
Aus der zweiten Reihe ins Scheinwerferlicht: Erst der stille Stratege Tim Cook hat aus der Kultmarke eines der erfolgreichsten Unternehmen gemacht. Gerade ist er mit US-Präsident Donald Trump in China unterwegs.
Hollywood hat keine Drehbücher in der Schublade liegen für Filmbiografien über Tim Cook. Dafür fehlen in dieser Karriere verfilmbare Dramen und wohl auch Informationen zum Menschen hinter der Rolle. Am Apple-CEO, der das Unternehmen „wohlüberlegt zum richtigen Zeitpunkt“ übergibt, wie er Ende April bekannt gab, haben sich bereits die Biografen von Steve Jobs die Zähne ausgebissen, die nichts aus den tieferen Schichten dieser Person auszugraben vermochten: ein leiser Stratege, ein disziplinierter Vielarbeiter, ein exzellenter Fachmann – eine Idealbesetzung für die zweite Reihe.
Die 15 Jahre an der Apple-Spitze hat Cook skandalfrei und schlagzeilenarm absolviert. Wer als Ministrant eines verehrten Hohepriesters wie Steve Jobs ins große Geschäft eingestiegen ist, kann nicht anders disponiert sein. Selbstredend kommt keine der Elogen, die das Ausscheiden des 65-Jährigen aus dem Vorstand begleiten, ohne Verweise auf den legendären Mitgründer aus. Heute ist aber Cook der Mann, der den Schatten wirft.
Operatives Genie
Erst unter seiner Führung wurde Apple im Jahr 2018 das erste private Unternehmen, das einen Marktwert von 1.000 Milliarden Dollar erreichte. Heute sind es unglaubliche 4.000 Milliarden, nur KI-Chip-Gigant Nvidia ist wertvoller. Im ersten Quartal dieses Jahres erzielte der Konzern mehr als 111 Milliarden Dollar Umsatz und einen operativen Cashflow von 28 Milliarden Dollar – da kann er sich Dividendenerhöhungen und Aktienrückkaufprogramme locker leisten. Beim Hauptprodukt iPhone konnte Apple im Jahr 2025 die globale Marktführerschaft von Samsung zurückerobern. Und mit Cash-Reserven von 57 Milliarden Dollar spielt Apple in einer eigenen Liga. Cook übergibt ein finanziell extrem potentes Unternehmen auf Erfolgskurs.
Die Performance überrascht nicht: Streng den Kurs zu halten war bereits Cooks Aufgabe, als Jobs noch auf der Kommandobrücke stand. Der hatte Cook im Jahr 1998 ins Haus geholt, weil der sich bei seinen früheren Arbeitgebern IBM und Compaq einen Namen als Prozessoptimierer gemacht hatte. Zu jener Zeit war Apple ein Sanierungsfall, der nach der Fastpleite wieder auf die Beine kommen musste. Während sich die Designer rund um Jobs um Produkte wie farbige iMacs und die Entwicklung des iPod kümmerten, räumte Cook Lagerbestände, Logistik und Lieferketten auf und legte den Grundstein für die wirtschaftliche Wiederauferstehung des Konzerns, der mit der Erfindung des iPhones und des Ökosystems App Store zu einer der prägendsten Technologierevolutionen des frühen 21. Jahrhunderts beitrug.
Management-Lehrstück
Cooks Lieferkettenexzellenz ist heute Lehrstoff an Wirtschaftsuniversitäten und das komplementäre Führungsduo Jobs und Cook eine inspirierende Blaupause für geteilte Führung und gelungene Nachfolgeplanung. Über die Jahre war Cook wiederholt auf die Nummer-eins-Position gegangen, als er Jobs während krankheitsbedingter Absenzen 2004 und 2009 vertreten und diesem die Gewissheit gegeben hatte, den richtigen Erben ausgesucht zu haben. „Frag dich nicht, was ich getan hätte“, soll Jobs seinem Freund Cook am Sterbebett gesagt haben, „mach das Richtige!“
Cook hält Erinnerungen an Jobs gerne wach und zitiert aus dessen prägenden Einschätzungen: Seine Philosophie – das beste und benutzerfreundlichste Produkt zu entwickeln – prägt den Konzern mit 150.000 Mitarbeitenden bis heute. Exzellenz vor Geschwindigkeit ist auch bei der KI-Entwicklung die Losung. Mögen Analysten Apple mit seiner „Apple Intelligence“ noch in der KI-Steinzeit verorten und andere sich fragen, welchen Spielraum diese Aktie nach oben noch haben kann, scheint das angesichts der Performance ein Luxusproblem, um das sich Cooks Nachfolger relativ entspannt kümmern kann. John Ternus ist ein Apple-Urgestein und ein Mann, der – wie Steve Jobs – aus der Produktentwicklung kommt und sich unter anderem mit der Umstellung auf eigene Chipfertigung für höhere Weihen empfohlen hat.
Strippenzieher und Trump-Flüsterer
Die Dienstübergabe ist für den 1. September angesetzt. Cook wird seinen Arbeitstag danach wohl nicht mehr um 3.45 Uhr beginnen und mehr Zeit für seine Wanderungen in Nationalparks haben. Ein Job bleibt ihm aber, und der ist maßgeschneidert. Cook wird als Cheflobbyist die heißen Drähte in die Weltpolitik glühen lassen. Er gilt als erfolgreicher Trump-Flüsterer, auf den die US-Tech-Bros neidvoll blicken, einer, der weiß, wie Anliegen bei einem Menschen mit reduzierter Aufmerksamkeitsspanne erfolgreich deponiert werden – am besten im Zwiegespräch und mit einem einzelnen Anliegen. So erreichte Cook die Zollbefreiung für Elektronikprodukte und das iPhone. Von der direkten Leitung ins Weiße Haus macht Cook gern Gebrauch, wie er selbst einmal gestand, etwa wenn die Europäer mal wieder die Wettbewerbskeule schwingen.
Ein Draht wird Cook auch zum chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping nachgesagt, das Drehbuch ist hier aber ein gänzlich anderes. China ist einer der wichtigsten Puzzlesteine für die Profitabilität des Konzerns. Als Apple Ende der 90er zur Auftragsfertigung überging – und die eigenen Werke in den USA und in Europa aufgab –, waren die Exzellenz und die Effizienz in der Produktion nirgendwo so günstig zu erreichen wie in China. Mastermind dahinter war Cook, damals noch als Chief Operating Officer. „Apple war im Grunde hinter das Geheimnis gekommen, wie man die besten Produkte der Welt herstellt, ohne selbst etwas zu produzieren“, schreibt Patrick McGee in dem Bestseller „Apple in China“.
Das Klumpenrisiko, sich zu sehr in die Abhängigkeit eines Landes begeben zu haben, ist einer der wenigen Schönheitsfehler in Cooks Bilanz. Einer Diversifizierung nach Indien oder Vietnam legt die Regierung bis heute erfolgreich Steine in den Weg. 90 Prozent der iPhones werden nach wie vor in China produziert. Für einen Mann, der lieber machtvoll dezent in der Kulisse agiert als auf der Bühne im Scheinwerferlicht, ist das eine ideale Mission für den Unruhestand.
Der Artikel ist im trend.PREMIUM vom 7. Mai 2026 erschienen.
