
Seit Anfang Juli sitzt Michael Höllerer im Chefsessel der Raiffeisenbank International (RBI). Damit dürften mehr Tempo, Klarheit, Wachstum und Effizienz in die Bank einziehen. Ein Porträt.
Eigentlich hatte Michael Höllerer geplant, zur Fußball-WM nach Nordamerika zu reisen, um dem österreichischen Fußball-Nationalteam vor Ort die Daumen zu drücken. Doch es kam anders für den glühenden Fußballfan, denn am 1. Juli wechselte er von der Spitze von Raiffeisen Niederösterreich-Wien in den Chefsessel des Spitzeninstituts des Raiffeisensektors, der Raiffeisen Bank International (RBI). Und aus diesem Anlass gehört nicht nur viel gefeiert, sondern auch einiges erledigt.
Dabei kam für den 48-Jährigen die Ende letzten Jahres beschlossene Bestellung zum Vorstandsvorsitzenden der RBI alles andere als überraschend. Manche im Raiffeisensektor und dessen Beobachter behaupten gar, der ehrgeizige Niederösterreicher habe schon Jahre akribisch auf diese Topposition hingearbeitet. Das will Höllerer so nicht stehen lassen: „Natürlich ist es nicht einfach passiert, aber akribisch darauf hingearbeitet habe ich nicht. Auf solche Positionen kann man gar nicht akribisch hinarbeiten. Außerdem würde das meinen Job in der RLB NÖ-Wien abwerten. Und das wäre nicht richtig, denn er ist spannend, anspruchsvoll und bietet enorm viel Raum für Gestaltung.“
Im zweiten Anlauf
Dass er immer schon gerne bei der RBI bzw. dem Vorgängerinstitut RZB tätig war, bestreitet der studierte Jurist hingegen nicht. Schon 2017 mit noch nicht einmal 40 Jahren, als die beiden Institute fusioniert wurden, galt Höllerer im Sektor als ein Favorit für einen Vorstandsposten, aber die Oberösterreicher unter deren Chef Heinrich Schaller legten sich noch quer. Schaller soll alles andere als ein Fan von Höllerer gewesen sein. 2020 wurde Strobl RBI-Finanzvorstand unter CEO Johann Strobl.
Höllerer dürfte sich aber von seinem ursprünglichen Wunschtraum RBI-CEO nicht abbringen haben lassen. Doch davor galt es, mit dem komplizierten Verkauf der Raiffeisen Bank Polska und deren Milliarden-Franken-Portfolio noch eine gewaltige Hürde aus dem Weg zu räumen. Beobachter nennen den Job heute „Drecksarbeit“. Uniqa-Chef Andreas Brandstetter dürfte auch den Polen-Verkauf meinen, wenn er sagt: „Michael Höllerer ging bei seinen bisherigen Jobs immer die schwierige Extrameile und hat oft – für andere – die Kastanien aus dem Feuer geholt.“ Freunde Höllerers bezeichnen sein Lehrjahr in Polen im Nachhinein auch als Wendepunkt seiner Karriere. Die damalige Enttäuschung habe ihn reifen lassen und empathischer gemacht, wird erzählt.
Zwischenstation Kabinett
Das für ihn schwierige und letztlich erfolgreiche Jahr in Polen dürfte seinen Ehrgeiz aber auch noch weiter angespornt haben. Diesen legte der gebürtige Böheimkirchner bereits früh in seiner Karriere an den Tag. Auch dem mächtigen Versicherungsmann Günter Geyer von der Wiener Städtischen fiel Höllerer schon vor einigen Jahren auf, als dieser mit 30 Jahren im Kabinett von Finanzminister Josef Pröll werkte: „Ihn haben sein großes Know-how, seine freundliche Art und seine Intelligenz ausgezeichnet“, erinnert sich Geyer, der auch Höllerers soziales Engagement sehr schätzt. Der trend porträtierte Höllerer auch bereits im Jahr 2010 als „Boss von morgen“. Denn im Kabinett schupfte er unter anderem so aufwendige Arbeiten wie die Hypo-Rettung oder die Austrian-Airlines-Übernahme durch die Lufthansa. Die trend-Redaktion sollte recht behalten, denn einige Jahre später, im Jahr 2022, avancierte Höllerer tatsächlich zum Chef der RLB NÖ-Wien und war gleichzeitig auch für die umfangreiche Holding verantwortlich.
Kurz vor dem Wechsel zur RBI blickt Höllerer stolz auf seine letzten vier Jahre bei der RLB zurück: „Gut gelungen ist uns die Wiederbelebung der Stadtbank. Da konnten wir einen echten Kundenzuwachs verzeichnen. Wir haben auch das Beteiligungsmanagement aktiv gestaltet und der Wert des Portfolios hat um 50 Prozent zugelegt. Außerdem haben wir eine moderne und gesunde, positive Unternehmenskultur geschaffen“, sagt er. Nach außen fiel der Banker dadurch auf, dass er mit Bitpanda eine – für viele gewagte – Kooperation einging, das Medienportfolio ausbaute und als Aufsichtsrat für die Krise der deutschen Baywa Kritik einstecken musste. Intern soll er mitgeholfen haben, den Raiffeisensektor wieder stärker zu einen – mit dem neuen RLB-OÖ-Chef Reinhard Schwendtbauer ist er befreundet – und Synergien zu finden. Hier hätte Höllerer gerne noch mehr erreicht: „Noch nicht erledigt haben wir, den Agrarbeteiligungsbereich umzubauen und noch mehr Synergien in der Bankengruppe zu heben“, meint er selbstkritisch.
