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Die 2018/19 eingeführten Deutschförderklassen hätten mehr Autonomie bedurft. "Was ich immer kritisiert habe, war, dass es ein zu enges Gerüst gab. Autonomie heißt Verantwortung und Freiheit", so der Bildungsminister. Wenn man nicht ausreichend Deutsch könne, sei Bildung kaum möglich, der Spracherwerb "ist nicht optional", so Wiederkehr.
Das geplante zweite verpflichtende Kindergartenjahr sei wichtig, da "aus kulturellen Gründen" gerade jene, die ein zweites Jahr für den Spracherwerb bräuchten, oftmals nur ein Jahr den Kindergarten besuchen. "20 Stunden reichen oft nicht", wären Wiederkehr 30 Wochenstunden für Kinder mit Deutschdefiziten lieber. Derzeit würden dazu Gespräche laufen. Aber auch die Deutschförderung in den Kindergärten gehöre verbessert, in den Budgetverhandlungen sei es gelungen, "mehr Geld für die Kindergärten" aufzustellen.
Der Ausbau der Plätze im Kindergarten müsse einhergehen mit einer Qualitätsverbesserung des Personals. Denn "in den Kindergärten entscheidet sich die Zukunft unserer Republik", so Wiederkehr. Ab kommendem Semester kann man erstmals Elementarpädagogik an der Uni studieren. Ein Problem mit der Bezahlung von Elementarpädagogen und -pädagoginnen sieht er nicht. "Da hat sich in den letzten Jahren schon viel getan (...). Mehr geht immer, aber ich bin als Minister auch nicht verantwortlich für die Gehaltsverhandlungen."
Wiederkehr verteidigte auch seine Pläne für eine sechsjährige Volksschule sowie die Zuteilung des "Chancenbonus". Bei Ersterem habe es "sehr viel Interesse" gegeben, Pilotschule zu werden. Der Drang in Richtung Gymnasium sei gerade im städtischen Umfeld recht groß, "wenn man das erst mit zwölf macht, dann wissen die Kinder auch schon besser, wo ihre Stärken sind. Mit zehn ist es vor allem ein Test der Eltern."
Der "Chancenbonus", der ab Herbst 400 Schulen mit vielen Kindern aus bildungsfernen Milieus bzw. Deutschdefiziten mit zusätzlichem Unterstützungspersonal ausstattet, wurde im Vorfeld kritisiert. Besonders belastete Schulen seien leer ausgegangen, andere zur Teilnahme am eigentlich freiwilligen Programm gedrängt worden. Der Chacenbonus sei nur nach Bedarf und nicht "mit der Gießkanne" verteilt worden, entgegnete Wiederkehr der Kritik, zu einem großen Teil würden nur Schulen in der Bundeshauptstadt profitieren. "Es gab keinen politischen Kuhhandel", betonte Wiederkehr. Der Chancenbonus sei für die gesamte Legislaturperiode gesichert.
Beim politisch heißesten Eisen - dem Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 - wird ab Herbst "scharf gestellt". Derzeit läuft noch die Aufklärungsphase. Dass das Verhältnis zwischen Schülerinnen und Lehrkräften darunter leiden könnte, glaubt er nicht. Lehrer müssen Verstöße bei der Direktion melden, diese nimmt dann Kontakt mit den Eltern auf. Wird weiter Kopftuch getragen, müssen sich die Direktionen an die Behörde wenden. "Und dann werden die Eltern sanktioniert, nicht die Kinder. Das Verhältnis zwischen Schülerin und Lehrer bleibt intakt", glaubt Wiederkehr. Wichtig sei ihm aber "Kooperation vor Sanktion". Er betonte auch, dass sich das neue Verbot klar von jenem unterscheidet, das 2020 vom Verfassungsgerichtshof gekippt wurde. Man habe eine begleitende Studie in Auftrag gegeben, "mehrere Tausend" Mädchen seien betroffen.
Kommen soll auch die "Mittlere Reife" nach der neunten Schulstufe. Allerdings nicht als "ein Test mit 15." Schon in den Jahren davor solle es zentrale Testungen geben, über die festgestellt werden soll, wenn Grundkompetenzen fehlen. "Wer sie nicht erreicht, wird länger die Schule besuchen müssen." Nicht geben wird es mit ihm eine "reine Verländerung" des Bildungssystems, über eine sinnvolle Kompetenzenverteilung müsse man aber reden. Angelaufen sei in einigen Schulen eine Pilotphase zur Bewertung der Lehrer, damit auch diese Rückmeldung bekommen.
Nach wie vor gibt es in Österreich einen Lehrermangel, das Angebot für Quereinsteiger wird aber zurückgefahren. "Wir haben keinen österreichweiten Fachkräftemangel mehr", sondern nur noch regional und in einzelnen Fächern, so Wiederkehr. Sein Ziel sei es allerdings, den Quereinstieg unabhängig vom Lehrermangel aufrecht zu erhalten.
Einer der Koalitionspartner machte indes auf die Sonderpädagogik aufmerksam. Im Regierungsprogramm festgehaltene Maßnahmen wie ein Rechtsanspruch auf ein 11. und 12. Schuljahr für Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf sollten rasch umgesetzt werden, betonte ÖVP-Bildungssprecher Nico Marchetti. Scharf fiel hingegen die Oppositionskritik an Wiederkehr aus. "Bildungsminister Wiederkehr ist gut im Ankündigen, aber schlecht im Umsetzen", befand die grüne Bildungssprecherin Sigrid Maurer. Der Ausbau von Unterstützungspersonal sei "ein Tropfen auf dem heißen Stein." Der blaue Bildungssprecher Hermann Brückl wiederholte die freiheitliche Forderung nach "konsequenter Deutsch-Pflicht vor dem Schuleintritt." Die Industriellenvereinigung ließ wissen: Der eingeschlagene Weg sei richtig, nun komme es auf die Umsetzung an.