Ehemalige Selbständigkeit ist häufigster Grund für Privatinsolvenz

Ehemalige Selbständigkeit ist häufigster Grund für Privatinsolvenz

Hans-Georg Kantner, Leiter Insolvenz beim KSV1870: "Je mehr Insolvenzverfahren über Unternehmer eröffnet werden, desto weniger ehemalige Selbstständige mit Schulden."

Fast ein Drittel aller Privatinsolvenzen ist laut einer Auswertung des Kreditschutzverbands KSV1870 auf ehemalige Selbständigkeit zurückzuführen. Die gute Nachricht: Früher war der Anteil der Ex-Unternehmer deutlich höher.

Bei fast einem Drittel aller Privatinsolvenzen in Österreich handelt es sich um ehemalige Unternehmer, mit 17 % und großem Abstand steht an zweiter Stelle Arbeitslosigkeit. Der Anteil der ehemals Selbstständigen ist jedoch gesunken: Er betrug 1995, bei Einführung des Privatkonkurses, noch 40 – 50 %. In den Folgejahren sank er kontinuierlich und liegt im 1. Halbjahr 2016 bei exakt 30 %. Lasten aus familiärem Umfeld (Haftungsübernahmen, Alimente, etc.) betragen nur 7 % und sind somit am seltensten Ursache für eine Pleite.

Warum der Anteil der Selbstständigen an den Privatkonkursen gesunken ist, weiß Hans-Georg Kantner, Leiter Insolvenz beim KSV1870: „ Die Abweisungen mangels Masse bei den Unternehmensinsolvenzen sind seit einigen Jahren relativ rückläufig und je mehr Insolvenzverfahren über Unternehmer eröffnet werden, desto weniger ehemalige Selbstständige mit Schulden. Wir fordern daher schon lange, dass über alle insolventen Unternehmen unverzüglich ein Verfahren eröffnet wird. Dies würde Schuldenregulierung oder Sanierung deutlich erleichtern.“

Vor 1995 konnten sich Unternehmer nur über einen Zwangsausgleich oder Ausgleich mit Mindestquoten von 20 % bzw. 40 % entschulden, bei einer maximalen Zahlungsfrist von zwei Jahren. Diese Art der Schuldentilgung ist nur leistbar, wenn das Unternehmen fortbesteht. In Österreich versuchen viele, diesen Weg der Schuldenrestrukturierung (heute Sanierungsplan) zu gehen. Gelingt das nicht oder muss das Unternehmen aus anderen Gründen geschlossen werden, bleibt ein - meist enorm schnell wachsender - Schuldenberg.

Das Schuldenregulierungsverfahren

Seit über 20 Jahren gibt es den Privatkonkurs, im Grunde haftet ihm heute nichts Privates mehr an. Kreditgeber und Schuldner können damit umgehen und es ist bekannt, dass man in Österreich seine Schulden loswerden kann, indem man sich 7 Jahre anstrengt und pfändbare Einkommensteile seinen Gläubigern zuwendet.

Am 1.1.1995, als diese Entschuldungsmöglichkeit ohne Mindesterfordernis und sogar ohne Zustimmung der Gläubiger (in diesem Fall aber mit einem Mindesterfordernis von nur 10 %) in Kraft trat, gab es in Österreich nach offiziellen Studien ca. 80.000 Personen, die zahlungsunfähig waren und einer Entschuldung bedurften. Mittlerweile wurden schon über 120.000 Verfahren eröffnet, die eine ausgesprochen hohe Erfolgsrate aufweisen: In ca. 73 % aller Verfahren kam es zu einer Einigung zwischen Schuldner und Gläubigern mittels Zahlungsplan (Vergleichswert in Deutschland 2 %). In den übrigen Fällen erfolgten Abschöpfungsverfahren, die zu ca. 85 % mit einer Restschuldbefreiung endeten.

Einkommensreduktion (22 %)

Wofür jemand Schulden macht, ist seine bzw. des Kreditgebers Privatsache. Laut Volkswirtschaftslehre ist unter „Konsum“ jede Ausgabe zu verstehen, die nicht der Anschaffung von Kapitalgütern dient, und reicht daher von einer Wohnung über Urlaub auf Pump bis zum Kasinobesuch. In aller Regel wurde der geborgte Betrag von den Kreditgebern an Einkommen und Leistungsfähigkeit der Kreditnehmer gemessen. Wenn ein Umstand eintritt, der dieses Einkommen sinken lässt, dann können diese Schulden oft sehr rasch nicht mehr pünktlich bedient werden.

Mit 17 % der Ursachen rangiert die Arbeitslosigkeit als größte Einzelursache auf dem zweiten Platz der Insolvenzgründe. Das Scheitern bzw. das Fehlen eines Broterwerbs sind also in Summe für fast 47 % aller Schuldenregulierungsfälle verantwortlich. Persönliche Ursachen anderer Art rangieren deutlich abgeschlagen.

