„Pensionsparadiese im öffentlichen Dienst sind inakzeptabel“

„Pensionsparadiese im öffentlichen Dienst sind inakzeptabel“

Pensionsexperten Bernd Marin, Hans-Werner Sinn und Heribert Karch (v.li.).

Die Welt bei Österreichs Pensionsvorsorge ist zweigeteilt. Fast jeder im öffentlichen Dienst bezieht eine betriebliche Vorsorge, fast keiner im privaten Sektor. Das soll sich ändern. Was Pensionsexperten Bernd Marin, Hans-Werner Sinn und Heribert Karch noch für spannende Vorschläge haben, um das marode Pensionssystem zu sanieren.

„Die Pensionen sind sicher“, lautet ein Stehsatz der Politik, der Pensionsexperten Bernd Marin, anlässlich des heute startenden Altersvorsorgegipfels in Wien, wieder auf die Palme treibt.

„Pensionsparadiese stehen Pensionswüsten gegenüber"

Zum einen prangert der Altersforscher die „Luxusrenten im öffentlichen Dienst“ an. Schuld daran seien völlig überzogene Rentenbezüge in Form von betrieblichen Pension im öffentlichen Dienst „bezahlt durch öffentliche Zuschüsse, Kammerbeiträge oder überhöhte Tarife und andere Quersubventionen“, wettert Marin. "Diesen Pensionsparadiesen wie jenen in der Nationalbank oder der ÖBB stehen Pensionswüsten im Privatsektor gegenüber." In diesem Bereich haben gerade einmal große Firmen wie Siemens oder IBM eine betriebliche Vorsorge. Klein- und Mittelständische Betriebe bieten nahezu allesamt keine betriebliche Vorsorge an.
Zum anderen prangert der Pensionsexperte ausufernde Mehrfachbezüge bei Pensionen an. Zudem würden rund eine dreiviertel Million Menschen in Österreich eine Pension beziehen, obwohl sie im besten Erwerbsalter wären.

Nullzinspolitik der EZB lässt Altersvorsorge erodieren

Der deutsche Starökonom Hans-Werner Sinn sieht die Pensionen vor allem durch die Null- und Negativzinspolitik der EZB gefährdet. „Die Erträge der privaten Altersvorsorge erodieren auf diese Weise.“ Auch durch das Ausbleiben der Verzinsung der Nettokredite, die Länder wie Deutschland oder Österreich im Ausland vergeben haben und durch die EZB-Politik keine Erträge erwirtschaften konnten, würde den Wohlstand der Nettokreditgeber-Länder senken und damit letztlich auch deren Pensionssystem. Und rechnet vor: Hätten die sechs EU-Krisenländer dieselben Zinsen zahlen müssen wie im Jahr 2007, hätten diese alleine seither Kreditgeber Deutschland 446 Milliarden Euro an Zinsen zahlen müssen.


Die Rettungspolitik der EZB geht zu Lasten der Sparer in Österreich

Die Rettungspolitik hat riesige Umverteilungswirkungen zu Lasten der Sparer in Österreich
„Die Rettungspolitik hat riesige Umverteilungswirkungen zu Gunsten der Staaten in Südeuropa und zu Lasten der Sparer in Deutschland und Österreich“, analysiert Sinn. Der Vermögensumverteilungseffekt hat jedem Land, das den Krisenländern Geld geborgt hat, so schon viel Geld gekostet.“ Deutschland ist nach Japan und vor den USA der größte Nettokreditgeber der Welt. Sinn hofft, dass sich die EZB der Zinswende in den USA anschließt und nicht weiter Staaten vor der Überschuldung rettet, da das nicht deren Aufgabe sei. Ein weiteres Problem für die Altersvorsorge sieht Sinn in der sinkenden Geburtenrate. „Die Menschen wollen Renten von Kindern, die es nicht mehr in ausreichendem Maße gibt.“

Sanierung der staatlichen und betrieblichen Vorsorge als vorrangiges Ziel


Die Experten sind sich jedoch einig, dass die Pensionslücke von heute rund 45 Jährigen und jüngeren bei deren Pensionsantritt massiv ausfallen wird. Marin: „Der einzige Ausweg ist es das staatliche Pensionssystem zu sanieren und eine verpflichtende Einführung der betrieblichen Vorsorge für alle Arbeitnehmer.“ Und der Altersexperte plädiert bei der betrieblichen Vorsorge dafür, den Arbeitnehmern den Ausstieg aus dieser Zusatzvorsorge so schwer wie möglich zu machen, um das angesparte Geld nicht vor Pensionsantritt bereits ausgeben zu können. Es gebe auch einen Bedarf die 3. Säule der Pensionsvorsorge zu verbessern. "Doch das wichtigste ist in einem ersten Schritt die staatliche und die betriebliche Vorsorge auf solide Beine zu stellen", sagt Marin.


