
Tausende Tankstellen in Europa, den USA und im arabischen Raum gehören zu den zahlreichen Assets von Lukoil International, die nach den sanktionsbedingten Rückschlägen nun auf rund 22 Milliarden -US-Dollar geschätzt werden.
©APA-Images/dpa Picture Alliance/Horst GaluschkaTrotz Halbierung infolge des Ukrainekriegs setzt Lukoil International mit Sitz in Wien und 140 Tochterfirmen immer noch mehr um als die OMV. Aber die russischen Eigentümer sehen sich zum Verkauf gezwungen.
Bis 2022 kam die Wiener Lukoil International in Wirtschaftsnachrichten allenfalls als Randnotiz vor. Obwohl das Unternehmen mit seinen rund 140 ausländischen Tochtergesellschaften das mit Abstand größte in Österreich war – und bis heute ist, was die ganze Zeit über unbemerkt blieb. Doch laut dem erst vor einem Jahr im österreichischen Firmenbuch hinterlegten Konzernabschluss 2022 wurden 94,5 Milliarden Euro Umsatz und ein Gewinn (nach Steuern) von 7,025 Milliarden erzielt.
Danach ging es infolge des Kriegs gegen die Ukraine steil bergab. Der zweitgrößte russischen Ölkonzern, Lukoil, der im Kern einer Gruppe von Managern gehört, wurde mit Sanktionen belegt, der Handel der in London notierten Aktie ausgesetzt.
Was auch dessen für das gesamte internationale Geschäft zuständige Holding am Wiener Schwarzenbergplatz in Mitleidenschaft zog. Der Handel mit Öl aus Russland musste gestoppt werden. Da außerdem u. a. auch das Tankstellennetz in Finnland und die Raffinerie in Rumänien still stehen, fiel der Umsatz laut Finanzinsidern um circa die Hälfte, liegt mit circa 50 Milliarden Euro aber immer noch über dem der OMV, weil große Teile des Business normal weiterlaufen. Und über milliardenschwere Rücklagen verfügt Lukoil International nach wie vor.
Wegen der US-Sanktionen sehen sich die russischen Eigentümer trotzdem gezwungen, die Auslandsaktivitäten – mit Ausnahme jener in Kasachstan – zu verkaufen. Es geht um Assets mit einem geschätzten Wert von derzeit 22 Milliarden US-Dollar: Öl- und Gasförderungen etwa in Aserbaidschan, in Usbekistan, in den Arabischen Emiraten (VAE), im Irak, in Afrika und in Mexiko, Raffinerien in Bulgarien, in Rumänien und in den Niederlanden sowie über 2.000 Tankstellen in Europa, in Nahost und in den USA.
Trump-Connection
Der US-Finanzinvestor Carlyle Group verhandelte schon seit Jänner 2026 eine Übernahme, zog sich aber vor drei Wochen plötzlich zurück. Denn die US-Sanktionsbehörde OFAC verweigerte Carlyle ihre Zustimmung.
Hauptsächlich wohl deswegen, weil auch andere ein Auge auf die lukrative Lukoil International geworfen haben. Ein dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump sehr nahe stehendes Konsortium ist – wenig überraschend – plötzlich in der Poleposition, angeführt vom Milliardär Todd Boehly, einem Großspender des Präsidenten. Mit im Boot sind die arabischen Unternehmer Scheich Tahnoun bin Zayed Al Nahyan, der nationale Sicherheitsberater der VAE und Leiter großer Staatsfonds, sowie die Brüder Moutaz und Ramez Al-Khayyat, die in Katar einen Bau- und Energiekonzern besitzen.
Sie alle haben enge finanzielle Beziehungen zu Trump-Schwiegersohn Jared Kushner und dem Sondergesandten Steve Witkoff, einem Vertrauten der Präsidentenfamilie. Fonds von Sheik Tahnoun etwa investieren viel Geld in Kushners Investmentfirma Affinity Partners und Kryptoprojekte im Umfeld von Trump – der augenscheinlich sein Amt wiederum als Teil des Family Business versteht.
Zwar sagen Kushner und Witkoff, finanziell nicht an der Transaktion beteiligt zu sein. Sie sollen allerdings direkt mit Wladimir Putin in Moskau verhandelt haben. Was Spekulationen über Zugeständnisse an Putin befeuerte, der die Bedingungen diktiere und versuche, einen Teil des Lukoil-Vermögens für Russland zu sichern. Letzteres scheint jedoch eher ausgeschlossen, weil die Vertragsentwürfe dem Vernehmen nach einen Passus enthalten, wonach Vorteile für den Verkäufer ausgeschlossen sind. Die gesamte Wiener Lukoil wird damit wohl ein amerikanisch-arabisches Unternehmen.
Sehr wohl könnte aber die zurückgefahrene Unterstützung für die Ukraine mit den wirtschaftlichen und machtpolitischen Interessen des Trump-Clans in Zusammenhang stehen. Auch die von den USA ausgesetzten Sanktionen gegen und der Diesel-Deal mit den Russen passen ins Bild. Und: Europäische Lukoil-Raffinerien produzieren große Mengen an Diesel-Treibstoff, auf den Trump wegen gestiegener Sprit-Preise in den USA besonders scharf ist.
Chance auf Neustart
Ein Stichtag für eine Einigung könnte Ende Oktober sein, wenn die monatlich erforderliche Lizenzverlängerung für die selbst nicht sanktionierte Lukoil International in den USA ansteht. Für das Unternehmen wäre der Verkauf trotz der fragwürdigen Umstände von großem Vorteil. Die Holding, deren Geschäfte seit Jahren massiv behindert sind, wäre nach einer kompletten Trennung von der russischen Lukoil und mit einem neuen Namen wieder voll handlungsfähig. Man heuerte wohl nicht zufällig Bryan Lanza, einst Mitglied in Trumps Wahlkampfteam, als Lobbyisten in Washington an, um die Transaktion im Interesse des Konzerns voranzutreiben.
In absehbarer Zeit macht man sich in Wien auch über eine mögliche Verlegung der Zentrale keine allzu großen Sorgen. Denn das Team von ein paar Dutzend Leuten, das am Schwarzenbergplatz unter der Führung eines russischen Geschäftsführers und des Österreichers Robert Gulla tätig ist, kennt jedes Detail in dem komplexen Unternehmen und verfügt weltweit über die nötigen Netzwerke, auch um die großen Probleme, die entstanden sind, langsam wieder zu beseitigen. So müssen etwa die finnische Tankstellentochter Teboil und die Raffinerie in Rumänien wieder in Gang gebracht werden. Die bulgarische Raffinerie steht derzeit unter staatlicher Kontrolle. Eine Menge schwierige Aufgaben sind zu lösen.
Zukunft in Österreich
Längerfristig ist die Zukunft des Wiener Headquarters aber eine unsichere. Dessen Abzug wäre jedenfalls ein Verlust für den Standort Österreich. Es gab nicht nur nennenswerte Investitionen in die Lukoil Lubricants Europe, die am Gelände des Wiener Ölhafens mit über 160 Mitarbeitern Schmierstoffe produziert und vertreibt. Vor allem würden dem Fiskus erhebliche Steuereinnahmen entgehen. Noch 2023 wurden zum Beispiel über 50 Millionen Euro an die Republik überwiesen. Und Österreich würde – auch wenn das bislang kaum wer wusste – sein größtes Unternehmen verlieren. Was dem Trump-Freundeskreis ziemlich egal sein wird.