KSV-Chef Vybiral: "Digitalisierung wird Branchen komplett verändern"

KSV-Chef Vybiral: "Digitalisierung wird Branchen komplett verändern"

Ricardo-José Vybiral, Vorstandschef KSV1870 Holding AG

Der Chef des Gläubigerschutzverbands KSV1870 wagt einen Ausblick auf das Jahr 2019. KSV-Chef Ricardo-José Vybiral spricht über die Chancen der der Digitalisierung. Und warum Start-up-Unternehmer sich klarer positionieren sollen. Ebenso nimmt er Stellung zum Brexit und den Handelskrieg USA/China und was dies für Unternehmen in Österreich bedeuten kann.

trend: Das Jahr 2019 wird im Vergleich zu den vergangenen Jahren einige Veränderungen bringen. Brexit, EU-Wahl, Handelskrieg USA gegen China und auch die Abkühlung der Konjunktur, gleichzeitig auch die vermehrten Anstrengungen bei der Digitalisierung.
Ricardo-José Vybiral: Ein Hauptproblem unserer Zeit ist, dass der Nationalismus wieder an Kraft gewinnt. Ich persönlich sehe das sehr kritisch, wenn in der EU nicht mehr das Gemeinsame sondern wieder das Trennende gelten soll. Das ist nicht gut. Brexit und der Handelskrieg USA gegen China zeigen schon auf, wo das hinführt, wenngleich die Folgen davon noch nicht klar bestimmbar sind.

Die Erhöhung der Zölle wird nicht vor Österreichs Wirtschaft halt machen. Was wird‘s kosten?
Die Erhöhung der Zölle auf Stahl und Aluminium wird die heimische Wirtschaft etwa 50 Millionen Euro kosten. Die Folgen des Handelskriegs zwischen USA und China sind für Österreichs Wirtschaft also überschaubar. Kritisch könnte es durchaus werden, wenn US-Präsident Trump sich die Autoindustrie vornimmt. Da könnte es durchaus auch die heimische Zuliefererindustrie empfindlicher treffen, als wir es jetzt vermuten. Eines ist aber klar: Zölle haben Ökonomien noch nie weiter gebracht. Aber man muss auch abwarten, was nun bei den Verhandlungen der USA mit China passiert.


Sollte der harte Brexit kommen, weiß heute niemand wirklich, was sein wird.

Zum Thema Brexit: Ein harter Brexit scheint wahrscheinlicher denn je. Würde dies Österreichs Wirtschaft stark treffen?
Ein harter Brexit hat für Österreich so gut wie keine Auswirkung, auch wenn Großbritannien zu den Top-10-Staaten bei den Exporten innerhalb der EU zählt. Die Nachfrage in der EU ist außerdem robust. Viel wichtiger ist, dass Italien als drittwichtigster Handelspartner nicht noch mehr in die Rezession schlittert. Und klarerweise ist hierzulande der Blick auch immer auf Deutschland gerichtet, wie sich die Konjunktur dort entwickelt. Aber sollte der harte Brexit kommen, weiß heute niemand wirklich, was sein wird. Alle bisherigen Vorhersagen sind für mich eher wie Kaffeesudlesen.

Rechnen Sie damit, dass die EU den Briten noch Eingeständnisse machen wird?
Die EU wird sich nicht bewegen. Die Briten haben mit dem Brexit ein Eigentor geschossen. Und das wird immer mehr zur Gewissheit. Der Brexit ist im Übrigen ein klassisches Beispiel dafür, wie man mit Daten und Fakten bewusst die Menschen irre leitet und täuscht.

Kommen wird daher zum Zukunftsthema Digitalisierung. Das haben Sie selbst und der KSV1870 auf der Agenda ganz oben stehen. Es wird viel gesprochen über Internet 4.0, "Internet of Things" oder schlicht Digitalisierung – wie weit ist man bei dem Thema in Österreich?
Die Unternehmen befassen sich mit der Digitalisierung, das Thema ist bei den Unternehmen angekommen. Aber es gibt da in vielen Unternehmen noch ein Missverständnis zu klären. Digitalisierung wird in erster Linie als nächster Schritt zu einer Kosteneinsparung gesehen. Doch es ist mehr als nur Kosten zu sparen, viel mehr als nur das.


Für die Betroffenen heißt es, sich rechtzeitig auf die Folgen der Digitalisierung vorzubereiten.

Allerdings muss man sagen, dass IT und in die Digitalisierung, sagen wir über die vergangenen 20 Jahre, stets auch aus Gründen der Effizienz und im Lichte der Kosteneinsparung gemacht wurden?
Das stimmt, es ist aber nicht das vorherrschende Thema. Digitalisierung bedeutet, dass Unternehmen neue Services und Produkte anbieten können. Und zwar rund um die Uhr. Anhand von Daten und Analysen können sie ihre Aktivitäten besser steuern, sowohl in der Produktion als auch beim Absatz der Produkte. Und zudem sind die Analysemöglichkeiten viel besser und einfacher geworden, und nicht nur Thema in Großunternehmen, die sich damit ohnehin schon lange befassen.

