
Zu wenig Arzttermine, zu viel Spital, steigende Kosten: Die Probleme des Gesundheitssystems sind bekannt. Die Lösung auch: der verstärkte Einsatz von Telemedizin und KI. Doch es fehlt an Strategie und gemeinsamem Willen.
Die Symptome sind offensichtlich: ausufernde Kosten aufgrund einer alternden Bevölkerung. Eine hohe Arztdichte, aber trotzdem lange Wartezeiten auf Facharzttermine. Viele Spitäler, aber überfüllte Ambulanzen. Zu wenig Pflegepersonal und immer mehr Unzufriedenheit. Auch die Diagnose ist eindeutig: „Ein steigender Versorgungsbedarf in einer alternden Bevölkerung gepaart mit einem Mangel an medizinischen Fachkräften und einer niedrigen Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung sind große Herausforderungen, vor denen das österreichische Gesundheitssystem steht“, so Thomas Czypionka, Gesundheitsökonom am Institut für Höhere Studien (IHS). Anders ausgedrückt: Das Gesundheitssystem krankt, der Patient braucht Hilfe. Dringend.
Knapp 58 Milliarden Euro wurden 2024 in Österreich für Gesundheitsleistungen aufgebracht, von der Hustentablette bis zur Herz-OP. Das sind 11,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, BIP, Tendenz steigend. Für eine wohlhabende Gesellschaft, in der Gesundheit ein hohes Gut ist, grundsätzlich kein Problem – nur muss das System auch liefern. Und genau daran hapert es.
„Das Problem ist nicht die Höhe der Ausgaben, sondern der Einsatz dieser Mittel. Es fehlt an Effizienz und strategischer Steuerung“, analysiert auch Martin Schiefer, der als Spezialist für Vergaberecht seit 20 Jahren öffentliche Auftraggeber im Gesundheitswesen begleitet. Dass die aktuellen Streitigkeiten zwischen Wien und Niederösterreich um Gastpatienten und der Konflikt um die Anerkennung der neuen Herzchirurgie im Burgenland jetzt vor Gerichten ausgetragen werden, wirft ein grelles Licht auf die Stolpersteine des heimischen Gesundheitswesens – und lässt gleichzeitig an Lösungskompetenz und willen der Beteiligten zweifeln.
Dabei ist der Weg in Richtung eines zukunftsfitten und finanzierbaren Gesundheitssystems mit guten Ideen und Konzepten gepflastert. Doch überkomplexe Strukturen mit zu vielen Beteiligten und ein Mangel an Mut verhindern eine Umsetzung. „Auch im Gesundheitssystem ist es notwendig, die Dinge neu zu denken“, betont Schiefer, „sonst werden wir die zukünftigen Herausforderungen nicht bewältigen können.“
Vertrauensverlust.
Einigkeit herrscht immerhin darüber, dass der Reformdruck steigt, weil die Unzufriedenheit größer und das Geld knapper wird. Schiefer: „Entscheidende Weichenstellungen wurden in der Vergangenheit nicht getroffen, das System wirkt träge, obwohl ausreichend Mittel vorhanden wären. Das untergräbt das Vertrauen der Bevölkerung in die Gesundheitspolitik“.
