KSV-Insolvenzexperte: Schulden steigen, Pleiten werden verschleppt

Karl-Heinz Götze, Insolvenzexperte des Kreditschutzverbands KSV1870, befürchtet aufgrund der Corona-Hilfsmaßnahmen einen massiven Anstieg bei den Unternehmenspleiten bis Mitte 2021. Von einer Pleite bedrohten Firmen empfiehlt er die rasche Anmeldung der Insolvenz, um einen Neustart hinzulegen.

Karl-Heinz Götze

KSV-Insolvenzexperte Karl-Heinz Götze fordert eine Rückkehr zu geordneten Insolvenzen - ungeachtet der Corona-Krise

Die Zahl der Unternehmenspleiten in Österreich ist laut Statistik Austria stark rückläufig. Laut der jüngst von den Statistikern bekanntgegebenen Bilanz für das erste Halbjahr 2020 gab es in den ersten sechs Monaten des Jahres um 23 Prozent weniger Insolvenzen als 2019. Während per 30. Juni 2020 nur 1.998 Firmenpleiten registriert waren, mussten im Vorjahreshalbjahr zum gleichen Stichtag bereits 2.585 Unternehmen Insolvenz anmelden.

Die vermeintlich positiven Zahlen sind für Karl-Heinz Götze, Insolvenzexperte des Kreditschutzverbands KSV1870, allerdings kein gutes Signal. Für ihn sind sie vielmehr ein Beleg für verschleppte Insolvenzen, die durch staatliche Hilfsmaßnahmen und Anpassungen im Insolvenzrecht aufgrund der Corona-Pandemie ermöglicht wurden. In den Covid-19-Sonderbestimmungen der Bundesregierung zum Insolvenzrecht ist unter anderem geregelt, dass bei einer im Zeitraum vom 1. März 2020 bis 31. Jänner 2021 eintretenden Überschuldung keine Verpflichtung besteht, einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens zu stellen. Auch auf Antrag eines Gläubigers wegen Überschuldung kann das Insolvenzverfahren im genannten Zeitraum nicht eröffnet werden.

Götze legt Zahlen vor, die zeigen, dass sich die Lage bis dato weiter zugespitzt hat. Der Trend des ersten Halbjahres hat sich demnach auch im Folgequartal bis Ende September ungebrochen fortgesetzt. In den ersten neun Monaten gab des den aktuellen Zahlen des KSV1870 zufolge bereits um rund 33 Prozent weniger Firmenpleiten als im Vorjahr, bei gleichzeitig stark steigenden Passiva. Diese haben sich bis Ende September bereits auf 2,7 Milliarden Euro verdoppelt.

Die Crux der Hilfsmaßnahmen

"Das wird sicher weiter zuspitzen", sagt Götze: „Das Bild der rückläufigen Insolvenzen täuscht. Die Zahl der Pleiten wird bis Sommer 2021 massiv anwachsen und auf einen Höhepunkt zusteuern.“

Derweil sind bis Ende Jänner 2021 die Zahlungen an Sozialversicherung und Finanzamt gestundet. Ebenso ist die Insolvenzanmeldung wegen Überschuldung bis dahin aufgeschoben. „Das ist aber in Wirklichkeit keine gute Entwicklung für die Wirtschaft“, warnt Götze im Gespräch mit trend.at. Er betont, dass die stützenden Maßnahmen der Regierung wie Kurzarbeitszahlungen, Fixkostenzuschuss und Umsatzerhalt „wichtig und gut zur Überbrückung“ seien, warnt aber gleichzeitig davor, dass damit auch Insolvenzen aufgebaut, verschoben sowie in der Folge Unternehmen und Arbeitsplätze vernichtet werden können.

Wenn die Covid-Stützungen im Jahr 2021 auslaufen, wird etlichen Unternehmen der Gang vors Insolvenzgericht dennoch nicht erspart werden, ist Götze überzeugt und warnt: „Wir sehen nicht nur eine zeitliche Verschiebung der Insolvenzen, sondern auch eine gefährliche Situation für ganze Branchen, dass Unternehmen dann nicht wie bisher aus der Insolvenz in eine Sanierung kommen und die betroffenen Unternehmen am Ende der Insolvenz gleich geschlossen werden, weil überhaupt kein Vermögen mehr da ist und dann auch für die Gläubiger nichts mehr übrig bleibt. Daher könne man die Insolvenzverfahren nicht „ewig“ zeitlich verschieben und eine "zweite Chance" im Sinne eines Re-Starts wäre somit auch vertan.