Wo sehen Sie konkrete Chancen für die Digitalisierung?
Die Digitalisierung wird Branchen komplett umdrehen und verändern. Es ist bereits sichtbar im Bankwesen. Kleine Fintechs drängen bereits in den Markt und haben das klassische Bankgeschäft und große Bankkonzerne ziemlich aufgemischt. Oder nehmen wir Versicherungen oder die Energiebranche. Bei Themen wie Smart Metering, also intelligente Stromzähler, und Energieeffizienz gibt es noch viele Entwicklungsmöglichkeiten und Nutzungsformen. Da sind wir erst am Anfang. Dasselbe gilt für die Autoindustrie. Wir werden neue Carsharing-Modelle erleben und viele neue Services rundherum. Und nicht nur in Ballungszentren, sondern auch in anderen, nicht so dicht besiedelten Regionen. Nutzung statt Besitz ist dabei ein Top-Thema. Oder nehmen wird im Dienstleistungssektor die ganzen Delivery-Themen. Selbst die Land- und Forstwirtschaft wird wie jede andere Branche die Digitalisierung erfassen. Und für die Betroffenen heißt es da, sich rechtzeitig darauf vorzubereiten.

Dafür müssen die Unternehmen aber auch einiges investieren. Sind die Unternehmen dazu bereit?
Wir haben schon eine Zeitlang Hochkonjunktur, der Wirtschaft und den Unternehmen geht es recht gut. Nach der Finanzkrise 2009 sind die Unternehmen vorsichtiger geworden. Das spiegelt sich auch in den Austrian Business Check-Umfrageergebnissen des KSV1870 wieder. Wenn sie investieren, dann vor allem in die Informationstechnologie. Und die Unternehmen bilden auch Eigenkapital, um für die Investitionen entsprechend ausgerüstet zu sein.


Es gibt noch immer Unternehmen, die glauben, von der DSGVO nicht betroffen zu sein.

Bei der Datenschutzgrundverordnung, einem der Top-Themen für Unternehmer im Jahr 2018, haben allerdings viele Unternehmer ausgelassen. Sie sagten noch im Herbst, dass fast die Hälfte der Unternehmen Nachholbedarf haben, obwohl die DSGVO bereits am 25. Mai 2018 in Kraft getreten ist. Was ist der aktuelle Stand? Und warum gibt es einen Rückstand?
Es gibt natürlich noch immer Unternehmen, die glauben, von der DSGVO nicht wirklich betroffen zu sein. Das sind überwiegend Kleinunternehmer. Alle anderen Unternehmen sind großteils DSGVO-ready. Der Druck wurde geringer, daher vielleicht die Nachlässigkeit. Zudem hat das auch mit den Strafen zu tun, die nicht überbordend sind. Allerdings: Ich würde dennoch empfehlen, sich schleunigst DSGVO-ready zu machen, falls es noch nicht geschehen ist. Und nicht darauf setzen, dass man nicht überprüft wird.

Zum Thema Gründung. Viele junge Start-up-Gründer wollen die Digitalisierung nutzen, um ein eigenes Unternehmen zu gründen. Nur: Allzu oft kommt immer noch im dritten oder fünften Jahr aus verschiedensten Gründen das Aus. Was wollen Sie Start-up-Gründern mit auf den Weg geben, damit Sie nicht mit dem KSV zu tun bekommen, der dann die Gläubiger vertritt und die Schulden eintreibt?
Zunächst muss ich sagen, dass wir für die Unternehmen da sind, ihnen Daten und Fakten zu über Geschäftspartner zur Verfügung stellen. Und wir helfen ihnen auch helfen dabei, ihre Ratings zu optimieren. Wir versorgen Unternehmen mit jede Menge Infos zu aktuellen Themen. Stichwort DSGVO – da haben wir den Mitgliedsunternehmen gezeigt, wie sie sich richtig vorbereiten müssen. Und anderem auch online über Webinare. Zum Thema Tipps für Start-up-Unternehmer gibt es drei ganz wesentliche Dinge zu beachten.
Erstens: Ein klarer, lückenloser Business-Plan ist freilich unverzichtbar. Der Gründer muss sich zudem im Klaren sein über die Stärken und Schwächen. Eine SWOT-Analyse ist hilfreich, die Idee noch genauer auf den Punkt zu bringen. Wenn die Ziele in den Business-Plänen zu locker definiert sind, dann wirft es viele Start-up-Unternehmer schon in den ersten drei Jahren aus der Bahn.
Zweitens: Unverzichtbar ist das Risikomanagement. Viele Start-up-Unternehmer sind anfangs, vor allem im ersten Jahr von einzelnen Partnern abhängig. Mit unseren Dienstleistungen bekommt der Gründer einen Blick auf die Bonität. So kann er sich entsprechend einstellen. Dazu eine Zahl: Bei 85 Prozent aller Insolvenzen zeigt das Rating bereits 12 Monate vorher eine erhöhtes Risiko an.
Und drittens: das Forderungsmanagement. Viele Junge Unternehmen betreiben nicht rechtzeitig ihre Forderungen, was eigentlich selbstverständlich sein soll. Dabei ist das wichtig, um für Liquidität zu sorgen. Und auch in weitere Folge das eigene Rating zu verbessern. Letzteres ist vor allem bei Ausschreibungen wichtig. Wir zeigen den Unternehmern mit unserem Webinar Pimp my Rating ‘ was sie tun können, um ihr Rating zu optimieren. Gerade für junge Unternehmer ist das Rating sehr wichtig.


Zur Person

Ricardo-José Vybiral (49), ist seit Dezember 2016 Vorstandschef und Geschäftsführer vom Gläubigerschutzverband KSV1870 Holding AG. Zuvor war er über zehn Jahre CEO in der Digitalagentur Wunderman München. Davor war er bei Microsoft Österreich, Geschäftsführer bei der Direktmarketing Agentur FCBi in Wien und einst bei Compaq Austria.


Bonität

Out of Business: Aktuelle Insolvenzen

Amethyst Welt Maissau

Bonität

Familien-Ausflugsziel Amethyst Welt Maisau startet neu

Bonität

Deutlicher Rückgang bei Unternehmenspleiten