Als einer der Hoffnungsträger für mehr Effizienz gilt die Digitalisierung. Expert:innen sind sich einig: In Zeiten rasant fortschreitender Medizintechnik und wachsender Datenmengen bietet sie enorme Potenziale, um die Patientenversorgung zu verbessern, die Effizienz des Gesundheitssystems zu steigern und neue Therapiemöglichkeiten zu erschließen. „Da gibt es unglaubliche Entwicklungen, die eine hyperpersonalisierte Versorgung und Prävention ermöglichen“, betont auch der Gesundheitsexperte, Facharzt und Gründer des „Future Health Lab“ Siegfried Meryn, „das bedeutet einen Paradigmenwechsel in der Gesundheitsversorgung.“
Die Digitalisierung gilt auch als wichtigstes Tool zur Patientensteuerung. Denn das jetzige System führt die Patienten in den teuersten Bereich des Systems, die Spitäler. Ob eingewachsener Zehennagel oder chronischer Husten – der Österreicher geht häufiger ins Spital als seine europäischen Nachbarn. „Die Spitäler sind aber nicht die Sorgenkinder des Systems“, entgegnet Carmen Breitwieser, Geschäftsführerin des Klinikums Wels-Grieskirchen, „wir sind nur diejenigen, die alle auffangen müssen. Auch die Menschen, die nicht ins Spital gehören oder eigentlich zu einem Facharzt sollten, dort aber keinen Termin bekommen.“ Für die Krankenhausmanagerin ist offensichtlich: Der unregulierte Zugang zu Notaufnahmen belastet die Spitäler stark und erfordert steuernde Maßnahmen.
Hotlines als Retter.
Als wichtiger Schritt zur Patientenlenkung gilt ein weiterer Ausbau von Gesundheitshotlines. Wie das funktionieren könnte, skizzierte SVS-Generaldirektor Alexander Biach beim Austrian Health Forum in Bad Gastein: Wer sich den Fuß verstaucht, ruft bei einer Hotline an, legitimiert sich über den Chip in der e-Card und sein Smartphone und bekommt den schnellstmöglichen Arzttermin zugewiesen. Wer dennoch überzeugt ist, in die Notfallambulanz des nächsten Spitals gehen zu müssen, wird beim Vorzeigen der e-Card vom Portier freundlich darauf hingewiesen, dass er ja schon einen Arzttermin habe und es sich kaum um einen Notfall handle. Wer trotzdem auf den Ambulanzbesuch besteht, kann gegen eine Ambulanzgebühr im Wartezimmer Platz nehmen.
Doch das kann nur der Anfang sein. „Die zentrale Frage lautet, wie sich knappe Ressourcen im stationären Gesundheitswesen effizienter einsetzen lassen, ohne die Versorgungsqualität zu gefährden“, formuliert es Schiefer. Eine Antwort heißt: Telemedizin. Die galt lange als Notlösung für den ländlichen, „ärztefreien“ Raum, rückt seit der Pandemie aber immer stärker in den Fokus.
Ein weiterer zentraler Anwendungsfall ist das telemedizinische Konsil, bei dem Fachärzte standortübergreifend hinzugezogen werden können, ohne physisch vor Ort zu sein. Für kleinere Krankenhäuser bedeutet das Zugang zu hoch spezialisierter Expertise, etwa in der Neurologie oder der Radiologie.


Hilfe per Bildschirm. Videokonsultationen statt langer Wege und überfüllter Wartezimmer: Die Telemedizin ist einer der großen Hoffnungsträger zur Entlastung des Gesundheitssystems.
© istockphotoBetreuung per Bildschirm.
„Telemedizin kann unnötige Krankenhauseinweisungen deutlich verringern, besonders bei Patientinnen und Patienten aus Langzeiteinrichtungen wie Altenheimen“, sagt auch Carmen Breitwieser, „statt wegen jeder Kleinigkeit ins Krankenhaus gebracht zu werden, können viele Fälle effektiv vor Ort behandelt werden.“ Voraussetzung ist, das es qualifiziertes Personal am anderen Ende der Leitung gibt.
Auch die Überwachung mittels Telemonitoring ist ein Einsatzgebiet. Patient:innen messen zu Hause regelmäßig Werte wie Blutdruck oder Herzfrequenz. Diese Daten werden automatisch an Hausarzt oder Spital übermittelt und dort ausgewertet. Das bedeutet nicht nur weniger und kürzere Krankenhausaufenthalte, sondern kann auch die Sterblichkeit bei Risikogruppen senken.
Vor allem aber: Telemedizin generiert große Mengen an Gesundheitsdaten. Richtig eingesetzt, ermöglichen sie eine bessere Steuerung von Behandlungsprozessen. So können etwa frühzeitig Risiken erkannt und Maßnahmen eingeleitet werden, bevor sich Zustände verschlechtern.
