
Oberbank-Chef Franz Gasselsberger über fehlendes Verständnis in Politik und Bevölkerung, über eine Regierung, die Chancen vertut, und warum er trotz guter Erträge in der Branche gegen die Bankensteuer ist.
trend: Die aktuelle Regierung ist seit neun Monaten im Amt. Wie beurteilen Sie aus Sicht des Bankers, was in dieser Zeit passiert ist?
Franz Gasselsberger: Außer dass die Regierung große Harmonie ausstrahlt, ist nicht wirklich viel passiert. Sie vertut eine Chance, weil es eine große Erwartungshaltung für fundamentale Reformen gab. Weite Teile der Bevölkerung wären darauf eingestellt gewesen. Dennoch hat man irgendwie Angst vor dem Wählervotum. Ich glaube aber, es werden diejenigen die nächste Wahl verlieren, die keine Reformen machen.
trend: Wobei die spannende Frage schon ist, ob die Bevölkerung in der Breite wirklich Reformen will, die sie selbst betreffen.
Ja, die Leute haben grundsätzlich Angst vor Veränderung. Deswegen muss Politik ihnen die Notwendigkeiten einfach besser erklären. Es braucht eine starke, sehr intensive Kommunikation, die ich nicht wahrnehme. Wenn man dann trotzdem eine Wahl verliert, kann man sich wenigstens in den Spiegel schauen und sagen, man hat was für die „res publica“ gemacht. Aber Latein kann heute eh niemand mehr.
trend: Leiden die Banken darunter, dass sich die Stimmung weder in der Wirtschaft noch bei den Konsumenten verbessert hat?
Das ist die veröffentlichte Stimmung. Die Oberbank verzeichnet 2025 um zwanzig Prozent mehr neu vergebene Unternehmenskredite als vor einem Jahr. Wir werden die Budgets bei Weitem überschreiten. Die Wirtschaft investiert sehr wohl: in Effizienz und in Automatisierung – nicht in Kapazitätserweiterungen. Man versucht, die hohen Lohn- und Energiekosten zu kompensieren, was natürlich in höherer Arbeitslosigkeit mündet. Auch der Wohnbau ist wieder angesprungen, die Buchungslage im Tourismus schaut gut aus für den Winter, und das Weihnachtsgeschäft läuft nicht so schlecht. Die Zinssenkungen zeigen sowohl bei Unternehmen als auch bei privaten Haushalten langsam ihre Wirkung.
trend: Das Börsenjahr war für die europäischen Banken recht erfreulich. Trotz oder sogar wegen der globalen Krisen, weil die USA unberechenbar geworden sind?
Wir haben in Europa für den Kapitalmarkt derzeit insgesamt ein besseres Umfeld. Es fließt wieder mehr Kapital in die EU, auch an die Wiener Börse. Es gab die erwähnten Zinssenkungen, die Deutschen beginnen wieder zu investieren, und wir sind so nahe wie noch nie an einer Beruhigung des Russland-Ukraine-Konfliktes. Außerdem haben die Banken nicht nur ihre Hausaufgaben gemacht, bei den meisten stellt sich auch die Risikosituation sehr günstig dar. Die gute Ertrags-lage führte zu höheren Dividenden und Aktienrückkaufprogrammen.
trend: Die Performance der Oberbank macht Sie trotz des gesunkenen Zinsergebnisses glücklich?
Wir sind sehr zufrieden mit der Entwicklung der ersten neun Monate. Wir haben eines der besten operativen Ergebnisse in der Geschichte – obwohl die Zinsspanne zurückgegangen ist. Die Provisionen stiegen stark, die Risikovorsorgen sanken deutlich. Das Eigenkapital hat sich erhöht, die Cost-Income-Ratio ist stabil. Und die – in Zukunft noch wichtigeren – Einlagen wuchsen um 6,8 Prozent.
trend: Was sagen Sie zu Kritik, dass Banken hohe Gewinne zu Lasten anderer Teile der Wirtschaft und der Bevölkerung machen?
Die besteht zu Unrecht, denn niemand hat davon gesprochen, als die Banken acht, neun Jahre lang sehr geringe Margen hatten. Jetzt kam es wieder zu einer Normalisierung der Ertragssituation. Eine Bank braucht Eigenkapital, damit sie die zweifellos bestehenden Marktrisiken tragen kann. Du brauchst auch Gewinne, um das Wachstum, das jetzt hoffentlich kommen wird, finanzieren zu können. Was ich wirklich bedauere, dass diese Argumente den Regierenden, den politischen Parteien, aber auch der Öffentlichkeit nur schwer kommunizierbar sind. Denn die Stabilität des österreichischen Bankenapparats wird als selbstverständlich angenommen. Es ist aber nicht selbstverständlich, dass sich niemand um die Sicherheit der Spareinlagen Gedanken machen muss. Für diese Qualität würde ich mir eigentlich Lob und Anerkennung wünschen. Aber mit Lob für Banken gewinnst du keine Wählerstimmen.
trend: Sie sind ein entschiedener Gegner der Bankensteuer. Könnten Sie damit leichter leben, wenn der Staat beginnen würde, endlich bei sich selbst ernsthaft zu sparen?