Kursanstieg an den Börsen war eine reine Luftnummer

Uni-Professor Sinn sieht auch im Fall einer Stärkung der zweiten Säule und Sanierung der ersten Handlungsbedarf für den Einzelnen. „Da immer wenige Nachkommen für die Pensionen einzahlen, wird sich das Umlagesystem nicht ausgehen. Durch die niedrigen Zinsen macht auch die betriebliche Vorsorge nicht viel Sinn, wenn es auch immer besser ist, etwas für das Alter zu sparen, als gar nichts. „
Das Argument, dass durch die Niedrigzinsen die Renditen an den Börsen hinaufgeschnellt sind und sich so mehr Geld verdienen lässt, hält Sinn entgegen: „Das ist doch eine reine Luftnummer“. Basiere der Anstieg an den Börsen doch in den vergangenen Jahren doch nur aufgrund der gesunkenen oder nicht vorhandenen Renditen in konservativen Anlageklassen.

Pflichtsparprogramm für junge Menschen reaktionär?

Sinn plädiert auch für ein Pflichtspargramm für junge Menschen. „Für jedes geborene Kind, sinkt der Anteil der Sparrate“, so ein Vorschlag. „Damit werden die Kosten für das Aufziehen von Kindern, die später in einen allgemeinen Pensionstopf einzahlen, zwar weiterhin den Eltern angelastet. Aber wer keine Kinder hat, muss für seine Pension selber mehr Geld zur Seite legen.“ Marin hält diesen Ansatz für reaktionär. Sinn argumentiert weiter: „Ein weiterer Effekt wäre, dass die Geburtenrate damit angekurbelt werden würde.“

Einführung des umlagefinanziertes Pensionssystem sorgte für Geburtenrückgang

Dass der gegenteilige Effekt eintreten kann, zeigte laut Sinn schon die Einführung des ersten deutschen umlagefinanzierten Pensionssystems Ende des 19. Jahrhunderts durch Reichskanzler Otto von Bismarck. „Da man um im Alter zu überleben, keine Kinder mehr benötigte, da man sowieso eine Pension bezogen hat, ist die Geburtenrate zurückgegangen.

Deutsche Rentenreform setzte zu sehr auf private Vorsorge

Es den Deutschen nachzumachen, die vor rund 17 Jahren eine Rentenreform durchgeführt haben, rät Heribert Karch, Chef der betrieblichen Altersvorsorge aba-Arbeitsgemeinschaft ab. So ist dort die staatliche Altersvorsorge erheblich reduziert wurde, die während der Aktivzeit im Schnitt bezogen wurden, gesunken, „doch der Fokus wurde zu so sehr auf den Ausbau der privaten Vorsorge gelegt. Da hat die Politik Fehler gemacht.“ Nun stünden viele, die entweder gar nicht vorgesorgt hätten oder aufgrund der Niedrigzinspolitik nur geringe oder keine Verzinsung zustande gebracht hätte, vor der Altersarmut. Der Vorteil der betrieblichen Vorsorge gegenüber staatlich geförderten Pensionsvorsorgemodellen wie die deutsche Riester-Rente – die kaum angenommen wird- , das diese keine teures und vergleichsweise starres Kapitalgarantie-Modell beinhalten müsse.

Mittlerweile hat die Politik in Deutschland die Schwächen des Pensionssystems erkannt und versucht nun die betriebliche Altersvorsorge anzukurbeln, indem Arbeitgeber per Kollektivverträgen verpflichtend werden eine betriebliche Vorsorge anzubieten. Wenn auch die Zahl jener, die einen Berufsgruppen, die einen Kollektivvertrag haben in Deutschland im Vergleich zu Österreich gerade einmal bei einem Drittel aller Arbeitnehmer liegt.

Forderung: Betriebliche Pensionsvorsorge für alle Pflicht

„Ein solide finanziertes Pensionssystem bietet eine Kombination aus staatlicher und betrieblicher Vorsorge“, resümiert Marin. Beispiele dafür wären Holland, Dänemark und die Schweiz. Marin plädiert dafür, dass alle Arbeitnehmer für alle Arbeitgeber verpflichtend eine betriebliche Pensionsvorsorge einführen.


Eine Generation, die weder Kinder großzieht noch spart, muss im Alter hungern, denn von nichts kommt nichts“.

Doch auch wenn die erste und zweite Säule künftig auf besseren Beinen stehen würde, sieht Sinn die Leistungen, die aus diesem System kommen skeptisch: „Das Umlagesystem wird außerstande sein, das nötige zu leisten.“ Er rät daher: „Fleißig sparen.“ Besser heute Konsumverzicht leisten als im Alter arm sein. „Eine Generation, die weder Kinder großzieht noch spart, muss im Alter hungern, denn von nichts kommt nichts“.

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