Auch wenn sich Österreichs Gesundheitswesen langsam weiter in die digitale Zukunft vortastet – der große Durchbruch der Telemedizin blieb bislang aus. Das zeigt eine aktuelle Studie der Gesundheit Österreich, die erstmals einen systematischen Überblick über digitale Versorgungsangebote im Land bietet. Genutzt werden demnach vor allem Telekonsultationen und Telekonsile. Rund 70 Prozent der Anwendungen betreffen direkt die Interaktion zwischen Patient:innen und medizinischem Personal, nur etwa 30 Prozent sind rein fachintern.
Allerdings: „Telemedizin ist in Österreich zwar angekommen, aber sie bleibt fragmentiert und kleinteilig organisiert“, so das Fazit der Studienautoren. Das Hauptproblem: Es fehlt an bundesweit einheitlichen, skalierbaren Lösungen. Viele Angebote sind regional begrenzt, indikationsspezifisch (zum Beispiel nur Diabetes oder Kardiologie) und technisch nicht einheitlich integriert.
Und der nächste gewaltige Innovationsschub steht schon vor der Tür: die künstliche Intelligenz. „Dabei sollte man zwei Bereiche unterscheiden“, sagt Mediziner Meryn, „administrativ-organisatorische Digitalthemen wie Patientenaufnahme, Termin- und OP-Planung oder Abrechnung und klinisch-medizinische Anwendungen.“
Administrative KI-Lösungen sind international weit entwickelt und werden in Teilbereichen auch in Österreich genutzt. Im klinisch-medizinischen Bereich setzen Vorreiter wie die USA, Israel und China bereits KI-gestützte Dokumentation, automatische Verordnungen, Kommunikation mit Apotheken und Hausärzten sowie Patientenerinnerungen erfolgreich ein. „Europa, speziell Österreich, liegt da deutlich zurück – trotz offensichtlicher Effizienzgewinne“, kritisiert Meryn.
Digital first.
Digital vor ambulant vor stationär – so lautet das Konzept der Zukunft. Davon ist nicht nur Meryn überzeugt. Die Möglichkeiten sind jedenfalls gewaltig. So werden etwa in den USA Arzt-Patienten-Gespräche von der KI aufgezeichnet und zusammengefasst. Diese werden dann dem Patienten vorgelegt und von ihm freigegeben, anschließend generiert das System automatisch Zuweisungen, Rezepte, Apothekeninformationen, Hausarztbriefe und Reminder (siehe auch Kasten rechts).
KI heilt nicht alles.
Vor Illusionen muss allerdings gewarnt werden: „Wenn Organisation und Abläufe nicht passen, nützt auch die beste Technologie nichts“, zerstört Gesundheitsexperte Christoph Hörhan die Hoffnung, dass die Digitalisierung alle Probleme löst. „E-Health alleine beseitigt noch keine Ineffizienzen“, so der Gründer der wichtigsten Branchenplattform, des Austrian Health Forums.
Fragmentierte Prozesse, viele Doppelgleisigkeiten, lange Kommunikationswege, überlastetes Fachpersonal – Spitäler gelten nur selten als Hort der Effizienz. Auch das Klinikum Wels-Grieskirchen war vor zwei Monaten in die Negativschlagzeilen geraten, weil sich für eine Frau, die mit einem lebensbedrohlichen Aorteneinriss ins benachbarte Krankenhaus Rohrbach gekommen war, in Wels als Spezialklinik kein freies Bett auf der Intensivstation fand. Allerdings: Eine nach dem Tod der Frau eingesetzte Untersuchungskommission kam später zu dem Ergebnis, dass Wels-Grieskirchen die Patientin hätte aufnehmen können, wegen fehlender „Flexibilität“ im Intensivbereich sei es aber nicht dazu gekommen.