Ich kann mit der Bankensteuer gar nicht leben, weil wir schon unglaublich viel an Steuern und Abgaben zahlen. Österreich hat die zweithöchsten Steuern der Eurozone und trotzdem ein Budgetdefizit von fast fünf Prozent. Der Staat braucht nicht noch mehr Einnahmen, sondern muss Ausgaben reduzieren, wovon ich noch nichts gesehen habe. Der öffentliche Dienst stellte im letzten Jahr zusätzlich 50.000 Mitarbeiter ein, während die Wirtschaft circa gleich viele abbauen musste. Wenn Politiker es aus eigener Kraft nicht schaffen, zu sparen, müssten sie halt externe Begleitung in Anspruch nehmen, um die Prozesse in Verwaltung und Bürokratie zu durchforsten.
trend: Es gab Ideen, dass die Banken nicht direkt an den Staat Geld zahlen, sondern in einen Infrastrukturfonds, zum Beispiel für Energienetze. Wäre das eine Variante?
Diese Ideen sind nicht neu. Aber ja, gäbe es eine verpflichtende Zweckwidmung, täte man sich als Steuerzahler in der Argumentation, warum man das nicht zahlen möchte, schwerer. Die jetzige Steuer hat ja keinerlei steuernden Effekt, sondern finanziert nur ein ineffizientes System.
trend: Sie erwähnten die gestiegenen Kommerzkredite. Ist die Oberbank von der in ihrem Heimatmarkt Oberösterreich starken Deindustrialisierung nicht betroffen?
Ich habe gesagt, die Wirtschaft investiert in Effizienz, aber es gibt schon lange keine Kapazitätsausweitungen mehr. Das wird gerne ignoriert. Warum wächst die Industrie in Osteuropa? Warum werden viele Produktionen verlagert? Weil wir preislich schlicht nicht mehr konkurrenzfähig sind. Inzwischen zeichnet sich schon klar ab, dass die Zahl der Arbeitslosen weiter steigt, vor allem bei den Minderqualifizierten. Das wird budgetär und auch sozial noch ein Riesenproblem. Es betrifft aber die Gesellschaft mehr als die Banken. Denn wir begleiten unsere Unternehmen bei der Internationalisierung. Wo sie investieren, macht für uns als eine der führenden Exportbanken in Österreich keinen großen Unterschied.
trend: Ist in Deutschland, Ihrem zweiten Kernmarkt, mehr Aufbruchsstimmung zu spüren?
Nein, leider überhaupt nicht. Ich finde, die Stimmung in deutschen Unternehmen ist noch viel schlechter als in Österreich. Man ist verzweifelt und sehr deutlich in der Kritik an der Politik. Die Wirtschaft hätte sich von der neuen Regierungskonstellation und Bundeskanzler Friedrich Merz viel mehr erwartet. Ich bin gespannt, ob und wann die ankündigten großen Infrastrukturprojekte kommen.
trend: Ändert das etwas am Expansionskurs der Oberbank in Deutschland?
Nein. Unsere Hauptzielgruppe sind mittelständische, international tätige Unternehmen, von denen viele ihre Erträge nur zu einem geringen Teil in Deutschland verdienen. Und global gibt es fast überall Wachstum, auch in den USA. Die dortige Zollpolitik spielt schon eine Rolle. Aber die deutschen Unternehmen sind sehr wendig. In Nordrhein-Westfalen, wo wir mit vier Filialen vertreten sind, möchten wir zum Beispiel in Richtung zehn gehen. Die Oberbank, die in zehn deutschen Bundesländern aktiv ist, lässt sich nicht abhalten, weiter Standorte zu eröffnen.
trend: Die Verunsicherung ist auch bei privaten Anlegern oder Sparern groß. Viele spielen mit dem Gedanken, sich in Gold zu flüchten. Würden Sie nach dem enormen Preisanstieg noch Gold kaufen?
Festzuhalten ist, dass der Höhenflug fast ausschließlich auf Käufen der Notenbanken beruht, vor allem in China und anderen Emerging Markets. Aber wenn Sie mich fragen, ob der Goldkurs noch auf vier- oder fünftausend Euro steigen wird. Ja, das könnte sein. Wenn man sich dabei wohlfühlt, kann ein Goldanteil von fünf bis zehn Prozent des Portfoliowerts Sinn machen.
trend: Wie stehen Sie zu Kryptowährungen wie Bitcoin, die mache Leute ebenfalls als sicheren Hafen sehen?
