KSV rechnet mit "Pleite-Tsunami" im Herbst

Die Zahl der Privatkonkurse ist im ersten Halbjahr um ein Drittel zurückgegangen. Auch der Wert bei den Firmenpleiten ist kräftig gesunken. Von Entwarnung an der Pleitefront kann nach Angaben des Gläubigerschutzverbandes KSV1870 nicht die Rede sein. Für das 2. Halbjahr wird gar mit einem "Pleite-Tsunami" gerechnet.

KSV rechnet mit "Pleite-Tsunami" im Herbst

Hans-Georg Kantner (li.) vom KSV1870 und Geschäftsführer Ricardo-José Vybiral präsentieren die Pleitestatistik für das 1. Halbjahr 2017.

Der klassische Pleitier ist in der Mehrzahl männlich, 20 bis 25 Jahre als, ist Städter, vorzugsweise aus Wien, hat keine Matura. Aber wie kommt es dazu, dass Menschen in Privatinsolvenz schlittern? "Diese Menschen leben einfach über die Verhältnisse, sie haben einen überbordenden Lebensstil", sagt KSV1870-Geschäftsführer José-Ricardo Vybiral. "Das geht eindeutig aus den Zahlen, Daten und Fakten hervor, die wir erheben."

Der Kauf von Unterhaltungselektronik, Online-Einkäufe, Spielsucht sowie Drogenkonsum seien die Hauptgründe für das Abdriften in den Privatkonkurs. In nur ganz wenigen Fällen würden Lebenskrisen, Krankheit oder die Übernahme von Bürgschaften Privatpersonen in die Zahlungsunfähigkeit treiben.

2935 Personen haben im im 1. Halbjahr 2017 Privatinsolvenz beantragt, was um 30,7 Prozent weniger ist als im Vergleich zum Vorjahreshalbjahr. Die Schuldner hatten bei den Gläubigern dabei insgesamt 309 Millionen Euro angeschrieben. Die Passiva ging gegenüber dem Vorjahreshalbjahr somit um 40,9 Prozent wertmäßig zurück, als noch 523 Millionen Euro Schulden verzeichnet wurden.

Die leichte Brise vor dem Sturm

Auch wenn der Trend der rückläufigen Pleiten seit dem Jahr 2012 auch heuer anhält, wollen die Gläubigerschützer vom KSV1870 keine Entwarnung geben. Im Gegenteil: Für das zweite Halbjahr 2017 rechnen die Gläubigerschützer wieder mit einem Anstieg der Privatpleiten. Als Hauptgrund nennt KSV-Insolvenzexperte Hans-Georg Kantner die bevorstehende Reform des Insolvenzrechts. Angesichts der zu erwartenden Insolvenznovelle würden viele Schuldner "seit Monaten nicht den Insolvenzantrag stellen, obwohl sie dazu nach dem Gesetz verpflichtet wären", glaubt Kantner.

Doch die Zahlen verheißen "nichts Gutes", wie KSV-Insolvenzexperte Kantner meint. "Es gibt bereits Schuldner, die sich auf die Zeit nach der Insolvenzrechtsnovelle vorbereiten und auch schon von Anwälten beraten werden." Kantner rechnet damit, dass alle zurückgehaltenen Konkursanträge im zweiten Halbjahr kommen werden. Somit wird die Zahl der Insolvenzanträge auf über 8000 ansteigen, was in etwa dem Wert des Vorjahres entspricht.

Der Schmuggel

"Über Nacht" habe die Regierung am 30. Jänner 2017 "die zweite Chance - Kultur de Scheiterns" als Credo für die Insolvenzrechtsnovelle auserkoren. "Das hatte zunächst auf die Entschuldung bei Unternehmen abgezielt, später wurde die Entschuldung von Konsumschulden in die Regierungsvorlage hineingeschmuggelt", behauptet Kantner. Nun würden auch viele Konsumschuldner darauf warten, von dem neuen Insolvenzrecht zu profitieren.

In der Gesetzesvorlage Insolvenzrechtsnovelle sind auch Erleichterungen für Konsumschuldner vorgesehen, um leichter und vor allem billiger in Privatkonkurs zu gehen. Vorgesehen ist eine Fristverkürzung des Abschöpfungsverfahrens von 7 auf 3 Jahre sowie der Entfall der Mindestquote. Dadurch würde von sich aus der Anreiz an Schuldner weitgehend wegfallen, von sich aus einen akzeptablen Zahlungsplan vorzulegen.

