MAN Steyr zwischen Verstaatlichung und Schließung

Nachdem die Belegschaft des MAN-Werks in Steyr gegen Pläne von Siegfried Wolf zur Fortführung des Betriebs gestimmt hat gibt es neue Bemühungen, das Werk und die Arbeitsplätze doch noch zu retten.

LKW-Fertigung bei MAN

LKW-Fertigung bei MAN

In der Region Steyr herrscht nach der Urabstimmung der Belegschaft des MAN-Werks am 8. April Aufregung. Die Mitarbeiter des Unternehmens hatten dabei bekanntlich mit klarer Mehrheit (63,9 Prozent) gegen einen Übertritt in die WSA Beteiligungs GmbH von Siegfried Wolf gestimmt. Der Investor erklärte in der Folge, sein Angebot an die Belegschaft nicht nachbessern zu wollen.

Während die einen auf der Seite der Belegschaft stehen - Wolf wollte nur einen Teil davon übernehmen und hatte Gehaltseinbußen für die verbleibenden Mitarbeiter angekündigt - fürchten die anderen, dass dadurch die gesamte Region in Mitleidenschaft gezogen wird. Am MAN-LKW-Werk in Steyr hängen nämlich nicht nur die 2.356 Arbeitsplätze der direkt dort beschäftigten Mitarbeiter, sondern Schätzungen zufolge insgesamt 8.000 in der Region, der bei einer Schließung des Betriebes rund eine Milliarde Euro Wertschöpfung verlorengehen könnte. Auch Arbeitsminister Martin Kocher bezeichnete ein mögliches Aus für den Standort daher als ein "Drama für die Region", weshalb alles getan werden müsse, damit dieser Fall nicht eintrete.

Aufruf zu weiteren Verhandlungen

Die SPÖ-Forderung nach einer staatlichen Beteiligung, etwa über einen ÖBAG-Beteiligungsfonds, erhielt bislang jedoch wenig Zuspruch.

Die Industriellenvereinigung (IV) sprach sich gegen derartige "Verstaatlichungsphantasien" aus und appelliert für eine Rückkehr an den Verhandlungstisch, um den Produktionsstandort zu retten. "Es braucht eine kluge und vor allem auch betriebswirtschaftlich nachhaltige Lösung. Das Werk hat eine übergeordnete wirtschaftliche und soziale Bedeutung für die ganze Region. Wenn weitere Gespräche dazu führen, dass der Standort Steyr weitergeführt werden kann, sollte diese Möglichkeit unbedingt genutzt werden", betonte IV-Präsident Georg Knill.

NEOS-Wirtschaftssprecher Sepp Schellhorn strich in einer Aussendung die Bedeutung einer Senkung der Lohnnebenkosten hervor. "Was gerade bei MAN in Steyr passiert ist beispielhaft für die Strukturschwächen in Österreich und den dringenden Handlungsbedarf. Ohne eine Senkung der Lohnnebenkosten ist unser Standort zunehmend konkurrenzunfähig", argumentiert Schellhorn. Dazu dass nun auch ÖVP-Wirtschaftsbund Generalsekretär Kurt Egger die hohen Kosten für die Arbeitskräfte als Grund für das drohende Aus bezeichnet und eine Senkung der Lohnnebenkosten und eine Entlastung für Unternehmen fordert kommentierte Schellhorn: "Dass hier jetzt der Wirtschaftsbund ausreitet und laut 'Lohnnebenkosten runter' schreit, ist ein schlechter Scherz."

Hoffnung beim Betriebsrat

Arbeiterbetriebsrat Helmut Emler erklärte, dass der Betriebsrat des Werks in Steyr ebenfalls "mit allen gewerkschaftlichen Mitteln" ein Weiterverhandeln mit dem Vorstand in München erreichen wolle, von "Streik" sprach Emler jedoch nicht.

Am Dienstag wird Emler vom bisherigen Vorsitzenden Erich Schwarz, der in Pension geht, in der Betriebsausschusssitzung offiziell dessen Mandat übernehmen. Danach werde er den Vorstand "umgehend ersuchen, Gespräche und Verhandlungen aufzunehmen", um ein Fortführen des aus seiner Sicht profitablen Werks in Steyr mit rund 2.300 Beschäftigten zu erwirken. Ein positives, "kleines Signal", dass in München nicht alle Zeichen auf Aus stehen, entnahm er der Äußerung des Vorstandsvorsitzenden Andreas Tostmann in der "Süddeutschen Zeitung", dass man sich nicht versperre, wenn es "zügig eine Abbiegung" auf dem Weg zur Schließung gebe. Emler rechnet vor allem damit, dass die "VW AG als Eigentümer von MAN der Belegschaftsvertretung das Recht zu Verhandlungen" einräumt.

MAN setzt auf Schließung

Der Vorstand der MAN Truck & Bus hatte das Ergebnis der Urabstimmung "mit Enttäuschung" zur Kenntnis genommen. Das MAN-Management hatte in dem Plan von Siegfried Wolfs WSA eine klaren Zukunftsperspektive für den Standort durch die Fertigung von Fahrzeugen der Marke Steyr sowie externen Aufträgen von MAN und anderen Unternehmen gesehen. Martin Rabe, Personalvorstand und Arbeitsdirektor MAN Truck & Bus: „Wir sind vom Ergebnis wirklich sehr enttäuscht, da wir die angebotene Alternative zur Schließung als einen für alle Beteiligten sehr guten Weg angesehen haben."

MAN wird als Konsequenz die Pläne zur Schließung des Werks in Steyr wieder aufnehmen. Die MAN-Zentrale in München hatte ja die erst 2019 abgegebene Standortgarantie bis 2030 aufgekündigt und als einzige Alternative die Schließung des Werks bis 2023 genannt. Nun müsse der Sozialplan neu verhandelt werden.

Die gemeinsamen Pläne mit der WSA hätten, so Rabe, der großen Mehrheit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sowie den Lehrlingen eine Zukunftsperspektive am Standort geboten. Die hohe Wahlbeteiligung von über 90 Prozent beweise das große Interesse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Rabe: "Leider gab es innerhalb der Belegschaft offensichtlich noch zu wenig Transparenz über das wirklich gute Konzept der WSA Beteiligungs GmbH. Wir bedauern sehr, dass sich die Belegschaft dagegen entschieden hat.“

Grüne Zukunft?

Eine mögliche Zukunftsvision für das Werk scheint sich jedenfalls schon zerschlagen zu haben. Die Pläne eines Konsortiums um den Linzer Unternehmer Karl Egger - der LGG Industriebeteiligungen, aus dem MAN-Werk in Steyr ein Green-Mobility-Center zu entwickeln wurden von der MAN-Führung als "lauwarme Luft" abgetan.

Die Vision von LGG Industriebeteiligungen: Bis 2030 soll Steyr das Zentrum für Green Mobility in Österreich werden. Das Beschäftigungspotenzial wird auf rund 10.000 Vollzeitarbeitsplätze geschätzt. Steyr soll als Standort weiterentwickelt werden und zum österreichischen Innovationsmotor für neue Antriebstechnologien, intelligente Mobilität und Smart Logistics werden.

Der scheidende Betriebsratschef Erich Schwarz hatte sich für den LGG-Plan ausgesprochen. Er hält die Entwicklung zu einem, Green-Mobility-Center für solider als die Variante mit Sigi Wolf, die aufgrund der Russland-Connection Wolfs auch das Risiko wirtschaftlicher Sanktionen birgt. Der Betriebsrat forderte den Vorstand auf, "ernsthafte Verhandlungen" mit dem Konsortium aufzunehmen.

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