KSV-Chef Vybiral: "Den Pleiten-Tsunami sehen wir nicht"

Ricardo-José Vybiral, CEO der KSV1870 Holding AG, über Firmenpleiten und Digitalisierungsdruck durch die Coronakrise.

Ricardo-José Vybiral, CEO der KSV1870 Holding AG.

Ricardo-José Vybiral, CEO der KSV1870 Holding AG

trend: Wie bewerten laut Ihren Erhebungen die heimischen Unternehmen ihre Chancen nach der Coronakrise?
Ricardo-José Vybiral: Mit Beginn der Coronakrise ist die Geschäftslage in vielen Unternehmen quasi über Nacht massiv eingebrochen. Aktuell wird diese von 45 Prozent der Betriebe positiv bewertet. Die Geschäftsöffnungen seit Mitte Mai sollten einen zusätzlichen Schub geben. Das Beste ist: Trotz aller Turbulenzen in der jüngsten Vergangenheit blicken drei von vier Unternehmen positiv in die Zukunft. Diesen Optimismus werden wir brauchen, um langfristig zu reüssieren - auch im internationalen Vergleich.

Wie stabil ist die Absicherung der Betriebe durch Eigenkapital?
Vybiral: Rund zwei Drittel der Betriebe mussten während der Krise Abstriche machen. 25 Prozent waren von dieser Entwicklung stark betroffen. Trotzdem sahen sich fast 70 Prozent der heimischen Firmen in der Lage, auch während der Pandemie zu investieren. Ein Teil von ihnen konnte geplante Investments eins zu eins realisieren, mehrheitlich aus Eigenkapital heraus. Und dieser Trend wird sich fortsetzen.


Die aktuell niedrigen Insolvenzzahlen zeigen eine verkehrte Welt.

Digitalisierungsschub ist das in der Pandemie entstandene Schlagwort. Gibt es bei den Betrieben eine entsprechende Neuausrichtung ihrer Geschäftsmodelle?
Vybiral: Es hat ganz offensichtlich eine Megakrise gebraucht, damit die Unternehmen aus dem digitalen Dornröschenschlaf erwachen. Aber immerhin digitalisieren jetzt zwei Drittel der Betriebe, vor der Krise war das lediglich ein Drittel. Das reicht allerdings noch nicht: Um in Zukunft zu bestehen, müssen sich die Firmen neuen Marktgegebenheiten anpassen. Und hier gibt es Luft nach oben: sei es bei Geschäftsmodellen, im Vertrieb oder auch in punkto Individualität bei Produkten.

Auch der Begriff der Zombie-Unternehmen geht auf die Krise zurück. Gemeint sind Betriebe, die nur noch durch die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen über Wasser gehalten werden. Für wie viele Krisenbetriebe war die Pandemie tatsächlich der Auslöser?
Vybiral: Die aktuell niedrigen Insolvenzzahlen zeigen eine verkehrte Welt, die vor allem den staatlichen Eingriffen geschuldet sind. Viele hatten bereits vor der Krise mit massiven wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen und können sich aktuell nur dank finanzieller Hilfe über Wasser halten. Diese Entwicklung geht jedoch in die falsche Richtung. Es braucht vor allem zielgerichtete Unterstützung für jene, die nur aufgrund der Pandemie in Turbulenzen geraten sind und die aus wirtschaftlicher Sicht auch eine reelle Überlebenschance haben.

Wird es bei Unternehmenspleiten heuer noch zu einer harten oder einer sanften Landung kommen?
Vybiral: Es ist zu erwarten, dass die Zahl der Insolvenzen im Herbst zumindest leicht steigen wird und am Ende des Jahres in etwa das Vorjahresniveau erreichen wird, eventuell leicht darüber. Diese steigende Tendenz wird jedenfalls in die Jahre 2022 und 2023 reichen. Den häufig angekündigten Tsunami sehen wir nicht.


Quer über alle Branchen hinweg ist es für viele fünf vor zwölf oder sogar noch später.

Wie geht der KSV 1870 in der aktuellen Situation bei seinen Bonitätsbewertungen vor?
Vybiral: Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst, die mit einer Unternehmensbewertung einhergeht. Es macht keinen Sinn, eine Branche in Bausch und Bogen "downzugraden", denn es gibt auch innerhalb einer Gruppe massive Unterschiede. Wir setzen auf die Symbiose Mensch und Maschine, haben rund 100 Personen im Feld, die auf die Unternehmen aktiv zugehen, um ein konkretes und individuelles Bild zu zeichnen.

Viele Branchen wie der IT-Sektor oder das Baugewerbe haben von der Pandemie profitiert. Wie ist dort die Investitionsstimmung?
Vybiral: Quer über alle Branchen hinweg ist es für viele fünf vor zwölf oder sogar noch später. Heißt im Umkehrschluss: Es muss Geld in die Kassa. Nur so werden auch notwendige Investitionen finanzierbar sein. Die IT und das Baugewerbe konnten auf Umsatzseite zuletzt Zuwächse erzielen und haben aktuell eine verhältnismäßig stabile Basis.

Wann rechnen Sie wieder mit einer Rückkehr zur Normalität?
Vybiral: Das hängt davon ab, wie nachhaltig die zuletzt gesetzten Geschäftsöffnungen sind. Generell sollte es aber im Jahr 2022 zu einer wirtschaftlichen Entspannung kommen.


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