Also wir haben uns bisher gegen diese Form der Veranlagung immer verwehrt. Das ist kein Business Case, dem wir uns nähern wollen. Ich weiß auch nicht, ob Bitcoins so ein sicherer Hafen sind, wenn ich mir die Kursentwicklung der letzten Wochen anschaue. Es gibt derzeit eine viel größere Breite an attraktiven, seriösen Anlagemöglichkeiten mit guten Renditen als in den letzten zehn Jahren: Anleihen, Aktien, Gold, Investmentfonds. Für Kryptowährungen sind wir als Oberbank nicht der Partner. Das sollen andere machen.
trend: Fachleute meinen, Europa müsse mehr privates Kapital mobilisieren, um damit Wachstum zu finanzieren. Das steht auch im Draghi-Bericht. Teilen Sie diese Meinung? Und was könnten die Banken beitragen?
Gäbe es dafür eine schnelle Lösung, wäre sie wahrscheinlich schon gefunden. Es wird zu Recht diskutiert, man möge privates Kapital für nachhaltige Investitionen, für das „Rearm Europe“-Programm oder für Infrastruktur mobilisieren. Warum funktioniert das in anderen Ländern, insbesondere in den USA, -besser als bei uns? Man kann sagen, die haben eine andere Kultur oder sind weniger konservativ. Der Haupthebel sind jedoch die Pensionssysteme. Über die fließt in diesen Ländern unglaublich viel privates Geld steuerbegünstigt in die Unternehmen. Da müssten die Europäer tatsächlich auch was tun, was über Ankündigungen hinausreicht. Zumal die Umlagesysteme in Europa sowieso kaum mehr finanzierbar sind.
trend: Die Umstellung der Pensionssysteme geht, wenn überhaupt, nur langfristig. Was gäbe es an kurzfristigen Impulsen?
Wenn man jetzt die Börsen beleben will, muss man Anreize schaffen. Zumindest gehört einmal die Behaltefrist bei der KESt wieder eingeführt. Davon findet sich im Regierungsprogramm weit und breit nichts. Österreich wartet, dass Europa etwas erfindet, aber wir müssen bei uns selbst anfangen. Wenn ich mit unseren Politikern über die Belebung des Kapitalmarkts rede, ernte ich nur ein müdes Lächeln. Steuerliche Anreize würden natürlich ein bisschen was kosten, hätten jedoch eine enorme Hebelwirkung. Und der größte Hebel wäre wie gesagt die Umstellung auf Pensionen mit teilweise aktiengedecktem Kapital. Das hätte nur Vorteile, und trotzdem traut sich niemand drüber. Wahrscheinlich muss man das Thema langsam entwickeln – weil sich die Leute fürchten. Aber man muss einmal beginnen, in Alternativen zu denken.
trend: Zum Schluss kommend: Was sind die Trends und Herausforderungen für die Banken im Jahr 2026?
Ich glaube, dass die Rahmenbedingungen deutlich besser sein werden als im abgelaufenen Jahr. Wir haben die Rezession überwunden. Die Stimmung wird sich weiter verbessern. Der Konsum wird an Fahrt aufnehmen. Wir befragen zweimal im Jahr unsere tausend wichtigsten Kunden: Und der Großteil der Industrie- und Mittelstandsunternehmen, sogar aus der Baubranche, ist für 2026 positiver als vor einem Jahr.
trend: Wie viel Priorität hat für Ihre Bank und für den Sektor insgesamt der erweiterte Einsatz von KI, sei es in der Prozessoptimierung oder der Kundenbetreuung?
Wir haben gerade die Strategie 2030 verabschiedet. Eines der großen Handlungsfelder ist Digitalisierung und künstliche Intelligenz. Für einen sehr personalintensiven Dienstleister wie die Oberbank sind Investitionen, die Mitarbeiter entlasten und Kostenvorteile bringen, ein Muss. Und unsere Strategie des Smart Follower bewährt sich. Du musst nicht immer der Erste sein, sondern die Mitarbeiter bei Veränderungen mitnehmen und von einer Idee überzeugen. Das Personal ist in der Oberbank das zentrale Thema. In den letzten 40 Jahren kamen 90 Prozent unserer Führungskräfte aus den eigenen Reihen. Das hilft, die eigene Kultur zu leben und zu vermitteln. Ich erwarte mit Spannung das Ergebnis der jüngsten Mitarbeiterbefragung. Denn die Stimmung im eigenen Haus ist mindestens so wichtig wie die Stimmung in der Wirtschaft. Einer meiner Grundsätze lautet: Wenn du nur zehn Minuten Zeit hast, investiere sie lieber in ein Mitarbeitergespräch als in ein Kundengespräch. Denn mit zufriedenen Mitarbeitern kommen die zufriedenen Kunden sowieso.
Zur Person
Franz Gasselsberger wuchs im oberösterreichischen Hausruckviertel auf, studierte in Salzburg Rechtswissenschaft und begann bereits 1983 seine Oberbank-Karriere. 1998 wurde der heute 66-Jährige zunächst in den Vorstand der Oberbank AG berufen, 2005 folgte die Bestellung zum Generaldirektor. 2026 wird sein letztes Jahr in dieser Funktion.
Das Interview ist in der trend.EDITION von 19. Dezember 2025 erschienen.