Auch über das Raiffeisenreich hinaus konnte Höllerer in den letzten Jahren seine Machtbasis ausbauen: So sitzt er im Aufsichtsrat der Staatsholding Öbag und ist Obmann der Bundessparte Banken und Versicherung der WKO. Als solcher kämpfte er gegen den digitalen Euro und zuletzt vergeblich für die Abschaffung der erhöhten Bankenabgabe. Überhaupt wird das Political Animal Höllerer mit dem aktuellen SP-Finanzminister Markus Marterbauer nicht richtig warm: „Finanzminister Marterbauer und mich verbindet ideologisch nicht sehr viel.“ Nachsatz: „Auch wenn wir auf der persönlichen Ebene gut miteinander reden können.“
Kommunikator
Das zeichnet den Vater einer Teenager-Tochter überhaupt aus: Anders als sein Vorgänger Johann Strobl gilt er als äußerst kommunikativ und als guter Netzwerker. Das bestätigt auch Uniqa-Boss Brandstetter: „Er ist ein exzellenter, weil klarer Kommunikator.“ Höllerer spinnt seine Fäden aber nicht nur im gesamten Raiffeisensektor und im Lager der ÖVP, er ist außerdem Rotarier, Mitglied beim Mittelschüler-Kartellverband und fühlt sich auch auf Fußballplätzen, insbesondere bei Rapid Wien, zu Hause. Als einen seiner Vorzüge bezeichnen Leute aus seinem Umfeld, dass man gut mit ihm diskutieren kann. „Eine meiner Stärken ist, dass ich zuhören kann. Ob ich das dann auch mache, was man mir sagt, ist wieder etwas anderes. Ich arbeite gerne mit loyalen, aber kritischen Mitarbeitern zusammen. Ich mag keine Jasager“, formuliert es Höllerer selbst. Seine Mitarbeiter bezeichnen ihn als äußerst fordernd, aber wertschätzend.
Dream-Team
Sein Team in der RBI hat Hölllerer von langer Hand vorbereitet: An der Bestellung von Kamila Makhmudova (Finanzen) und Rainer Schnabl, beide seit heuer im Vorstand der RBI, soll Höllerer als Vertreter des größten Aktionärs und RBI-Aufsichtsrat maßgeblich mitgewirkt haben. Mit Makhmudova arbeitete er gemeinsam am Polen-Verkauf, mit Schnabl teilte er kurze Zeit einen Schreibtisch bei der Raiffeisen KAG. Dass für Höllerers „Dream-Team“ andere verdiente Mitarbeiter wie Finanzchefin Sabine Abfalter weichen mussten, nehmen dem designierten CEO einige Mitarbeiter aber übel.
Von ihrem künftigen Chef erwarten die RBI-Leute jedenfalls mehr Klarheit, mehr Tempo und mehr Aufgeschlossenheit gegenüber Digitalem als unter dem etwas spröden Vorgänger Strobl, der sich regelmäßig in Meditation übte. Einen Vorgeschmack auf das Tempo konnte man bei der RBI bereits bekommen: Die beiden kürzlich getätigten Zukäufe der Bank, der Garanti Bank in Rumänien und der Addiko Bank, tragen bereits Höllerers Handschrift mit. „Wir werden die Kundenzentrierung verstärken, wir werden uns ganz intensiv mit der technologischen Transformation auseinandersetzen, und eine große Aufgabe wird sein, die Effizienz in der Zentrale zu heben“, kündigt der neue RBI-Chef an. Auch Personalkürzungen – insgesamt beschäftigt die RBI weltweit 45.000 Mitarbeiter, davon rund 1.300 in der Zentrale in Wien – will er dabei nicht ausschließen. Beim leidigen Thema Russland hofft er, dass trotz der verfahrenen Situation doch noch eine Lösung gefunden wird. Investor Rupert-Heinrich Staller, der auch privat mit Höllerer verbunden ist, setzt hohe Erwartungen in den neuen Boss der börsennotierten Bank: „Die Börse erwartet sich von Michael Höllerer und seinem hervorragenden Team, die steigende Ertragskraft der RBI in eine hohe Bewertung zu übersetzen. Dabei werden Transparenz, Kapitaldisziplin und die Lösung offener geopolitischer Themen, Stichwort Russland, die entscheidenden Erfolgsfaktoren sein.“ Bei diesen Aufgaben, so Staller, könnte diesem sein „unkonventioneller Tatendrang“ helfen. Die nächsten Jahre werden es zeigen.
Wenn man mit erst 48 Jahren schon an der Spitze angelangt ist, welche Ziele hat man dann noch im Leben? „Sollte einmal der Posten des Rapid-Präsidenten frei werden, würde mich das reizen“, sagt Höllerer lachend, „aber dafür bräuchte ich mehr Freizeit.“
Der Artikel ist im trend.edition vom 26. Juni 2026 erschienen und wurde am 28. Juli adaptiert.