Was wir nicht mehr produzieren können

Der Fall MAN-Steyr als Lehrstück für Standortpolitik: Die globale Arbeitsteilung macht vieles billiger, fordert aber auch Opfer.

Franz C. Bauer, trend-Redakteur

Franz C. Bauer, trend-Redakteur

Die Entscheidung ist verständlich: Lohnkürzungen um schmerzhafte 15 Prozent, viele Kolleginnen und Kollegen sollen dennoch ihre Jobs verlieren (vielleicht sogar man selbst), das hat der mögliche neue Eigentümer bereits im Vorfeld angekündigt. Dabei gibt es doch eine Bestandsgarantie des aktuellen Eigentümers, und zwar bis 2030. Dass rund zwei Drittel der Belegschaft des MAN-Lkw-Werks in Steyr die Übernahmepläne des Investors Siegfried "Sigi" Wolf per Abstimmung abgelehnt haben, ist also keineswegs verwunderlich.

Die Geschichte in aller Kürze: 1864 gründete der Industrielle Josef Werndl in Steyr eine Waffenfabrik, 1894 wurde dort das erste legendäre "Waffenrad" gebaut, 1916 entstand eine Automobil-Abteilung, 1929 trat ein junger Ingenieur namens Ferdinand Porsche seinen Dienst als Chefkonstrukteur an, 1989 übernahm der deutsche MAN-Konzern das Werk. Und jetzt droht also das Ende?

Wenn es nach dem Management des Mutterkonzerns geht: Ja, und zwar bereits 2022. Die Umsetzung der Bestandsgarantie dürfte rechtlich nämlich nicht ganz einfach sein. So betrachtet, kann das Votum der Belegschaft der Auftakt zu einem riskanten Rechtsstreit darstellen, an dessen Ende möglicherweise auch das Ende eines Kapitels der österreichischen Industriegeschichte steht.

Schade wäre das in jedem Fall, und für mache Betroffene eine wirtschaftliche Katastrophe - allerdings eine, die in gewisser Weise vorhersehbar war. Die Verlagerung der Produktion leichter und mittelschwerer Lastkraftwagen aus Steyr in das Werk in Krakau soll helfen, die Profitabilität des MAN-Konzerns, der sich seit Jahren mit heftigem Gegenwind konfrontiert sieht, zu verbessern. Die Löhne in Steyr liegen um bis zu 50 Prozent über jenen, die MAN in Polen bezahlt.

Keine Katastrophe, aber ein schwerer Schlag wäre die Werksschließung aber auch für Österreichs Industrie. Laut einer Studie des Leiters der Initiative Wirtschaftsstandort Oberösterreich, Friedrich Schneider, würde die heimische Wirtschaftsleistung um rund 950 Millionen Euro schrumpfen - bei gleichzeitigem Verlust von 8.400 Arbeitsplätzen. Doch hinter dem Schritt des MAN-Managements steckt standortpolitische Logik. Die Frage, die es zu beantworten gilt, lautet: Was kann man noch in hochentwickelten Industrieländern herstellen, was muss man hier produzieren, und was kann man unter dem Gesichtspunkt wirtschaftlicher Vernunft eben nicht mehr fertigen.

Zur letztgenannten Kategorie zählen Großserien-Industrieprodukte, bei denen nur überschaubares technisches Know-how erforderlich ist und bei denen die Lohnkomponente eine wichtige Bestimmungsgröße des Endpreises darstellt. Lkw können eben tatsächlich überall produziert werden, mit dieser schmerzlichen Erfahrung sieht sich derzeit die Steyr-Belegschaft konfrontiert.

Neues Bewusstsein für Standortpolitik

Nicht minder schmerzlich ist freilich auch die Erfahrung, die Europa derzeit mit der Corona-Pandemie macht. Der Umstand, dass der Impfstoff größtenteils außerhalb der EU produziert wird, hat die bekannten Engpässe verursacht. Sowohl die Pandemie als auch die Diskussion um das Steyr-Werk zeigen jedenfalls die Gefahren auf, die durch Globalisierung und internationale Arbeitsteilung entstanden sind.

Neu ist diese Erkenntnis aber nicht: Immer wieder kommt es zur Knappheit bei verschiedenen Medikamenten, weil diese jenseits der Grenzen der EU, meist in den Niedriglohnländern Asiens, hergestellt werden. Was ist also wichtiger: niedrige Preise oder Versorgungssicherheit? Die Pandemie hat in der europäischen Politik so etwas wie ein Bewusstsein für die Bedeutung der Standortpolitik geweckt. Der "Fall Steyr" sollte dieses Bewusstsein auch in die österreichische Politik tragen.

Strategische Produktionen - wie etwa bei Medikamenten - müssen zumindest zum Teil in Europa gehalten oder zurückgeholt werden, da sonst gefährliche Engpässe drohen. Ohne Anreize wird das nicht funktionieren. Zu fördern sind aber auch Knowhow- und qualifikationsintensive Produktionen und Dienstleistungen, um der Konkurrenz durch Niedriglohnländer auszuweichen.

In Österreichs mittelständischen Industriebetrieben ist solches Knowhow reichlich vorhanden. Dieses zu fördern, ist wohl effizienter als gut gemeinte Solidaritätsadressen in Richtung Steyr.


Franz C. Bauer, trend-Redakteur

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