Massiver Anstieg bei Privatkonkursen - Firmenpleiten stagnieren

Massiver Anstieg bei Privatkonkursen - Firmenpleiten stagnieren

Die Zahl der Privatinsolvenzen ist laut Kreditschutzverbands KSV1870 mit dem Inkrafttreten des neuen Insolvenzrechts geradezu explodiert. Die Zahl der Firmenpleiten bleibt im 1. Halbjahr 2018 gegenüber dem Vorjahreszeitraum stabil. Die Schuldenhöhe ist allerdings gestiegen. Ebenso die Zahl der von Pleiten betroffenen Mitarbeiter.

Die Insolvenz-Halbjahresbilanz 2018 vom Kreditschutzverband KSV1870 ist gekennzeichnet von Licht und Schatten. Die Zahl der Unternehmenspleiten ist nur um 0,8 Prozent auf 2595 Insolvenzfälle gestiegen. Allerdings sind die damit verbundenen Insolvenzverbindlichkeiten um 37,9 Prozent auf 921 Millionen Euro geklettert. Ebenso kam es um einen massiven Anstieg der betroffenen Mitarbeiter: Gegenüber dem 1. Halbjahr des Vorjahres haben mit 10.700 Beschäftigten um 48,6 Prozent mehr Menschen wegen der Pleite ihres Unternehmens den Job verloren.

Bei den Firmenpleiten wurden bei 1060 Unternehmen das Insolvenzverfahren mangels kostendeckendem Vermögen schon gar kein Verfahren mehr eröffnet. Der massive Anstieg der Passiva ist auf einige Großpleiten zurückzuführen - darunter die Pleite gegangene Airline Niki, die bei ihrem Bauchfleck im Jänner Schulden von insgesamt 153 Millionen Euro angeschrieben hatte. Wienwert folgt mit 71,1 Millionen, auf Rang drei folgt Fill Metallbau mit 42,4 Millionen vor Forstinger mit 32,4 Millionen Euro.

Fast unverändert ist die Rangliste der Pleite nach Branchen. Nummer 1 sind die Unternehmensbezogenen Dienstleistungen mit 463 Pleiten vor der Bauwirtschaft mit 427 und dem Gastgewerbe mit 390 Insolvenzen.

Der angesagte Tsunami

Einen kräftigen Anstieg mit einer Verdreifachung der Schulden 1,069 Milliarden Euro wurden bei den Privatkonkursen im 1. Halbjahr 2018 verzeichnet. 5519 Privatkonkurse wurden beantragt, was um 86 Prozent mehr sind als im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Wenig überrascht zeigt man sich bei den Kreditschützern vom KSV1870. Die Gläubigerschützer vom KSV1870 hatten bereits mit der Insolvenzrechtsnovelle zum Jahresende 2017 geradezu einen Tsunami bei den Privatpleiten für dieses Jahr prognostiziert.

Im Vorjahr kam es zu einem kräftigen Rückgang der Privatpleiten. Es wurde damit gerechnet, dass viele Privatkonkurse ins Jahr 2018 geschoben wurden.

Was nun auf den ersten Blick nach einer gewaltigen Steigerung der Pleiten ausschaut, wird von KSV-Experte Hans-Georg Kantner dennoch relativiert. Die Zahl der Privatkonkurse ist trotz des jüngsten Anstiegs seit 2012 rückläufig. Aufgrund des Inkrafttretens des neuen Insolvenzrechtes im November 2017 haben offenbar viele Pleitiers darauf spekuliert in das für sie günstigere Insolvenzrechts zu fallen. Daher war auch die Zahl der Privatkonkurse im Vorjahr massiv zurückgegangen. Im Vergleich mit dem Normaljahr 2016 ist heuer die Zahl der Privatkonkurse lediglich um 20 gestiegen.

Schon weit vor der Novelle im November 2017 galt die Herabsetzung der im Abschöpfungsverfahren geregelten Zahlungsfrist von ursprünglich sieben auf nunmehr fünf Jahre sowie der komplette Wegfall der Schuldenquote von bisher zehn Prozent als fix. "Viele Schuldner glauben, dass sie nun nichts mehr bezahlen müssen", kritisiert Kantner. Was jedoch so nicht zutrifft. Denn die Schuldner werden mit der Novelle in die Pflicht genommen sich eine entsprechende Beschäftigung zu suchen, damit auch über das pfändbare Einkommen hinaus weitere Mittel zur Schuldentilgung aufgebracht werden.

