema Trennungsmanagement beraten“, sagt BDO-Consulting-Expertin Buttazzoni, die zeitgleich rund 60 Personen unter diesem Titel betreut. Sie ist überzeugt: „Das Trennungsmanagement ist für das Employer Branding wichtiger als das Onboarding.“ Wie man Kündigungsgespräche richtig führt, kann man unter Buttazzonis Anleitung ebenso lernen, wie Perspektiven für die Betroffenen zu entwickeln. Oft ist der Wegfall eines hohen Gehalts – bei minimalen Aussichten, jemals wieder die alten Höhen zu erreichen – nur ein Teil der Anpassung an die neue Realität. Deshalb gilt: „Die Erwartungen an die nächste Position sollten realistisch gehalten werden“, so AMS-Vorständin Draxl.

Wenn keine Einladungen mehr eintrudeln und der Terminkalender plötzlich leer ist, geht bei vielen Betroffenen auch ein Teil der Identität verloren. „Besonders Männer mittleren Alters identifizieren sich stark über den Job, über die Macht. Wenn die Position weg ist, fragen sie sich, wer sie sind ohne diese Rolle“, erkennt Kikowsky von der Initiative Niederösterreich.

Statt darauf zu hoffen, dass das Gestern doch noch einmal ein Comeback gibt, gilt es fast immer, sich mit Weiterbildung fürs Morgen zu rüsten. „Future Skills“, nennt Buttazzoni das, dazu gehören für sie zuallererst „Lernfähigkeit, die Bereitschaft, sich laufend anzupassen, Kollaboration und Kooperation, kritisches und analytisches Denken, kreative Problemlösungsfähigkeit sowie digitale Kompetenzen“. Nachsatz: „Je stärker die KI Einzug hält, desto mehr zählt die Persönlichkeit.“ In diesem Sinn hält sie den Arbeitsmarkt auch weiterhin für gut aufnahmefähig. ­

Die gute Nachricht im verborgenen CEO-Drama ist, dass die Chancen unabhängig von Alter, Geschlecht oder Branche genau jenen offen stehen, die diese Future Skills zu entwickeln imstande sind. Wer sich adaptiert, meint Fritsch-Richter, für den werde es „jetzt einfacher, schnell Fuß zu fassen“.

Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 22. Mai 2026 erschienen.

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