Viel besser wäre es daher, wenn insolvenzgefährdete Unternehmen schon früher Insolvenz anmelden, um nach einer Entschuldung und darauf folgender Sanierung das Unternehmen fortzuführen.

Problematische Wettbewerbsverzerrung

Eine zweite wesentliche Gefahr der KSV-Insolvenzleiter in der Wettbewerbsverzerrung. „Wenn gefährdete Unternehmen mit massiven Preisnachlässen locken, könnten an sich gesunde Unternehmen gezwungen werden, in einen Dumpingwettbewerb einzusteigen", befürchtet Götze. "Am Ende werden dann eigentlich gesunde Unternehmen in eine Dumpingspirale mitgerissen und kommen dann ebenfalls in Existenznöte.“

Die Rufe nach einem neuen Insolvenzrecht hält Götze für nicht zielführend. „Insolvenz heißt in Österreich nicht gleich, Schließung und Pleite. Es gibt noch immer eine zweite Chance, einen Neustart“, betont er. Vielmehr habe das Insolvenzrecht in Österreich den Fortbetrieb von Unternehmen nach einem Schuldenschnitt und die Sanierung im Fokus: „Das hat sich bewährt. Und viele Länder beneiden uns darum, dass nach dem Schuldenerlass die Unternehmen weiter existieren und nicht gleich zugesperrt werden.“

Teilnehmer eines Insolvenzverfahrens sind in Österreich neben dem betroffenen Unternehmen und deren Geschäftsführer auch Masseverwalter, Gerichte sowie die Gläubigerschutzverbände. „Die Gemengelage zwischen Gläubiger und Schuldner ist groß“, so Götze. Es sei in Österreich niemand daran interessiert, die Unternehmen abzuwickeln oder dass sich - wie in einigen anderen Ländern - Masseverwalter am verbliebenen Vermögen gar bereichern. „Binnen drei Monaten kann sich in Österreich ein Unternehmen im Insolvenzverfahren entschulden und einen Neustart hinlegen“, so Götze.

Kein Grund zur Panik

Trotz der Corona-Krise und dem für Götze absehbaren Höhepunkt an Insolvenzen im Sommer 2021 gibt es für ihn keinen Grund zur Panik. Einen "Pleiten-Tsunami", wie er bereits vorausgesagt wird, sieht der KSV-Insolvenzleiter nicht auf Österreich zukommen. „Wir hatten Jahre mit wesentlich mehr Pleiten und auch Insolvenzen mit höheren Verbindlichkeiten“, relativiert Götze.

Der KSV1870 schätzt, dass im kommenden Jahr zwischen 6.000 und 6.500 Unternehmen Insolvenz anmelden werden müssen. Die Höhe der Verbindlichkeiten dürfte den Schnitt der vergangenen Jahre nicht sprengen, wenngleich die Pleite der Mattersburger Commerzialbank mit ihren rund 800 Millionen Euro (die drittgrößte Pleite in der Geschichte Österreichs, Anm. ) für heuer einen Ausreißer darstellen wird.

Am stärksten gefährdet sieht Götze beim Blick auf die Branchen die „üblichen Verdächtigen“: Gastronomie, Hotellerie und Tourismus, aber auch klassische Reisebüros und Unternehmen zur Deckung des persönlichen Bedarfs sind am meisten gefährdet. Unternehmen der Bauindustrie würden hingegen nicht im vorderen Kandidatenkreis rangieren, weil deren Auftragsbücher noch gut gefüllt sind. „Die Bauindustrie hinkt aber ein halbes Jahr hinterher“, so Götze.

Mit Großpleiten rechnet der KSV-Insolvenzchef derweil ebenfalls nicht. Wobei es allerdings immer noch eine große Unbekannte gibt. Zur Frage, wie lange Österreich sich weitere Lockdowns, etwa einen dritten Stillstand oder Teilstillstand von Branchen leisten kann, meint Götze: „Das kann seriöserweise niemand beantworten“.

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