Wenn Daten nicht einheitlich erfasst, die Dokumentations- und Informationssysteme der Spitäler nicht kompatibel, Kompetenzen und Zuständigkeiten zersplittert sind, kann auch die beste KI nichts ausrichten. „Das Zauberwort für die Reform des Gesundheitswesens heißt ‚Finanzierung aus einer Hand‘“, betont denn auch Hörhan, „Geld und Verantwortung gehören zusammen, es braucht eine bundesweite Koordination.“


Überfüllte Ambulanzen. Weil es in Österreich keine funktionierende Patientensteuerung gibt, landen zu viele Menschen unnötig in Spitälern. Die Folge: überforderte Kapazitäten und extrem lange Wartezeiten.
Qualität statt Nähe.
Wozu die jetzige Struktur in der Praxis führt, zeigt die zersplitterte Spitalsstruktur in Österreich. Während Länder wie Dänemark mit immerhin sechs Millionen Einwohner:innen fünf echte Kompetenzzentren errichtet haben, kämpft in Österreich jede Gemeinde und jedes Bundesland um „ihr“ bzw. „sein“ Spital – auf Kosten der medizinischen Qualität, weil dort in der Regel viel zu selten komplexe Eingriffe vorgenommen werden. Medizinische Kompetenz statt Nähe – in Österreich leider nein.
„Wir brauchen dringend eine Entpolitisierung der digitalen Transformation“, fordert Meryn angesichts der rasanten Entwicklung auf diesem Gebiet und der ungenutzten Möglichkeiten, „notwendig sind eine nationale Einigung, klare Ziele für fünf Jahre und Herausnahme aus der Tagespolitik.“
Vergaberechtsexperte Schiefer unterstreicht das: „Nicht nur die Telemedizin, sondern die Digitalisierung insgesamt wird zur zentralen Infrastrukturkomponente moderner Krankenhäuser. Wer die Effizienz im Gesundheitssystem steigern will, kommt an digitalen Versorgungsmodellen nicht vorbei.“
KI & Medizin
Wo die Zukunft begonnen hat
Digitales Spital.
Digitale Patientenaufnahme und OP-Planung, das ist in modernen Krankenhäusern schon weit verbreitet. Doch die Digitalisierung, speziell der Einsatz von künstlicher Intelligenz, bietet noch viel weiter gehende Möglichkeiten:
» In Ländern wie Spanien oder Estland erfolgen bereits 25 bis 30 Prozent der Arztkontakte digital, also mittels Videokonsultationen.
» In den USA wird künstliche Intelligenz bereits eingesetzt, um Gespräche zwischen Arzt und Patient:innen aufzuzeichnen und zusammenzufassen. Vom Patienten überprüft und freigegeben, generiert das System anschließend automatisch Zuweisungen, Rezepte, Apothekeninformationen, Hausarztbriefe und Reminder.
» Technologiekonzerne haben Multi-Agenten-Systeme vorgestellt, bei denen spezialisierte KI-Agenten abgestimmt Hypothesen testen, Tests auswählen, Leitlinien-Compliance prüfen, Kosten und Nutzen abwägen und Qualitätskontrollen durchführen – für ein Spital allein ist das in dieser Form nicht zu leisten.
» Die Stadt Boao im Süden Chinas ist derzeit das Mekka des KI-Fortschritts im Gesundheitswesen. Das Motto des dortigen „KI-Spitals“: Statt dass Patient:innen nach der richtigen Behandlung suchen, kommt die richtige Behandlung zu ihnen. Schon bevor ein Patient in das Krankenhaus kommt, beschreibt er seine Symptome telefonisch einer künstlichen Intelligenz und lädt vorhandene Befunde hoch. Auf dieser Basis bewertet die KI die Dringlichkeit und mögliche Risiken. Beim Eintreffen des Patienten hat der behandelnde Arzt bereits eine strukturierte Zusammenfassung des Falles. Nach der Behandlung verschickt die KI automatisiert Erinnerungen zur Fortsetzung der Therapie zu Hause inklusive Anleitungen zur Einnahme von Medikamenten.