Verschulden – Vorsatz (19 %)

In diesen Cluster fallen die eigene Leistungsüberschätzung bei der Geldaufnahme (8,6 %) und der leichtfertige Umgang mit Geld (8,7 %). Beide Gründe sind eng verwandt, denn nicht selten wird das aufgenommene Geld in Dinge gesteckt, die entweder gar nicht oder in bescheidenerem Umfang benötigt würden. Das geht vom Auto bis zum Haus, von der Urlaubsdestination bis zur Hochzeit der Kinder.

Spekulation oder Kreditaufnahmen, bei welcher die Kreditwürdigkeit vorsätzlich besser dargestellt wird, als sie in Wahrheit ist, spielen kaum eine Rolle. Generell wird die Bonität von Kreditnehmern recht genau geprüft. Die Kredite, die eigentlich nicht vergeben hätten werden dürfen, werden als Umschuldungskredite an anständige Menschen vergeben, die aber besser beraten wären, ihre noch niedrigen Schulden zu regulieren, statt mit noch mehr Geld in eine noch dunklere Zukunft zu segeln.

Lebenskrisen (12 %)

Das Besondere am Leben ist, dass es manche Prüfungen bereithält. Können diese nicht gemeistert werden, kann das auch finanzielle Auswirkungen haben. Lebenskrisen haben die Eigenschaft, dass sie die persönliche Leistungsfähigkeit sehr in Anspruch nehmen und den Betroffenen die Fähigkeit nehmen, berufliche Pflichten und Möglichkeiten wahrzunehmen. Scheidung (5 %) und sonstige Schicksalsschläge, wie z. B. Erkrankung (6 %) sind die Hauptträger dieser Krisen.

Persönliche Probleme der Schuldner (11 %)

Nicht jedem, der sich verschuldet, ist es gegönnt, über die Laufzeit seiner Rückzahlungsverpflichtung gesund und leistungsfähig zu bleiben. Mit knapp 11 % sind diese Probleme Ursache dafür, dass Menschen – hier vor allem Männer – den Unbilden des Lebens nicht mehr die Stirn bieten können. Die nicht bewältigten Schulden sind dann nur mehr ein Aspekt des Problems. Drogen, Spielsucht, Gefängnisaufenthalte usw. sind einige Beispiele für diesen Ursachencluster.

Lasten aus dem Familienbereich (7 %)

Das offizielle Österreich beklagt seit Jahrzehnten, dass die Geburtenrate zu gering sei. Zugleich werden jedoch die Kosten einer Familie in Österreich nicht oder viel zu wenig von der Öffentlichkeit anerkannt oder gar honoriert. Speziell kinderreiche Familien mit nur einem Verdiener können ein Lied davon singen. Daher ist es fast überraschend, dass diese Lasten eine eher untergeordnete Rolle bei den Insolvenzursachen einnehmen – mit knapp 5 % ist die Haftungsübernahme für nahe Angehörige zu nennen. Bekanntlich geben manchmal die Ehefrauen von Unternehmern solche Haftungen ab; Nicht selten scheitern Unternehmen und Ehe – die Haftung aber bleibt bestehen.

Seit mittlerweile bald 10 Jahren fordert die Sozialpolitik eine Rechtsreform, die der Überschuldung der natürlichen Person entgegenwirken bzw. die Phänomene dämpfen soll. Dabei stehen Zinsregeln, Anrechnung von Teilzahlungen, Inkassogebühren genauso im Raum, wie eine Reform des Entschuldungsrechtes. "Die Sozialpolitik konnte sich jedoch bis zum heutigen Tag nicht durchringen, einen Reformschritt mitzutragen, der tausenden Verschuldeten eine Erleichterung und bessere Chancen auf Schuldenregulierung gebracht hätte", heißt es von Kantner: "Obgleich es bereits 2007 und 2008 einen durchaus tragfähigen Kompromiss für eine Reihe von sinnvollen und zweifellos in Summe auch wirksamen Maßnahmen gab, möchte sie weiterhin die Nullquote gesetzlich verankert sehen."

Das Verfahren in Österreich sei allerdings auf dem Fundament errichtet, dass Schulden nur mit Zahlungen reguliert werden, und nicht – wie z. B. in Deutschland – auch mit bloßem „Bravsein“. Daher funktioniere Entschuldung hierzulande eben auch nur für Schuldner, die ihren Gläubigern etwas zahlen wollen und können. Ein OGH-Urteil des Vorjahres bestätigt, dass es keine absolute Mindestquote gibt. Das bedeutet, dass auch ohne deren Erreichung eine Restschuldbefreiung durch richterlichen Spruch (nach Billigkeit) erteilt werden kann.

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