Die Erfahrung der ersten acht Monate des novellierten Insolvenzrechts bestätigten den KSV-Experten, dass die im Zahlungsplan angebotenen Quoten sinken und bestenfalls fünf Prozent betragen. "Es ist seit der Novelle schwieriger Schuldner im Zahlungsplan dazu zu bewegen, mehr als fünf oder gar über zehn Prozent ihrer Schulden im Pleitefall zurückzuzahlen", so Kantner.

Die größeren Privatkonkurse wurden vor allem von ehemaligen Unternehmern verursacht, die laut KSV-Experte Kantner "auffällig hohe Verbindlichkeiten" hatten. Die ehemaligen Unternehmer mit besonders hohen Schulden dürften sich im Jahr 2017 bis zur Insolvenznovelle zurückgehalten haben und nun für die immensen Zuwächse bei den Privatpleiten sorgen. Rund 30 Prozent der Privatpleiten seien die Folge der Insolvenz ihrer Unternehmen.

Der Knieschuss

Mit Kritik an der Novelle des Insolvenzrechts hat der KSV1870 auch zur Präsentation des Halbjahres-Insolvenzberichts 2018 nicht gespart. Durch die Herabsetzung der Zahlungsfristen sei die Administration gestiegen. "Es gibt mehr Einleitungshindernisse und eine Ausdehnung der Verfahrensdauer. Die Gerichte und Gläubigerschützer müssen nun nach der Novelle verstärkt prüfen", kritisiert KSV-Insolvenz-Experte Kantner.

Einen positiven Ausblick hat der KSV1870 für das Gesamtjahr. Wurde im November noch von einem kräftigen Anstieg der Firmen- und Privatpleiten ausgegangen, rechnet die Gläubigerschützer vom KSV mit "keinem signifikanten Zuwachs", was die Anzahl der Pleitefälle anbetrifft. Allerdings wird mit einem weiteren Anstieg bei den Passiva gerechnet sowie mit einem kräftigen Zuwachs der Dienstnehmer, die infolge der Pleiten ihren Job verlieren werden.

Bei den Unternehmensinsolvenzen rechnet KSV-Experte Kantner mit rund 5000 Pleiten, was in etwas dem Vorjahresniveau entspricht. Bei Privatkonkursen mit insgesamt 9500 bis 10.000 Fällen.

Den gegenüber November 2017 revidierten, nunmehr positiveren Ausblick begründet der KSV damit, dass das Investitionsklima seitens der Unternehmer weiterhin ungebrochen gut sei. 78 Prozent der 23.000 KSV-Mitglieder beurteilen die Konjunktur weiterhin positiv, 58 Prozent der Unternehmen geben bei den politischen Rahmenbedingungen für Investitionen die Note "gut". Rund die Hälfte der Unternehmen quer durch alle Unternehmensgrößen wollen die Investitionen erhöhen.

Der Wunschzettel

Gegenüber der Regierung gibt es dennoch weiterhin fünf größere Wünsche seitens der Unternehmer, wie der KSV bei seiner Firmenumfrage festgestellt hat.

Laut KSV-Geschäftsführer Ricardo-José Vybiral steht an erster Stelle weiterhin der Bürokratieabbau (76 Prozent), auf Rang zwei die Senkung der Steuertarife auf Einkommen, drittens die Förderung der Wirtschaft allgemein (56 Prozent). Auf Rang 4 folgt bereits die Flexibilisierung des Arbeitsrechts unter anderem aufgrund der voranschreitenden Digitalisierung. Auf Platz 5 der Wunschliste an die Regierung erwarten die Unternehmer die Erhöhung des betrieblichen Gestaltungsspielraumes.

Sand im Getriebe

Für "Sand im Getriebe", so KSV-Chef Vybiral, sorgt neben der Novelle des Privatkonkurses jedoch noch immer die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO), die seit 25. Mai 2018 Rechtsgeltung bekommen hat.

Waren im März laut KSV-Umfrage nur zehn bis 15 Prozent "DSGVO-Ready", so dürften es nunmehr noch immer nur die Hälfte der Firmen sein. KSV-Chef Vybiral: "Die Unternehmer setzen auf drei Strategien: Umsetzen, durchtauchen und nach und nach sich DSGVO-fit machen oder weiterhin abwarten, und allmählich sich DSGVO-fit machen, auch wenn sie Risiko laufen, von Kontrolleuren aufgedeckt und abgestraft zu werden."

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