Seit der "Nacht- und Nebelaktion" Ende Jänner ist es nach einer weiteren Begutachtung im Justizausschuss bis zum 5. Mai in der Zwischenzeit wieder ruhig geworden um das Insolvenzrechtsänderungsgesetz, meint Kantner. Anfang Mai sollte das neue Insolvenzrecht eigentlich durchgewunken werden. "Das Gefühl sagt mir, die Parlamentarier werden die Regierungsvorlage wie im Jänner eingebracht, beschließen", sagt Kantner.

Die Novelle würde nach Meinung der Gläubigerschützer in der vorliegenden Form Gläubigern und Gerichten Mehrarbeit bringen und letztendlich zu einer massiven Rückgang der Quoten an die Gläubiger führen. In Zahlen: Im heurigen Jahr fließen bei einer Milliarde Passiva immerhin 15 Prozent - also 150 Millionen Euro - zurück an die Gläubiger. Nach der Novelle rechnet der KSV1870 bei Forderungen in der Höhe von 1,3 Milliarden Euro mit Rückflüssen von maximal 8 Prozent oder 100 Millionen Euro in die Kassen der Gläubiger.

Nach dem es nun zu einem Rückgang der Pleiten gekommen war, würde wie bei einem "Tsunami" im Meer, wo das Wasser zurückweicht, im zweiten Halbjahr 2017 die Zahl der Pleitefälle wieder ansteigen.

Die Beruhigung bei Firmenpleiten

Bei den Unternehmensinsolvenzen kam es im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu einem Rückgang um 4,1 Prozent auf 2542 Insolvenzen. Wegen zu wenig Vermögen wurden bei 1028 Insolvenzfälle die Insolvenz nicht eröffnet. Die Zahl der betroffenen Dienstnehmer sank um 22 Prozent auf 7400.

Ein kräftige Minus bedeutet der Rückgang bei den Passiva: Gegenüber dem Vorjahreshalbjahr sind die Schulden um 63,8 Prozent von 1,8 Mrd. Euro auf 652 Millionen Euro zurückgegangen. Die wertmäßig große Differenz zum Vorjahr ist unter anderem auf drei Großpleiten - zwei ukrainische Holdinggesellschaften und das Card Casino - zurückzuführen.

Bundesland Fälle 2017 Fälle 2016 Veränderung Passiva 2017 in Mio. EUR Passiva 2016 in Mio. EUR
Wien 1270 1701 -25,3% 104 160
Niederösterreich 363 527 -31,1% 52 67
Burgenland 32 68 -52,9% 4 8
Oberösterreich 404 644 -37,3% 43 81
Salzburg 168 202 -16,8% 23 35
Vorarlberg 106 207 -48,8% 10 22
Tirol 154 303 -49,2% 15 50
Steiermark 280 326 -14,1% 39 55
Kärnten 158 255 -38,0% 19 45
Gesamt 2935 4233 -30,7% 309 523

Einen Ausreißer gab es laut KSV allerdings im Bundesland Niederösterreich, wo die Zahl der Pleitefälle um rund 20 Prozent gestiegen ist. Dabei handle es sich vorwiegend Klein- und Kleinstunternehmen, die nicht ordentlich liquidiert werden. Bei diesen Unternehmen hat es meist keine Abwicklung mehr gegeben. Die Passiva sind in Niederösterreich trotz Anstieg Insolvenzfälle mit 23 Prozent deutlich zurückgegangen.

Dank positiver konjunktureller Anzeichen rechnet der Gläubigerschutzverband bei Firmenpleiten heuer alles in allem mit einer "ruhigen Lage". "Wir stehen an der Schwelle einer Konjunkturbelebung", sagt Kantner.

Über das Jahresende hinaus warnt der KSV1870, dass es trotz Konjunkturbelebung wieder zu einem Anstieg der Pleiten kommen kann. Mit der Konjunkturbelebung rechnet der Gläubigerschützer auch mit einem Anstieg der Zinsen auf ein normales Niveau. Denn dann würden die Zinsen wieder auf ein normales Niveau ansteigen - "und damit auch die Insolvenzen. Dies würde frühestens 2018 spürbar sein.

Die üblichen Spitzenreiter

Keine Veränderung gibt es in der Reihung der Pleiten nach Branchen. Die Gastronomie, das Bau - und Baunebengewerbe sowie die unternehmensbezogenen Dienstleistungen haben demnach die meisten Pleiteunternehmen.

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