
Oliver Holle ist Gründer und CEO des Wiener Frühphasenfonds Speedinvest und zählt damit zu den größten Risikokapitalfinanzierern Europas.
©trend/Lukas IllgnerSpeedinvest-CEO Oliver Holle über die Gründe für den Stellenabbau des Risikofinanzierers, Effizienzsteigerungen durch KI und seine Einschätzung zu dem millionenschweren Exit des oberösterreichischen Start-ups Tractive.
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TREND: Speedinvest gilt als unerschütterliches Flaggschiff der Start-up-Investment-Szene. Was macht den unerwarteten Stellenabbau in der kolportierten Größenordnung von zehn Prozent notwendig?
OLIVER HOLLE: Unerwartet ist er nicht. Es ist ein Prozess, den wir seit 18 Monaten aktiv vorantreiben, nämlich eine Verschlankung und eine Verstärkung der Seniorität im Team. Außerdem predigen wir als Tech-Investor unseren Portfoliounternehmen die ganze Zeit, in Automatisierung und KI zu investieren, darum müssen wir das natürlich auch selbst tun.
Wie kann die KI Ihr Geschäftsmodell unterstützen? Die Gespräche mit potenziellen Investoren werden ja wohl kaum von KI-Agenten geführt werden können …
Das stimmt auf der Investmentseite sicher, aber es geht vor allem ums Backoffice. Jede unserer 400 Beteiligungen muss ein monatliches Reporting abgeben, jeder unserer 16 Fonds muss ein Quartalsreporting abgeben, jede Transaktion, die bei uns durchläuft – und das sind mehrere die Woche –, muss rechtlich überprüft werden. All diese Prozesse sind Best-Case-Beispiele für einen KI-Einsatz. Und man muss auch einmal die Kirche im Dorf lassen: Wir haben uns von sieben Mitarbeitenden getrennt, in den horizontalen Investmentteams sind knapp 40 Mitarbeitende. Das heißt, wir betreiben keinen Kahlschlag, sondern es geht um eine Anpassung.
Angeblich haben Sie ja auch schon zuvor zehn Prozent der Beschäftigten abgebaut?
Wir haben schon zuvor Positionen im Investmentteam nicht ersetzt, insbesondere Junior-Positionen, um zu diesem seniorigeren Team zu kommen – was im Übrigen auch ganz dem Trend in der Venture-Branche entspricht.
Hat das auch mit der angespannten Finanzierungssituation in der heimischen und europäischen Start-up-Szene zu tun, wo es schwieriger als in den Boomjahren zuvor ist, Risikokapital aufzustellen?
Eigentlich nicht. Das Geschäftsmodell eines Venture-Capital-Fonds ist ja eigentlich ein Luxus, weil man die laufenden Umsätze gut abschätzen kann. Wir sind gerade am Start unserer neuen Fondsgeneration, die mit 600 Millionen Euro Risikokapital gleich groß wie die letzte sein wird, damit bleibt auch unser Einkommen aus den Managementgebühren konstant. Aber wir haben in den letzten fünf Jahren durch die enormen Aufwände, die wir getätigt haben, um die FMA-Lizenz zu bekommen, ein großes Team auf der operativen Seite aufgebaut und wollen das jetzt eben Schritt für Schritt besser skalieren, also weniger Headcounts, mehr Automatisierung.
Der angesprochene neue Fonds SI5 ist also nicht von den Kürzungen betroffen?
Im Gegenteil, wir haben mit dem Schritt mehr Budget, um zu investieren und auch die Bedingungen für das verbleibende Team zu verbessern. Schließlich sind wir ein attraktives Target für Abwerbungen, darum haben wir uns vorgenommen, hier Anpassungen vorzunehmen.
Die Start-up-Szene in Österreich wird gerade vom millionenschweren Exit von Tractive geprägt. Wie bedeutend ist dieser Deal?
Das ist großartig für die Gründer und Investoren, und ich gehe davon aus, dass ein guter Teil des Geldes nun auch wieder in die Szene reinvestiert wird. Jedenfalls ist es ein wichtiges Signal, das zeigt, dass man mit Investments in Start-ups auch wirklich gutes Geld verdienen kann.
Ist damit auch eine Entspannung der Szene verbunden?
Na ja, ein einzelner Exit, der weitgehend von Privatinvestoren finanziert worden ist, macht keinen signifikanten Unterschied, dazu bräuchte es institutionelles Kapital, das nachhaltig und im großen Ausmaß in die heimische Start-up-Szene fließt. Aber kurzfristig bringt es sicher eine Belebung.
Für den angekündigten Dachfonds soll demnächst das Management ausgeschrieben werden. Könnte dieser dann eine Erholung bringen?
Die Signale, die ich bekomme, sind sehr positiv. Es soll zunehmend mehr Commitments von institutionellen Investoren geben. Wenn es der Politik gelingt, da wirklich auch privates Kapital hinzuzuholen, dann bietet das eine echte Chance. Schließlich sind wir eines der ganz wenigen europäischen Länder, in denen es so ein Instrument nicht gibt. Dieser Standortnachteil könnte damit wettgemacht werden.
